Stand: 11.06.18 17:11 Uhr

Bewegung in Debatte um Austragungsort in Israel

Blick über den Felsendom und die Altstadt Jerusalems © dpa Fotograf: Roland Holschneider

Umstritten: Jerusalem als Veranstaltungsort für den ESC.

Die Frage, wann und vor allem wo der Eurovision Song Contest 2019 in Israel stattfinden wird, bewegt nicht nur die Fans: Heiße Diskussionen um den Austragungsort finden offenbar auch hinter den ESC-Kulissen statt. Nachdem die israelische Kultur- und Sportministerin Miri Regev noch vergangene Woche in einem Radiointerview empfohlen hatte, den ESC nicht in Israel auszurichten, wenn er nicht in Jerusalem stattfindet, ruderte die Regierung nach einer Telefonkonferenz zwischen Ministerpräsident Benjamin Netanjahu und weiteren Kabinettsmitgliedern nun zurück, wie die israelische Tageszeitung "Times of Israel" berichtet. So wurde beschlossen, auf jegliche weitere politische Einmischung zu verzichten und die Verhandlungen mit der EBU ausschließlich dem öffentlich-rechtlichen Sender Kan zu überlassen.

Schadensbegrenzung

Offenbar sah sich Netanjahu dazu genötigt, einer möglichen Entziehung des Gastgeberrolle durch die EBU vorzubeugen, nachdem eine weitere Intervention Regevs offenbar dazu geführt hatte, dass ein geplantes Freundschaftsspiel zwischen den Fußball-Nationalmannschaften Israels und Argentiniens abgesagt wurde. Die Sportministerin hatte darauf bestanden, das Spiel aus Sicherheitsgründen von Haifa nach Jerusalem zu verlegen. Daraufhin soll es zu Morddrohungen gegen die Spieler und ihre Familien gekommen sein. Kritiker wie der israelische Sportkommentator und Oppositionspolitiker Zuheir Bahloul erklärten dagegen gegenüber der britischen Tageszeitung "The Independent", dass die politische Ausschlachtung des Freundschaftsspiels zu der Absage geführt habe.

Auch Haifa und Eilat im Rennen

Die EBU zeigt sich derweil von den Ereignissen unbeeindruckt und äußert sich diplomatisch neutral. Gegenüber der "Jerusalem Post" erklärte ein nicht genannter EBU-Verantwortlicher, "dass noch keine Entscheidung hinsichtlich Austragungsstadt, -ort und -datum getroffen wurde" und "mindestens zwei Auswahlmöglichkeiten für Austragungsstadt und -ort" von der ausrichtenden Rundfunkanstalt vorgeschlagen werden müssten. Nachdem Jerusalem nicht mehr als alternativlos gilt, haben sich jetzt auch die beiden Küstenstädte Haifa und Eilat um die Ausrichtung des größten Musikwettbewerbs der Welt beworben. Eilat ist zwar touristisch gut erschlossen, liegt aber ein wenig abseits am Roten Meer. Haifa lockt dagegen mit ausgezeichneter Infrastruktur, kosmopolitischer Atmosphäre und dem 30.000 Personen fassenden Samy-Ofer-Stadion, das allerdings noch überdacht werden müsste. Sogar einen internationalen Flughafen hat die Hafenstadt am Mittelmeer zu bieten. Und obwohl Bürgermeister Ron Huldai schon im Mai ausgeschlossen hatte, dass sich Tel Aviv um die Ausrichtung bewirbt, scheint nun auch die Party-Metropole in der engeren Wahl zu stehen, wie das Online-Portal "esctoday.com" vermeldet.

Keine Auslagerung der Nachrichtenredaktion?

Während die medialen Wortgefechte um die Austragungsstadt einem Sommertheater gleichen, zeichnet sich hinter den Kulissen eine Überraschung ab: Offenbar will die Regierung Netanjahu auf die geplante Auslagerung der Nachrichtenredaktion aus dem öffentlich-rechtlichen Fernsehsender Kan verzichten, wie die israelische Tageszeitung "Yediot Aharonot" berichtet. Eine offizielle Stellungnahme wird im Laufe der Woche erwartet. Damit wäre die Vollmitgliedschaft des Senders in der Europäischen Rundfunkunion und seine Teilnahmeberechtigung am Eurovision Song Contest endgültig gesichert. Vor allem aber würde dies eine Stärkung des öffentlich-rechtlichen Rundfunks in Israel bedeuten, dessen politische Unabhängigkeit zuletzt stark gefährdet schien. Womöglich lässt sich mit stillen Hintergrundgesprächen doch mehr erreichen als mit öffentlichem Pressegetöse.

Dieses Thema im Programm:

NDR Blue | ESC Update | 30.06.2018 | 19:05 Uhr