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Stand: 18.12.17 10:19 Uhr

ESC-Erfolgsrezept: Ernsthaftigkeit

Die Suche nach Kandidaten für den deutschen Vorentscheid zum Eurovision Song Contest 2018 in Lissabon läuft derzeit auf Hochtouren. Ein unkonventioneller Act soll es sein, einer, der polarisiert und nicht im Mainstream mitschwimmt. Wir schauen bis zum Vorentscheid unterdessen auf bisherige außergewöhnliche ESC-Acts aus verschiedenen popmusikalischen Genres und stellen zur Diskussion: Was war an diesen Performances in ihrer Mixtur aus Interpret, Lied und Darstellung besonders? Was hob sie von anderen ab? Im vierten Teil geht es um den außergewöhnlichen Auftritt von Conchita im Jahr 2014.

Manchmal reicht Professionalität

In manchen Jahren siegt einfach der professionellste Act - guter Interpret, geschmackvoll hergerichtet, das Lied nicht von Originalität, aber gut bis sehr gut produziert. Obendrein gibt es dann keine echte, bezwingende Alternative, die einnehmende Besonderheit mit popmusikalischer Exzellenz vereint. Dann siegen Interpreten wie Emmelie de Forest 2013 mit "Only Teardrops" oder Ell/Nikki 2011 mit "Running Scared". Gewinner, die keine Legenden wurden.

Aber es gibt in Jahren ohne haushohe Favoriten Acts, die vom Publikum belohnt werden, weil sie in keiner Sekunde ihrer Performance Zweifel an der Ernsthaftigkeit ihres Tuns lassen. Eben nicht wie die Interpreten, die eine gewisse Überkeckheit in ihre Mienen legen, eine Prise Übergriffigkeit den Zuschauern gegenüber, die so wirkt, als würde jemand mit Augenzwinkern für die Schwächen eines Liedes um Verzeihung bitten.

Drag-Queen-Kostüm täuschte über Ernsthaftigkeit hinweg

ESC-Gewinnerin Conchita Wurst. © NDR Fotograf: Rolf Klatt

Conchita legte 2014 einen starken ESC-Auftritt hin und holte den Sieg.

Nein, hier ist von einer Performance, einer Künstlerin und ihrem Lied die Rede, die siegte, weil wir als Zuschauende ergriffen waren: Conchita Wurst. Aber diese Unbezwinglichkeit ergab sich beim österreichischen Künstler Tom Neuwirth in der Bühnenrolle der Drag Queen nicht aus der queeren Anmutung. Diese wurde hinterher von vielen TV-Verantwortlichen hineingelesen: Na klar, Conchita habe doch nur - und was heißt schon 'nur'? - gewonnen, weil die gesamte schwule ESC-Fangemeinde von Wladiwostok bis nach Madeira, von Hammerfest bis Eilat, wie verrückt televotete, um endlich mal einen offen schwulen Mann als Gewinner hervorzubringen. Selbst das österreichische Fernsehen ORF glaubte nicht eine Sekunde an ein vorzügliches, gar gewinnendes Abschneiden seines Kandidaten.

James-Bond-Style verführte Publikum

Um es anders zu formulieren: Es ist ein Missverständnis, den Triumph von Conchita Wurst aufs Drag-Queen-hafte zu reduzieren, auf queere Solidaritäten im Eurovisionsraum. Der Bart, das Kleid, der perfekte Gesang - das sind alles nur Aspekte einer formidablen Performance, aber letztlich waren sie nicht entscheidend. Viel stärker ins Gewicht fiel zum einen, dass Tom Neuwirth ein Lied sang, das in seiner Ästhetik global Erinnerungen weckte. Der James-Bond-Style von "Rise Like A Phoenix" verführte uns, das Publikum, auf Anhieb. Es ist das beste Lied, das "Mrs. Goldfinger" Shirley Bassey nie gesungen hat.

Conchitas Auftritt war ohne jegliche Ironie

Schaut man sich den Auftritt von Kopenhagen noch mal an, erkennt man aber vor allem sofort: Conchita Wurst erweckt nicht in einer Sekunde den Eindruck, ihre Drag-Performance ironisch zu nehmen - schmunzelnd über sich selbst. "Rise Like A Phoenix" absolviert der Performer, als ginge es um das Allerwichtigste seines Lebens. Das ist, so gesehen, der Unterschied zu anderen Drag-Geschichten, die der ESC ja auch schon zeigte, etwa von Sestre aus Slowenien im Jahre 2002 oder Drama Queen aus Dänemark 2007: Conchita Wurst veranstaltet nichts Albernes, sondern den puren Kampf um Selbstbehauptung. Im Pop werden solche Darbietungen, ja, Selbstbehauptungen in Jetztzeit immer belohnt: Deshalb konnte dieser österreichische Act auch das Televoting gewinnen - selbst aus dem offiziell homophoben Osteuropa gab es überreichlich Punkte.

Lena und Johnny Logan: Fokussiert in jeder Hinsicht

Lena Meyer-Landrut aus Deutschland. © NDR Fotograf: Rolf Klatt

Lena überzeugte 2010 auch mit ihrer Natürlichkeit.

Ernsthaftigkeit auf der Bühne kann man indes nicht spielen: Voraussetzung ist nämlich eine Körperlichkeit, die, wäre sie nur als Pose präsentiert, sofort als Lüge entlarvt würde. Johnny Logan hatte dieses Vermögen, auf der Bühne sich zu 'zeigen', als sehr ernsthaft bei Sache zu wirken, auch Lena oder Ruslana waren fokussiert in jeder Hinsicht.

Insofern ist das immer zu berücksichtigen: Wie intensiv lässt sich ein Interpret mit seinem Lied auf den ESC ein - wie mächtig macht er diesen Auftritt damit? Es gab so viele, die auf der ESC-Bühne plötzlich klein und mickrig aussahen, und nur Höflichkeit hindert daran, Namen zu nennen, aber sie kamen aus allen Ländern. Conchita Wurst aber hatte diese eine Chance, weil sie sie haben wollte: Das war ihr Erfolgsrezept.

Ungewöhnlichkeitsfaktor: Ernsthaftigkeit kommt gut an, eine, die nicht mürrisch und verdrießlich aussieht. Wer sich selbst auf der Bühne ironisiert oder sich wie zum Gespött einladend präsentiert, hat schon verloren. Punktegeiz ist die Folge - und das ist nur eine zu gerechte Strafe für die, die den ESC nur als Gig, als Auftrittsort unter vielen nehmen. Denn: Der ESC ist an und für sich ein Zenit. Wer nicht wirklich hinauf will, fällt gleich nach unten.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Blue | ESC Update | 30.12.2017 | 19:05 Uhr