Stand: 24.11.16 13:30 Uhr

San Marino kämpft um ESC-Regeländerung

Hand tippt auf einem Smartphone vor einer Bühnenszene. (Montage) © fotolia Foto: Gino Santa Maria, Tanusha

Seit 2016 gilt beim ESC ein neues Wertungssystem: Die Punkte der Jurys und die der Zuschauer werden getrennt voneinander verkündet.

Was war das für eine Aufregung, als die European Broadcasting Union (EBU) im vergangenen Jahr verkündete, nach 40 Jahren das altbewährte Wertungssystem des Eurovision Song Contests reformieren zu wollen: Die Punkte von Juroren und Zuschauern sollten nicht mehr länger zu einer Länderwertung zusammengefasst, sondern separat verkündet werden - erst die der Fachjurys, dann die in Punkte umgerechneten Anrufe der Zuschauer in den Teilnehmerländern. Spannender sollte die Wertung dadurch werden. Und fairer, weil die Entscheidung der Zuschauer nun nicht mehr vollständig von den Juroren neutralisiert werden konnte. Für ein Land bedeutete die Änderung jedoch den Verlust der Hälfte seiner Punkte, weil es aufgrund seiner Größe nicht in der Lage ist, ein gültiges Televoting-Ergebnis zu generieren: San Marino.

Rein statistisches Wertungssystem für den kleinen Staat

Die älteste bestehende Republik der Welt zählt nicht einmal 33.000 Einwohner. Von ihnen beteiligen sich offenbar nicht genügend an der Telefonabstimmung, um einen von der EBU festgelegten Schwellenwert zu erreichen, mit dem Wertungsmanipulationen ausgeschlossen werden sollen. Vor allem aber hat San Marino (wie auch Monaco) ein technisches Problem: Das Land verfügt zwar über eine eigene Auslandsvorwahl, etwa 50 Prozent der Bewohner sind allerdings Kunden italienischer Telefonanbieter und telefonieren über das Netz des großen Nachbarn. Ihre Stimmen können daher für das Televoting des Zwergstaats nicht berücksichtigt werden. Um den Wertungs-Split dennoch wie geplant umsetzen zu können, griff die EBU daher auf eine fragwürdige Lösung zurück: Sie ermittelte das Televoting-Ergebnis aus San Marino statistisch.

Scharfe Kritik an fremdbestimmter Wertung

ESC-Ergebnisübersicht von San Marino © NDR

Bei sieben ESC-Teilnahmen hat es San Marino bislang nur ein Mal ins Finale geschafft. 2014 gelang das Valentina Monetta mit "Maybe".

Hierzu wurden die Televoting-Ergebnisse ausgewählter Teilnehmerländer herangezogen und daraus ein Mittelwert gebildet, der für die sanmarinesischen Zuschauer repräsentativ sein sollte. Welche Länder das genau sind, verrät die EBU nicht. Für ESC-Delegationsleiter Alessandro Capicchioni ist das allerdings auch gar nicht von Bedeutung: "Es geht nicht darum, wie viele und welche Länder das Televoting-Ergebnis von San Marino bestimmen, es geht darum, dass wir durch das Reglement diskriminiert werden." Besonders bitter für den kleinen Sender war, dass er Anfang dieses Jahres vor vollendete Tatsachen gestellt wurde: "Die EBU-Verantwortlichen hätten uns über eine derart wichtige Regeländerung vorab in Kenntnis setzen müssen", klagt Capicchioni. "Die Gründe hierfür sind mir schleierhaft, aber ich möchte nicht ausschließen, dass ein 'wichtigeres' Land als San Marino vermutlich rechtzeitig informiert worden wäre."

Grollen an der Senderspitze

Carlo Romeo, Generaldirektor des Fernsehsenders SMTV, spricht in ein Mikrofon © SMTV

Carlo Romeo, Generaldirektor des sanmarinesischen Senders SMTV, spricht von Diskriminierung des kleinen Landes durch die EBU.

Carlo Romeo, Generaldirektor des nationalen Fernsehsenders SMRTV, fand in einer Presseerklärung kurz nach dem Bekanntwerden der neuen Regeln im Februar noch deutlichere Worte: "Wir können nicht darüber hinwegsehen, dass die kleinen Länder bei der Wertung wieder einmal diskriminiert werden, und nicht nur das: Diesmal erfolgt die Diskriminierung sogar ganz offiziell. So etwas ist nicht akzeptabel und es ist fraglich, ob der sanmarinesische Rundfunk sich auch im nächsten Jahr gefallen lassen wird, dass derartige Entscheidungen einfach nur kommuniziert und nicht mit den betroffenen Anstalten diskutiert werden."

Einführung eines repräsentativen Zuschauerpanels

Nun ist SMRTV mit einer weiteren Presseerklärung in die Offensive gegangen und hat einen Vorschlag unterbreitet, um wieder die Hoheit über das eigene Televoting-Ergebnis zu gewinnen: Ein repräsentatives Zuschauerpanel soll 2017 die Aufgabe übernehmen, im Namen des sanmarinesischen Publikums abzustimmen. Dies soll sich aus unterschiedlichsten Einwohnern des Landes zusammensetzen, sowohl Staatsbürgern als auch Ausländern, die in San Marino ihren Wohnsitz haben. Auf diese Weise soll ein repräsentatives Stimmungsbild erzeugt werden, das dem realen Televoting-Ergebnis (so man denn eines generieren könnte) weitgehend entspricht. Die Italiener greifen beim Sanremo-Festival seit 2013 als Gegengewicht zu Fachjuroren und Televoting auf einen solchen repräsentativen Zuschauerquerschnitt zurück.

In Deutschland schon 1979

Die Idee, ein repräsentatives Zuschauerpanel mit der ESC-Wertung zu beauftragen ist nicht neu. Bei der deutschen Vorentscheidung "Ein Lied für Jerusalem" zum Eurovision Song Contest 1979 kam ein solches Panel in Deutschland erstmals zum Einsatz. 500 Radiohörer und Zuschauer wurden damals vom Meinungsforschungsinstitut Infratest nach einem komplizierten Verfahren als repräsentativer Publikumsquerschnitt ausgewählt. Erst 1989 wurde dieses System durch die Telefonabstimmung per Teledialog (TED) abgelöst. Vielleicht ist das repräsentative Zuschauerpanel für das kleine San Marino die beste Möglichkeit, sein Televoting-Ergebnis zu ersetzen - womöglich sogar bei einer nationalen Vorentscheidung. Für die deutsche Song-Contest-Statistik zumindest war das System ein Glücksfall: In den Jahren, in denen der deutsche Beitrag durch ein repräsentatives Zuschauerpanel ausgewählt wurde, war die Bundesrepublik international deutlich erfolgreicher als in den Jahren, in denen eine Jury oder die Anrufer über "Unseren Song" für den Song Contest entschieden.

Dieses Thema im Programm:

Das Erste | Eurovision Song Contest | 13.05.2017 | 21:00 Uhr