Stand: 14.06.19 15:51 Uhr

Was kostet der ESC die Teilnehmerländer?

von Sabine Leipertz, Dr. Irving Wolther Irving Wolther  Foto: Christian Spielmann
Euromünzen schweben durch geschwenkte Fahnen © NDR/Rolf Klatt, Fotolia Foto: Rolf Klatt, Composer

Um am ESC teilnehmen zu können, müssen die Länder eine Gebühr an die European Broadcasting Union zahlen.

Nach jedem Eurovision Song Contest - vor allem nach einem schlechten Abschneiden Deutschlands - kommt oft die Frage nach den Kosten auf, verbunden mit der These es lohne sich nicht an dem Wettbewerb teilzunehmen, wenn keine gute Platzierung dabei herauskommt. Beitragsverschwendung lautet dann häufig der Vorwurf an die ARD beziehungsweise den NDR als verantwortliche Rundfunkanstalt in Deutschland. Doch ist die Teilnahme am ESC wirklich so teuer? Ein wesentlicher Bestandteil der Gesamtkosten der Teilnehmerländer ist die Gebühr, die sie an die European Broadcasting Union (EBU) entrichten müssen, um überhaupt am Wettbewerb teilzunehmen. Verglichen mit anderen TV-Übertragungen fällt diese vergleichsweise gering aus.

Gebühren einzelner Länder

In den Medien finden sich zwar vereinzelt die Summen für einige Länder, viele Sender halten sich aber mit der Veröffentlichung zurück.

LandTeilnahmegebühren an die EBU
Deutschland (2015)363.500 Euro
Deutschland (2017)380.000 Euro
Deutschland (2018)400.800 Euro
Deutschland (2019)405.100 Euro
Niederlande (2016)250.000 Euro
Spanien (2015)356.000 Euro
Rumänien (2014)130.000 Euro
Irland (2013)70.000 Euro
Griechenland (2012)120.000 Euro
Montenegro (2012)23.000 Euro
Malta (2010)80.000 Euro

Dass die Teilnahmegebühren so unterschiedlich hoch sind, hat etwas mit dem Umlagesystem der EBU zu tun: Jedes Vollmitglied der Rundfunkunion erhält aufgrund seiner Reichweite und dem Nutzungsgrad von Eurovisionsangeboten (also auch von Nachrichtenbildern und Sportübertragungen) einen Punktewert zugeordnet. Auf der Basis dieser Punktewerte werden die Gesamtkosten für Gemeinschaftsproduktionen auf die einzelnen Teilnehmerstaaten umgelegt. Bei der Finanzierung des ESC stellt die EBU dem austragenden Land einen Sockelbetrag von rund fünf Millionen Euro. Diese Summe finanzieren die den ESC übertragenden Länder dann als Teilnahmegebühr anteilig per Umlage.

Klage auf Offenlegung der Kosten

Edurne auf der ESC Bühne. © Rolf Klatt / NDR Foto:  NDR

Edurne landete 2015 für Spanien auf Platz 21. Jetzt muss der spanische Sender TVE per Gerichtsurteil die Gesamtkosten für die ESC-Teilnahme in Wien offenlegen.

In Spanien hatte 2016 ein Fernsehzuschauer den öffentlich-rechtlichen Sender TVE darauf verklagt, die Gesamtkosten der Teilnahme am Eurovision Song Contest 2015 in Wien aufzuschlüsseln - und gewonnen. Auf den ersten Blick war das eine gute Nachricht für die Demokratie: Der öffentlich-rechtliche Rundfunk erfüllt schließlich die Aufgabe, die öffentliche Meinungsbildung zu erleichtern und wird dafür von den Bürgern finanziert. Dass diese Bürger ein Anrecht darauf haben zu erfahren, ob mit ihren Gebühren verantwortungsvoll umgegangen wird, regelt beispielsweise in Spanien seit 2013 ein spezielles Transparenzgesetz.

Ist Niederlage beim Wettbewerb "Gebührenverschwendung"?

Auf den zweiten Blick entsprang die Klage allerdings einer Überlegung, die wir auch in Deutschland allzu gut kennen. Schon 2008 zitierte bildblog.de den Titel der "Bild"-Zeitung: "Wir zahlen und die anderen schieben sich die Punkte zu". Nach dem schlechten Abschneiden der No Angels beim ESC in Belgrad wurde so die Diskussion angestoßen, ob die deutsche ESC-Teilnahme "Gebührenverschwendung" sei. Die Forderung, Deutschland solle sich vom ESC zurückziehen tauchte auch nach dem schlechten Abschneiden von Ann-Sophie, Jamie-Lee, Levina und den S!sters auf. Nach dieser Argumentation dürften jedoch nur noch Wettbewerbe im Fernsehen gezeigt werden, in denen das eigene Land eine gute Figur macht. Bei jedem niederschmetternden Ergebnis wird gleich die "Zwangsgebühren-Keule" geschwungen, Forderungen nach einem ESC-Ausstieg werden laut.

Sind die Big Five wirklich die Zahlmeister des ESC?

Zumal immer wieder behauptet wird, dass die Länder der Big Five (Deutschland, Großbritannien, Spanien, Italien und Frankreich) den Löwenanteil der ESC-Produktionskosten finanzieren. Angesichts der vorliegenden Zahlen relativiert sich diese Auffassung allerdings. Gemessen an der Höhe der Teilnahmegebühren sind die Big-Five-Länder zwar die größten Geldgeber, damit aber nicht automatisch die Hauptfinanzierer des Wettbewerbs. Bei Gesamtkosten für den ESC etwa in Wien von rund 15 Millionen Euro machte der spanische Anteil gerade einmal 2,4 Prozent aus, denn die Länder beteiligen sich ja nur über ihre Gebührenumlage an den Gesamtkosten. Zahlmeister sein geht irgendwie anders. Für die übrigen Big-Five-Länder fällt die Bilanz ähnlich aus, doch die Stimmen, die Gebührenverschwendung beklagen, werden bevorzugt in Ländern laut, deren Abschneiden zu wünschen übrig lässt.

Gesamtkosten vs. Nutzen

Tatsächlich ist der Eurovision Song Contest für die ausrichtenden Fernsehanstalten ein vergleichsweise günstiges Fernsehformat. Der britische Wirtschaftswissenschaftler Stephen Boyle hat 2016 ausgerechnet, dass die 14,3 Millionen Euro (Anmerk. d. Red.: Der schwedische Sender SVT hat diese Zahl bislang offiziell nicht bestätigt), die das schwedische Fernsehen als reine Produktionskosten für alle drei Shows in Stockholm veranschlagt hat, beispielsweise den Kosten für die Übertragungsrechte eines Fußballspiels aus der britischen Premier League entsprechen. Beim ESC erhalten die Rundfunkanstalten im Gegenzug mit den drei Shows Fernsehunterhaltung, die sie auf diesem Niveau kaum selbst hätten produzieren können.

Eine ähnliche Rechnung gab es bereits 2015 auf eurovision-spain.com zu den Kosten des spanischen Senders TVE: Danach lag der Preis für eine ESC-Sendeminute bei 791 Euro, eine Sendeminute eines Fußball-Europameisterschaftsspiels 2016 (bei voraussichtlich annähernd gleicher Einschaltquote) kostet dagegen 21.600 Euro. Es drängt sich die Frage auf: Wenn sich das Ganze nicht rechnen würde, hätte man die Sache dann nicht schon längst an den Nagel gehängt?

ESC rechnet sich für die ARD

ARD-Unterhaltungskoordinator Thomas Schreiber. © NDR Foto: Nina Rodenberg

ARD-Unterhaltungskoordinator Thomas Schreiber spricht offen über die ESC-Teilnahmegebühren Deutschlands.

Auf die Frage, ob der ESC wirklich teuer für die ARD sei, wenn man Erfolg und Sendeminuten mit anderen großen Produktionen vergleicht, hatte ARD-Unterhaltungskoordinator Thomas Schreiber schon 2017 eine klare Antwort: "Der Anteil, den die ARD an den Produktionskosten der EBU trägt, ist sehr überschaubar. Die ESC-Startgebühren für Deutschland liegen 2017 bei rund 380.000 Euro - deutlich unter den durchschnittlichen Produktionskosten von Unterhaltungsshows im Hauptabend. Der Gegenwert ist hoch, er besteht aus der Übertragung des ESC-Finales und der beiden Halbfinale - insgesamt rund acht Stunden Fernsehen."

Dieses Thema im Programm:

Das Erste | Eurovision Song Contest | 13.05.2017 | 21:00 Uhr