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Stand: 12.12.17 13:54 Uhr

ESC-Erfolgsrezept: Frauenpower auf der Bühne

Das ESC-Team sucht für den deutschen Vorentscheid zum Eurovision Song Contest 2018 in Lissabon einen unkonventionellen Act. Einen, der polarisiert statt auf der Welle des gefälligen Mainstreams zu schwimmen. Die Suche läuft derzeit auf Hochtouren. Wir schauen bis zum Vorentscheid unterdessen auf bisherige außergewöhnliche ESC-Acts aus verschiedenen popmusikalischen Genres und stellen zur Diskussion: Was war an diesen Performances in ihrer Mixtur aus Interpret, Lied und Darstellung besonders? Was hob sie von anderen ab? In Teil 3 geht es um einen starken Frauen-Auftritt: Marija Šerifović holte im Jahr 2007 in Helsinki den Sieg für Serbien.

Marija Šerifović - am Anfang unterschätzt

Musste man sich den Namen merken - Marija Šerifović? Das war vor dem ESC 2007 in Helsinki die Frage. Von der Sängerin gab es einen dreiminütigen Ausschnitt aus der Vorentscheidung des serbischen Fernsehens zu sehen, der nicht gerade den Eindruck vermittelte, dass dort eine künftige ESC-Siegerin auf der Bühne steht. Sie gewann den Vorentscheid knapp mithilfe des Televotings und gegen die Empfehlung der Jury. "Molitva" ("Gebet") hieß ihr Lied. Die Sängerin sah aus, als bräuchte sie ein solches Gebet, denn schön - etwa im Klum'schen Sinne - war sie wirklich nicht. Sie trug einen ziemlich pludrigen Hosenrock, der ihren wuchtigen Körper unvorteilhaft aussehen ließ und die Haare zu einer Tantenfrisur der 50er-Jahre getufft. Bei den Onlinewetten auf einschlägigen Foren lag sie gar nicht mal so schlecht, aber das mag an den vielen Teilnehmern gelegen haben, die sich aus den Ländern des früheren Jugoslawien eingeschaltet hatten. Denn wieso sonst sollte diese Frau eine wichtige Rolle spielen?

Das Tantige raus, das Energische rein

Sie und ihr Team reisten an - und hatten ein vollständig überarbeitetes Konzept für die Performance der serbischen ESC-Kandidatin im Gepäck. Marija Šerifović erschien in einem schwarzen Herrenanzug auf der Bühne, das weiße Hemd hing leger über der Hose, am Hals ein nachlässig geknoteter, dunkler Schlips, an den Füßen weiße Sneakers. Dazu trug sie eine elegante schwarze Hornbrille und hatte die Haare zum Garçonne-Look geföhnt. "Molitva" ist ein schwermütiges Lied, ein Gebet, das nur echt wirkt, wenn seine Interpretin ihre Töne zu den wuchtigen Bässen auch trifft, wenn sie in der allerbesten Hymnentradition des ESC ernsthaft nicht nur zu singen vorgibt, sondern dies auch kann, Note für Note, aus vollem Leib, die Stimmbänder unter Kontrolle. Aber nicht sie allein war der Kern der Inszenierung.

Marija Serifovic feiert ihren Sieg beim ESC 2007 © dpa Foto: Jörg Carstensen

Der Chor spielte eine entscheidende Rolle bei der Inszenierung.

Anders als bei der Belgrader Qualifikationsrunde stand hinter ihr ein Frauenchor, der noch vor den Damen, die 1974 Olivia Newton-John zu "Long Live Love" sekundierten, der beste Eurovisions-Chor aller Zeiten werden sollte: Ivana Selakov, Ksjenija Milošević, Ana Milenković, Sanja Bogosavljević und Suzana Dinić. Ausgebildete Sängerinnen allesamt, als Solistinnen in ihrem Land nicht untätig, doch nicht in erster Reihe. Als Quintett lieferten sie einen famosen, ja ergreifenden Auftritt: in bajazzohaften Herrenanzügen, auf hohen Pumps, um die Oberkörper so etwas wie Schärpen, fünf Schöpfe zu Haarspray-Mittelgebirgen gefönt - eine famose Eskorte für den "Prinzen" Šerifović. Das Lied war durch diesen wichtigen, riskanten Relaunch des Gesamtprodukts sogar einer Verka Serduchka überlegen - der ukrainische Act galt ja als hochfavorisiert.

Viel Aufmerksamkeit für den Chor

Diese Inszenierung bot etwas, das in der ESC-Geschichte neu war. Vom Liedauftakt mit einigen Klaviertönen bis zum Schlusston mit der Wucht von Bässen standen die Choristinnen nicht wie beim ESC üblich als vokale Dienerinnen im Hintergrund, sondern, als wäre es eine feministische Variante des britischen Stadionklassikers "You'll Never Walk Alone", stets wie zum Schutz an der Seite der Sängerin. Diese gab ihren Helferinnen nicht den Rang von niederem Personal, von Gesinde, das die Königin allenfalls hofieren darf. Sie ging durch ihre Reihen, berührte sie sacht - und ließ sich von ihnen stützen, während sie beim zweiten Refrain in die Knie sackte, um auch die letzte Kraft für ihr Gebet aus dem Leib zu schreien: Inbrunst zu sechst.

Marija Serifovic auf der Pressekonferenz nach ihrem Sieg beim ESC 2007 © dpa Foto: Jörg Carstensen

Starker Auftritt: Marija Šerifović gewinnt 2007 den ESC.

Das Lied der Serbin riss mit. Was beim Vorentscheid noch überheizt wirkte, kam nun wie eine Offenbarung daher. Sie hatte alles richtig gemacht, alle Regeln befolgt, die für einen Triumph nötig sind. Marija Šerifović hatte aus einem Lied, das durch schlechten Gesang oder eine viel zu strapaziöse Inszenierung sofort unter schwersten Öligkeitsverdacht geraten wäre, ein Opus gezimmert - und dies in den entscheidenden Minuten auch abrufen können. Sie schritt von der Idee zur Tat, und das mit beispiellos undamenhafter Wucht. Die Faust geballt, den Blick absolut wach und offensiv in die Kamera gerichtet: Da wollte kein Reh hofiert werden, da suchte eines zu verführen. Und wie!

Merke: Es lohnt sich, ästhetisch Grenzen zu verletzten - bei "Molitva" war es das bis dahin gültige Gesetz, dass Frauen nur wie Prinzessinnen wirken dürfen oder, heutzutage, wie Businessfiguren. Marija Šerifović hat dem ESC eine feministische Note gegeben, die unübersehbar war.

Ungewöhnlichkeitsfaktor: heftig. Eine Frau, die figürlich nicht Mannequin-Kriterien genügt - und doch wie ein Monument der Frische wirkt. Ihr Team - oder besser: sie selbst - wagte es, als Frau ohne traditionelle Aura aufzutreten. Beim ESC werden solche Performances belohnt, sofern man jeden Anschein von Ironie oder Albernheit vermeidet.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Blue | ESC Update | 30.12.2017 | 19:05 Uhr