Stand: 09.05.16 18:40 Uhr

Dami Im: "Auf der Bühne vermisse ich mein Handy"

von Salome Zadegan
Dami Im auf dem Balkon des Euroclubs in Stockholm © NDR Foto: Anna Mundt

Interview trotz Jetlag: Für eurovision.de plaudert Australiens Kandidatin Dami Im aus dem ESC-Nähkästchen.

Sie ist die zweite ESC-Teilnehmerin, die Australien vertreten darf. In Stockholm treffen wir Dami Im vormittags im Euroclub. Für uns zieht sie schnell noch einmal ihre hohen Schuhe an, passend zum grauen Glitzerkleid. Sie hat immer noch Jetlag, denn der Zeitunterschied zwischen Australien und Schweden beträgt acht Stunden. Gut, dass wir gemütlich zusammen auf der Couch sitzen können, wo Dami verrät, dass es mal eine Zeit gab, in der sie ihren Gesang schrecklich fand und selbst ihre Mutter nicht geglaubt hat, dass sie es schaffen kann.

Ist das dein erster Europa-Trip?

Dami Im: Nein, ich bin schon zum zweiten Mal in Stockholm. Ich war schon in Italien, in der Schweiz, aber noch nicht in Deutschland. Da will ich als Nächstes hin.

Weißt du schon, wann?

Wenn es beim ESC gut läuft, kann ich auf Tour gehen und dann werde ich nach Deutschland kommen.

Wenn du vorher schon mal in Europa warst, ist es jetzt beim ESC mehr oder weniger aufregend?

Es ist schon etwas ganz anderes im Vergleich zum letzten Mal. Durch den ESC ist alles einfach so verrückt. Es sind viel mehr Leute hier. Letztes Mal war es mitten im Winter. Sehr kalt, niemand auf den Straßen. Jetzt sind sie alle draußen und trinken Bier und sind glücklich. Es ist viel besser als beim letzten Mal.

Gibt es etwas, das dich überrascht hat?

Im Moment ist jeder Tag eine Überraschung für mich. Es passiert so viel, das ist eine sehr intensive Erfahrung. Es sind so viele Leute an dieser Produktion beteiligt. Zu sehen, wie viele Länder hier teilnehmen und dass es überhaupt möglich ist, alle an einem Ort zusammenzubringen, halte ich einfach für unglaublich und wer auch immer das organisiert, macht so einen großartigen Job.

Was von dieser intensiven Erfahrung gefällt dir bisher am besten?

Dami Im auf dem Balkon des Euroclubs in Stockholm © NDR Foto: Anna Mundt

Damis Tage in Stockholm sind streng durchgeplant. Stundenlang Interviews geben, Proben und nachts für die Fans und Journalisten im Euroclub performen.

Ich mag es, die Leute aus den verschiedenen Ländern zu treffen. Ich hab noch nie so viele Leute getroffen. Nicht jeder kann einfach so mal Menschen aus der ganzen Welt treffen. Es ist, als wäre ganz Europa plötzlich an einem Ort.

Du hast auch schon Jamie-Lee getroffen und ihr habt euch offensichtlich ganz gut verstanden. Ist das überhaupt möglich, Konkurrentinnen zu sein und trotzdem Freundschaft zu schließen?

Ja. Ich denke schon. Es ist definitiv ein Wettbewerb. Aber trotzdem möchten alle miteinander befreundet sein. Auf der Bühne macht ja jeder sein eigenes Ding. Da ist jeder für sich und jeder konzentriert sich auf seine Kunst. Aber das heißt nicht, dass wir die anderen Performances nicht mögen dürfen. Jamie-Lees Performance ist ganz anders als meine. Ich mag sie, wir haben uns über K-Pop unterhalten. Ich komme ja ursprünglich aus Korea und sie weiß mehr über diese Bands als ich.

Du bist die ESC-Teilnehmerin für Australien, hast aber koreanische Wurzeln. War das ein Diskussionsthema, als du für den ESC ausgewählt wurdest?

Ja. Ich glaube, die meisten Leute haben sich für mich gefreut und mich unterstützt. Aber es gibt immer ein paar Leute, die sich beschweren. Ich sehe nicht europäisch aus. Aber du kannst nicht alle glücklich machen. Ich bin stolz, dass ich als Teil einer Minderheit Australien repräsentiere. Ich weiß, dass Europa dafür sehr viel Akzeptanz hat.

In Europa ist der ESC eines der letzten großen Fernseh-Events, bei dem Familien und Freunde zusammenkommen. Wie ist es in Australien und speziell in deiner Familie?

Es gibt bei uns auch Eurovision-Partys, bei denen Leute zusammen schauen oder sie gehen ins Kino, wo der ESC übertragen wird. Ich glaube schon, dass der ESC die Leute zusammenbringt. Das passiert heute ja nicht mehr so oft. Meine Eltern haben den ESC nur manchmal geschaut. Ich habe das mit meiner Schulfreundin zusammen geschaut. Wir hatten dann eine Übernachtungsparty und sie hat mir den ESC erklärt. Und jetzt bin ich ein Teil davon, das ist einfach verrückt. Ich hab ihr auch geschrieben, dass wir früher immer zusammen geschaut haben und ich jetzt selbst mitmache. Und sie hat sich sehr gefreut. Ihre ganze Familie wird mich jetzt anfeuern.

Die australische Sängerin Dami Im auf dem roten Teppich bei der Eröffnungszeremonie des Eurovision Song Contest. © eurovision.tv/Andres Putting Foto: Andres Putting

Früher war Dami Im nur Fan, heute ist sie als ESC-Star selbst dabei.

Deine Mutter ist Opernsängerin. Wie hat dich das in deiner Entwicklung als Künstlerin beeinflusst?

Ich war ja erst mal eher auf das Klavierspielen konzentriert. Meine Mutter dachte, ich würde Konzertpianistin werden. Als ich ihr als Teenager gesagt habe, dass ich singen will, war sie etwas besorgt, weil sie was anderes für mich wollte. Sie dachte, meine Stimme sei nicht stark genug. Aber sie hat gesagt "Probier, ob es klappt". Und es hat geklappt. Ich habe X-Factor gewonnen und ich kann vom Singen leben. Jetzt ist sie stolz auf mich, wie weit ich gekommen bin und sie denkt natürlich, dass ich das alles von ihr habe.

Hat sie dir denn mal einen guten Rat gegeben, von dem du in deiner Karriere profitiert hast?

Sie hat mir Tipps gegeben, wie ich auf meine Stimme aufpassen kann. Nicht zu viel feiern, Honig, Ingwer, Zitrone essen. Aber wenn ich sie wirklich gefragt habe, hat sie immer gesagt "Du weißt schon selbst, was du tun musst". Als ob sie mir nicht alles vorkauen wollte, sondern wollte, dass ich das selbst herausfinde. Oder sie wollte es einfach für sich behalten. Ich weiß nicht.

Und vielleicht bist du ja deshalb so gut geworden, weil du selbst drauf gekommen bist ...

Ja, vielleicht. Ich hab mich früher in meinem Zimmer eingeschlossen und Songs von großen Diven wie Mariah Carey und Whitney Houston gesungen und das mit meinem Computer aufgezeichnet. Damals klang das sehr schlimm. Ich konnte einfach nicht singen. Aber ich hab einfach jahrelang damit weitergemacht. Und so hab ich es irgendwie selbst gelernt. Und ich bin heute froh, dass meine Mutter mich das hat machen lassen, sonst würde ich heute auch klingen wie eine Opernsängerin. So konnte ich meinen eigenen Klang entdecken.

Dein Song "Sound Of Silence" ist sehr emotional. Welche Geschichte erzählt er?

In "Sound Of Silence"geht es darum, von dem, den du liebst, getrennt zu sein und sich einsam zu fühlen. Heutzutage sind ja alle über Social Media verbunden. Trotzdem fühlen wir uns immer einsamer, weil wir trotzdem nicht miteinander kommunizieren. Wir sind durch Technologie dauernd miteinander verbunden, fühlen uns aber immer weiter voneinander entfernt.

Gilt das auch für dich?

Auf jeden Fall. Als ich Sängerin geworden bin, musste ich auf einmal so viel reisen. Ich war nur in Hotelzimmern. Ich hab ihn vermisst und mich sehr weit weg gefühlt. Ich hab versucht, seine Gegenwart durch mein Telefon zu fühlen. Aber auch generell wenn ich mein Smartphone benutze habe ich das Gefühl, ich rede zwar mehr mit Leuten, aber ich treffe sie eigentlich immer seltener. Ich höre ja nicht mal ihre Stimmen, wenn wir texten. Das ist eigentlich nicht gut.

Klingt traurig. Identifizierst du dich mehr mit der Musik, wenn du traurig bist oder wenn du glücklich bist?

Ich denke eher, wenn ich traurig bin. Musik hilft mir, diese ganzen Gefühle herauszulassen, selbst, wenn ich nicht drüber sprechen will oder es nicht in Worte fassen kann. Ich kann dann immer noch singen und Klavier spielen.

Wenn du auf die Bühne gehst, um deine Musik zu performen, gibt es da etwas, das du gerne bei dir hättest, was aber nicht zum Outfit gehört? Eine Uhr zum Beispiel?

Dami Im bei der Probe in der Globe-Arena. © eurovision.tv Foto: Andres Putting (EBU)

Als Dami erfahren hat, dass sie Australien beim ESC vertreten wird, war ihre wichtigste Vorbereitung, einen Designer zu finden, der ihr Kleid näht.

Ja! Mein Handy! Ich würde gerne auf der Bühne Selfies machen oder die Bühne und die Leute fotografieren.

Was machst du eigentlich gegen das Lampenfieber?

Du kannst nichts dagegen tun. Ich gehe einfach nur immer wieder den Auftritt in meinem Kopf durch. Und versuche, an mich zu glauben und selbstsicher zu sein. Und ich frage dauernd meinen Mann Noah, ob ich gut aussehe und gut klinge. Ich brauche das dann, dass er ja sagt, und dann kann ich an mich selbst glauben und daran, dass ich es schaffen kann.

Dieses Thema im Programm:

Das Erste | Eurovision Song Contest | 14.05.2016 | 21:00 Uhr