Stand: 06.05.16 10:15 Uhr

Serhat: "Die Türken sind stolz auf mich"

Dr. Irving Wolter im Gespräch mit San Marino´s Sänger Serhat.  Foto: Irving Wolter

Mit Serhat tritt zum ersten Mal ein türkischer Sänger für ein anderes Land beim ESC an. Dr. Eurovision hat ihn getroffen.

Ahmet Serhat Hacıpaşalıoğlu ist nicht nur ein erfolgreicher Moderator, Showmaster und Sänger, sondern auch ein ausgewiesenes Sprachtalent. In seiner Stockholmer Hotelsuite beantwortet der Istanbuler Showman die Fragen in bestem Deutsch und plaudert von seiner Leidenschaft für den größten Musikwettbewerb der Welt, den er noch immer "Grand Prix" nennt.

Serhat, du bist auf die Deutsche Schule in Istanbul gegangen und sprichst fließend Deutsch. Wieso hast du dein Abitur denn gerade dort gemacht?

Serhat: Das war die Entscheidung meines Vaters, denn mit elf Jahren hat man ja nicht die Freiheit sich auszusuchen, welche Schule man besucht, aber ich glaube, es war die richtige Entscheidung. Ich bin sehr stolz auf die Deutsche Schule in Istanbul und bis heute Vorsitzender des Vereins der ehemaligen Schüler. Meine Beziehung zu der Schule ist also noch immer sehr, sehr eng.

Deine Beziehung zum Song Contest ist ja auch sehr eng: Du bist schon seit vielen Jahren Fan, und den Produzenten deines Beitrags "I Didn’t Know", Manfred Holz, hast du 2000 als Zuschauer beim ESC in Stockholm kennengelernt. Wie kommt es, dass du erst jetzt versuchst, am Wettbewerb teilzunehmen und nicht schon viel früher - für deine Heimat, die Türkei?

Serhat: Also, ehrlich gesagt: Ich dachte nicht, dass ich eines Tages wirklich am Grand Prix teilnehmen würde. Vielleicht hatte ich unterbewusst diesen Traum, aber ich habe niemals darüber gesprochen. Ich war ja schon vor 2000 sehr am Song Contest interessiert: 1974 habe ich ABBA im Fernsehen gesehen, das war für mich der Beginn einer großen Lovestory … (lacht). Aber es ist schon interessant, dass ich damals mit Manfred im Globen saß und heute, 16 Jahre später, im gleichen Saal auf der Bühne stehe. Vielleicht hat das ja eine Bedeutung, wer weiß?

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Du hast sehr viel Energie in deine Promo-Tour gesteckt, allerdings warst du nur auf dem Balkan und in Südeuropa unterwegs - im Norden warst du nicht. Warum?

Serhat: Der ursprüngliche Plan war tatsächlich, in den Norden zu gehen. Ich wollte eigentlich mit Island anfangen, und auch nach Finnland wäre ich gerne gegangen. Die nördlichen Länder haben aber ein anderes System, was den ESC anbetrifft. Da kannst du nicht einfach hingehen und sagen: Ich bin da und möchte jetzt meinen Song präsentieren. Es war dann auch zeitlich nicht möglich, weil die Flüge zwischen diesen Ländern sehr ungünstig lagen und wir viel Zeit verloren hätten. Deshalb habe ich mich auf ein Gebiet konzentriert, das von Istanbul aus leicht zu erreichen ist. In manchen der neun Länder, die ich besucht habe, war ich noch nie, in anderen schon öfter, aber es war eine sehr tolle Reise. Ich habe mich wie ein König gefühlt. Oder noch besser: Wie ein Pascha!

Du trittst ja für San Marino an, das im italienischen Kulturkreis liegt. Die ursprüngliche Form von "I Didn’t Know" erinnert an die Musik des italienischen Singer-Songwriters Paolo Conte. Inwieweit inspiriert er dich?

Serhat steht inmitten einer Gruppe von Frauen. © eurovision.tv Foto: Thomas Hanses (EBU)

Serhat fühlt sich bei den Proben auf der ESC-Bühne sichtlich wohl.

Serhat: Ich bin in Istanbul mit Weltmusik aufgewachsen, und ein Teil davon war auch italienische Musik. Besonders in den 1970er- und 1980er-Jahren dominierte italienische und französische Musik die türkischen Charts. Ich bin zum Beispiel ein großer Fan der italienischen Sängerin Mina. Natürlich ist der Vergleich mit Paolo Conte ein großes Kompliment für mich und es gibt sicherlich Ähnlichkeiten, aber jeder hat seinen eigenen Stil und ich habe nie versucht, so zu sein wie er. Ich möchte nur ich sein und niemand anderes.

Was war deine Strategie bei der Auswahl deines Beitrags?

Serhat: Ich habe mich dafür schon vor zehn Jahren entschieden, echt! "I Didn’t Know" wurde vor zehn Jahren für mich geschrieben, und als ich zusammen mit meinem Komponisten saß, um das Demo aufzunehmen, sagte ich so aus Spaß: "Das Lied ist so gut und ich finde mich darin so sehr wieder - lass es uns für den Eurovision Song Contest zur Seite legen!"  Als wir das Lied dann vor einem Jahr in Brüssel produziert haben, war gar nicht die Rede von Eurovision, und wir waren fast fertig mit meinem neuen Album, als die Anfrage aus San Marino kam, ob ich sie beim ESC vertreten würde. Aber da war mir gleich klar, dass es genau mit diesem Lied sein muss.

Du hast das Video von Manfred Thierry Mugler produzieren lassen - wie kam dieser Kontakt zustande?

Serhat: Als Manfred in den 1990er-Jahren in der Modeszene sehr, sehr bekannt war, habe ich in meinen Shows viele seiner Kreationen getragen. Er ist wirklich ein Genie, und ich wollte gerne mit ihm zusammenarbeiten. Den Kontakt hat dann meine französische Managerin hergestellt. Aber manchmal träumt man von etwas, und das Ergebnis entspricht nicht dem, was man sich in seinem Traum vorgestellt hat. Und das Video, das er für den Song gemacht hat, war nicht das richtige für den Grand Prix. Es sollte mich als eine Art Cartoon-Charakter zeigen, aber die Figur, die man sieht, ist nicht der echte Serhat. Das hat für einige Missverständnisse gesorgt, und  ich habe dann eingesehen, dass wir für den Grand Prix etwas anderes brauchen. Und das war dann auch der Ausgangspunkt für den Wechsel von der Balladenversion zur Discoversion.

San Marino: Serhat - "I Didn't Know"

Eurovision Song Contest

Der in Istanbul geborene Künstler Serhat tritt für San Marino beim ESC in Stockholm an. "I Didn't Know" ist ein Disco-Song, der vor allem wegen seiner dunklen Stimme wirkt.

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Die Türkei ist ja leider nicht mehr beim ESC dabei, aus deiner Heimat wirst du also keine Stimmen bekommen. Aber habt ihr gezielt Werbemaßnahmen getroffen, um die türkeistämmige Bevölkerung in den übrigen europäischen Ländern zu mobilisieren?

Serhat: Aber natürlich! Jeder macht das doch! Alle wollen ihre Landsleute erreichen - warum ich nicht? Die Türken in der Türkei und im Ausland, aber auch die türkischen Medien sind so stolz auf mich, weil zum ersten Mal ein türkischer Sänger ein anderes Land repräsentiert. Und natürlich hoffe ich, dass möglichst viele mich auch beim Voting unterstützen werden.

Aus der Türkei hören wir in den vergangenen Wochen und Monaten leider immer wieder beunruhigende Nachrichten, viele Medien berichten sehr kritisch über deine Heimat. Glaubst du, dass sich das als Handicap herausstellen könnte?

Serhat: Nein. Die politische Situation in der ganzen Welt ist zurzeit miserabel. Dann müssten sich auch andere Länder Gedanken darüber machen. Aber ich finde, diese Themen sollten beim ESC keine Rolle spielen. Ok, das Ganze ist ein Wettbewerb und jedes Land möchte gewinnen, aber es ist auch kein Krieg, und wir sollten die Qualität der Lieder bewerten, nicht woher jemand kommt und welche politische Situation in dem betreffenden Land herrscht. Ich hoffe, dass der Eurovision Song Contest für immer außerhalb dieser politischen Dinge bleiben wird. Nur dann hat es einen Sinn, hier unter dem Motto "Come Together" zusammenzukommen.

Stell dir vor, die große Eurovisionsfee würde vor dir erscheinen und dir einen Wunsch im Zusammenhang mit dem ESC erfüllen. Welcher wäre das?

Serhat: Wenn wir in der Türkei etwas wünschen, dann soll es in einem gesunden Maß geschehen. Man soll kein Glück erleben, dass einem später Unglück bringt. Deshalb sagen wir immer "hayırlısıyla", was so viel bedeutet wie: Möge es dir auch später noch gut tun. Und ich wünsche mir natürlich das beste Ergebnis, aber dieses beste Ergebnis soll später kein Unglück bringen.

Dann wünschen wir dir natürlich viel Erfolg - "hayırlısıyla".

Dieses Thema im Programm:

Das Erste | Eurovision Song Contest | 14.05.2016 | 21:00 Uhr