Kommentar

Stand: 29.12.17 12:50 Uhr

ESC-Erfolgsrezept: Gewinnendes Lächeln

Die Suche nach den Kandidaten für den deutschen Vorentscheid zum Eurovision Song Contest 2018 in Lissabon ist abgeschlossen. Sechs Kandidaten treten bei "Unser Lied für Lissabon" am 22. Februar in Berlin an, um das Ticket für das ESC-Finale zu bekommen. Wir schauen bis zum Vorentscheid unterdessen auf bisherige außergewöhnliche ESC-Acts aus verschiedenen popmusikalischen Genres und stellen zur Diskussion: Was war an diesen Performances in ihrer Mixtur aus Interpret, Lied und Darstellung besonders? Was hob sie von anderen ab?

Neue Wege in der Performance

Brotherhood of Man Plattencover (Album "Brotherhood of Man") © dpa - Bildarchiv

Die britische Band Brotherhood of Man überzeugte 1976 beim ESC in Den Haag mit ihrer Choreografie.

Innovationen in den Performances grundsätzlicher Art sind immer wieder lanciert worden. Dass beispielsweise ein Act wie der britische des Jahres 1976 in Den Haag auch durch eine vollendete Vier-Leute-Choreografie überzeugte, liegt auf der Hand: Vor Brotherhood of Man und ihrem "Save Your Kisses For Me" hatte es noch keine Formation probiert, ein Lied mit wahnsinnig oft trainierten Körpereinsätzen zu garnieren, ja, es durch diese Finessen erst zu vollenden. Acts wie Ruslana 2004 in Istanbul mit "Wild Dances" oder im Jahr darauf in Kiew die Griechin Helena Paparizou mit "My Number One" waren da nur eine Weiterentwicklung der klassisch möglichen Standards, jedoch keine echte Neuheit. Selbst Eric Saades Glaskäfigbefreiungsnummer 2011 in Düsseldorf namens "Popular", mit der er Dritter wurde, war nur eine Fortführung, das seit der Freigabe des ESC für Gruppen und Choreografien überhaupt im Spiel liegt.

Millimeterarbeit an der Performance

Neu war allerdings 2015 in Wien die Nummer, die der Schwede Måns Zelmerlöw im Gepäck hatte und erfolgreich auf die Bühne brachte: Sein Titel "Heroes" hatte in ästhetischer Hinsicht keine Innovationen zu bieten. Dass ein junger Mann in gewöhnlichen Straßenklamotten auftritt, also nicht im Smoking oder in übergrellen Kostümen - geschenkt. Dass da einer aussah wie irgendwie alle im eurovisonären Raum, wenn er kein Teenager mehr ist und noch kein gestandener Mann - ebenfalls geschenkt. Das war alles im Fluss der aktuellen Moden und nix Besonderes. Nur die Bühneninszenierung war neu, und die hatte viel mit Technik zu tun. Musikproduzenten wollen ja immer, dass es im Fernsehen aussieht wie im Videoclip. Sie wollen, dass der Sound durch keine Abirrungen von Orchestern gestört so klingt, wie auf dem Tonträger. Måns Zelmerlöw sollte der Erste sein, der eine Show liefert, die so aussieht, als laufe im Fernsehen der Clip des Liedes ab: Måns Zelmerlöw musste, erzählte er mir, für die Bühnenfassung von "Heroes", in Stockholm "gefühlt 150 Mal üben". Denn es war eine Inszenierung mit eingeblendeter Animation. Läuft diese vom Mischpult der Regie ab, muss der Sänger sich auf der Bühne ultrapräzise bewegen. Keinen Millimeter darf abgewichen werden, kein Schritt zuviel zur Seite. Spontaneität? Null!

Måns Zelmerlöw auf der ESC-Bühne in Wien. © NDR Fotograf: Rolf Klatt

Gewinner-Auftritt | Måns Zelmerlöw: "Heroes"

Eurovision Song Contest -

Måns Zelmerlöw war im Vorfeld als heißer Favorit gehandelt worden. Mit seinem Song "Heroes" hat der smarte Schwede den ESC in Wien bravourös gewonnen. Das Sieger-Video.

3,88 bei 610 Bewertungen

Mit von 5 Sternen

bewerten

Vielen Dank.

schließen

Sie haben bereits abgestimmt.

schließen

Persönlicher Ausdruck zählt

Sergey Lazarev steht vor grau-blauen projizierten Adlerflügeln. © NDR/Rolf Klatt Fotograf: Rolf Klatt

Trotz ausgefeilter Bühnentechnik schaffte es Sergey Lazarev nicht, den Sieg nach Russland zu holen.

Måns Zelmerlöw absolvierte die Show wie am Schnürchen, als sei er selbst ein Animationsmännchen. Und so regnete es Punkte im Überfluss. "Heroes" wurde in vielen Ländern ein Hit. Offen ist nur, ob nicht vielleicht das künstlerische - besser das menschliche Vermögen Måns Zelmerlöws - ihm den Sieg eintrug. Er wirkte nämlich schon im Halbfinale des ESC von Wien entspannt, sympathisch und zugewandt. So sah es auch im Finale aus. Der Interpret wusste die technischen Aufwände zu nutzen - und zugleich vergessen zu machen. Er hatte insofern sein schärfstes Kapital zur Geltung gebracht: seine Sympathiefähigkeit. Eine Art Aura, die das Publikum fundamental gern hat. Im Jahr darauf in Stockholm, als der Russe Sergej Lazarev mit einer ähnlich professionell gestrickten Nummer antrat, wirkte das schon weniger einnehmend und freundlich. Ebenso perfekt wie Måns Zelmerlöw, aber kühler, ja, maschineller. Letztlich würde ich für eine Besonderheit halten: die Begabung, sich über alle technischen Umstände hinwegzusetzen und zu zeigen, wer man ist. Der siegreiche Schwede überzeugte nicht durch seine Innovation, sondern durch das, was so viele ESC-Sieger besonders macht: Attraktion als Charakter, den wir in ihnen vermuten.

Ungewöhnlichkeitsfaktor: Durch die technischen Finessen überzeugend - aber Kopisten seien gewarnt. Der Trick gelingt nur einmal, danach gelten alle Neuerungen als normal. Auf das Lächeln kommt es an, auf das Gewinnende, allen Animationen zum Trotz.

Kommentare

Dieses Thema im Programm:

NDR Blue | ESC Update | 30.12.2017 | 19:05 Uhr