Stand: 15.12.15 16:33 Uhr

Deutscher Vorentscheid: Wer sollte es sich zutrauen?

In allernächster Zeit wird der Modus bekannt gegeben, nach dem ein deutscher ESC-Act für Stockholm gesucht wird. Offen ist so gut wie alles: eine feste Nominierung als einzelner Künstler oder gar eine Vorentscheidung mit mehreren Sängern und Sängerinnen. Die Frage aber ist: Wer könnte sich bewerben, für wen könnte es sich lohnen, Anwartschaft auf das Finalticket für den 14. Mai in der schwedischen Hauptstadt anzumelden?

Joy Fleming singt bei der Vorentscheids-Gala © NDR Foto: Uwe Ernst

Sie baute eine Karriere nach dem ESC auf - trotz des 17. Platzes beim ESC in Stockholm: Joy Fleming.

Historisch gesehen scheint mir ein Befund wichtig: Wer seine (oder ihre) Sache bei einem ESC gut machte, hat nach dem Contest keine Karriereschwierigkeiten zu erleiden gehabt. Und zwar unabhängig von der Platzierung. Mary Roos ("Nur die Liebe lässt uns leben" 1972), Joy Fleming ("Ein Lied kann eine Brücke sein" 1975) oder Hoffmann & Hoffmann ("Rücksicht" 1983) waren keine ESC-Sieger, aber sie waren in puncto Ausstrahlung so gut, dass es für sie ein künstlerisches Leben nach dem ESC ohne Einbußen gab. Im Gegenteil: Die Mannheimerin Joy Fleming baute auf ihren 17. Platz in Stockholm eine bis heute andauernde Karriere auf. Ohne den ESC wäre sie eine Bluesröhre ohne besondere Legende geblieben. Aktuell sind es Guildo Horn ("Guildo hat euch lieb" 1998), Max Mutzke ("Can't Wait Until Tonight" 2004) und Roman Lob ("Standing Still" 2012), die auf ihre ESC-Teilnahmen anhaltende Karrieren begründen konnten.

Professionalität genügt nicht allein

Die deutsche Sängerin und Schauspielerin Katja Ebstein mit schwarzem Pullover © imago/Gutschalk

Katja Ebstein ist die Künstlerin unter allen deutschen ESC-Acts, die nicht gewannen, und danach Erfolge feierten.

Was sie alle eint, ist hohe Professionalität einerseits. Andererseits eine gewisse Selbstständigkeit als Künstler: Sie waren dem Druck, der durch die internationale Performance bei einem ESC auf einem lastet, gewachsen und haderten mit dem Anspruch zu gewinnen so gut wie gar nicht. Man könnte sagen: Selbst im Angesicht des Nichtgewinnens wirkten sie sympathisch. Und machten nicht den Eindruck, als seien sie am Boden zerstört durch die wenigen Punkte, die sie nur erhielten. Die größte unter allen, die nicht gewannen und aus dem ESC (damals noch: Grand Prix Eurovision de la Chanson) dennoch die größte Karrierewirkung zogen, war Katja Ebstein ("Wunder gibt es immer wieder" 1970 und "Diese Welt" 1971), die bei ihrem ersten ESC-Auftritt mit dem dritten Platz die beste deutsche Platzierung bis zu diesem Jahr schaffte. Sie ist bis heute eine Große geblieben.

Andere jedoch scheiterten nach dem ESC, Nino de Angelo ("Flieger" 1989), Bianca Shomburg ("Zeit" 1997), Cascada ("Glorious" 2013) oder Ann Sophie ("Black Smoke" 2015). Ihre Karrieren waren nach dem ESC weitgehend erloschen. Sie alle hatten nicht diese gewisse Ausstrahlung, sodass Medien und Publikum nach dem ESC von "Blamage" oder "herber Niederlage" sprachen. Um hier von all den anderen zu schweigen, die in die ESC-Arena stiegen und künstlerisch in ihr erwürgt wurden, "Atlantis 2000" im Jahre 1991, die Alex Christensen und Oscar Loya 2009 oder die No Angels 2008.

Andreas Kümmert - Rückzug in letzter Sekunde

So ist ungefähr die Ausgangslage: Die meisten Künstler - etabliert oder nicht - überlegen sich in diesen Tagen genau, ob sie sich dem Risiko ESC aussetzen wollen. Das Schicksal Andreas Kümmerts ist ihnen geläufig: Kann die furiose Last, nicht mehr nur ein Lied bei einem Festival zu singen und zugleich die Hoffnungen von Medien und einheimischem Publikum auf den Schultern zu haben, gestemmt werden? Kümmert zog im allerletzten Moment, als er die Fahrkarte nach Wien schon in der Tasche hatte, zurück. Nein, das würde er nicht aushalten, Pressekonferenzen, die Erwartungen …

Drei Finalminuten mit Genuss

Insofern: Jeder, der beim NDR mit Clips, Hörbeispielen oder anderen Zeugnissen bisheriger künstlerischer Arbeit seine Ansprüche formuliert, muss wissen, was auf ihn zukommt. Ein knappes halbes Jahr werden sie von den Medien und von den Fans gegrillt - und können nicht darauf hoffen, in Ruhe gelassen zu werden. Außerdem müssen sie die Tage von Stockholm aushalten. Pressetermine, Proben, Fotoshootings und so weiter: Das ist schwerer, als man meint.

Nun ließe sich sagen: Es gibt doch in Deutschland Tausende von Musikern, die Talent haben. Stimmt. Andererseits: Die meisten von ihnen sind zufrieden mit dem, was sie machen. Musizieren hier und dort - und manchmal springt ein Gig heraus mit anständiger Gage. ESC aber heißt, alles Können mitzubringen - und den nötigen Hunger nach Erfolg über den eigenen Horizont hinaus. Dieser oder diese Künstlerin muss sozusagen die Gier nach europäischer Performance treiben: Im Moment des Finales das Beste (und nicht das Nervöseste) aus sich herausholen können. Auf den Punkt topfit - und die Situation während der drei Minuten auf Mikrofon als die beste des bisherigen Lebens genießen.

Darauf wird es ankommen. Möge jener, der schließlich ausgesucht wird, dieses Moment von Siegeslust mitbringen. Muss ja nicht gleich eine zweite Lena sein!

Dieses Thema im Programm:

Das Erste | Eurovision Song Contest | 14.05.2016 | 21:00 Uhr