Kommentar

Stand: 24.06.19 13:30 Uhr

ESC: Keine Spur von Sommer-Depression

Das Krankheitsbild, wenn man so will, ist bekannt, alle Fans von Events, die sich nicht täglich wiederholen, kennen es: die Depression nach einem Höhepunkt. Also die tiefe Niedergeschlagenheit, dass es noch so lange dauert, ehe die nächste ESC-Festivalwoche stattfindet, und es noch viele Monate Zeit hat, ehe in einigen Ländern, die am 65. Eurovision Song Contest teilnehmen werden, wenigstens Vorentscheidungen zelebrieren. Der Fachname lateinischer Art ist noch nicht offiziell, nennen wir das Ganze mal hier: "Post Eurovision Depression (PED) oder spontan quälende Sommerdepression".

Fotomontage: Duncan Laurence und Eleni Foureira

Die Highlights des Eurovision Song Contest 2019

Eurovision Song Contest -

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Es gibt zuhauf ESC-Fantreffen

Vor allem der Sommer wird unter ESC-Fans gefürchtet. All die Wochen, in denen so gar nix los ist … wobei die "gefühlte Temperatur" der depressiven Verstimmung tatsächlich höher ist, als es die Tatsachen hergeben. Am kommenden Wochenende findet in Hannover die UNESCON statt, Mitte Juli laden die Fangruppen und ihre europäischen Freunde des ESC nicht auf den Pfefferberg nach Berlin, sondern nach Malta ein. Für ESC-Ultras wird eine Anreise kein Problem sein. Ist ja - alles in allem - fast vor der Haustür.

Für Aserbaidschan steht Chingiz mit "Truth" auf der ESC-Bühne. © eurovision.tv Foto: Thomas Hanses

Aktuelle ESC-Künstler wie Chingiz treten bei der UNESCON in Hannover auf.

Und sonst helfen die Fanclubs über den Sommer hinweg. Wer partout noch nicht genug geredet und sich ausgetauscht hat zu dem was war und was kommen wird, beziehungsweise kommen könnte.

Sommer bietet Chance, sich eurovisionär zu sortieren

Außerdem gibt es, dafür braucht es keine Clubs und Treffen, schöne Übungen der Selbstbeschäftigung: Es lassen sich neue Compilations für CDs oder das Smartphone arrangieren ("Die 24 schrecklichsten Lieder Skandinaviens ever", "Die schönsten Dancetracks, die nicht über Platz zehn hinauskamen" oder "Französisches beim ESC, das mit dem Buchstaben L beginnt"), man kann die eigene CD-Single-Sammlung sortieren, falls sie nicht sowieso auf Stand ist. Oder es ließe sich im Netz recherchieren, was aus den ehemaligen Eurovisionsstars-, sternchen und -sternschnuppen geworden ist: "Ingeborg aus Belgien, was macht die eigentlich inzwischen?", "Wie geht die Geschichte von Conny Froboess und ihrem Song 'Zwei kleine Italiener'?", "Wie steht’s um die ehemaligen monegassischen ESC-Helden, etwa um Mary Cristy?" oder "Die 64 ESC-Sieger, wenn es nach mir gegangen wäre?"

Conny Froboess vertritt Deutschland 1962 beim Grand Prix und belegt den 6. Platz  Foto: Kurt Rohwedder

Conny Froboess sang beim ESC 1962 in Luxemburg "Zwei kleine Italiener".

Mit anderen Worten: Die Sommerdepression ist als Wort schick und deutet Dramatik an, ist aber stark übertrieben, um nicht zu sagen grundlos. ESC ist wie Weihnachten, Zuckerfest und Chanukka in einem - und alle wissen: Nach dem Fest ist vor dem Fest. Man kann sich zwischendurch beschäftigen. Der Sommer ist insofern eine Zeit der Überbrückung. Bald geht's wieder los!

Internet macht ESC-Angebote zugänglich

Um hier noch einmal auf die vordigitale Vergangenheit zu sprechen zu kommen: Einst gab es ernsthaft Anlässe, um in Eurovisions-Sommerdepression zu verfallen. Nach dem Finale gab es kaum Singles in den Plattenläden zu kaufen, Statistiken musste man sich mühsam selbst zurechtbasteln, Musik vom ESC lief im Radio, vom Fernsehen ganz zu schweigen, entweder gar nicht oder spärlich. Erst Mitte der Achtzigerjahre - also bis zur Hälfte der Eurovisionshistorie von heute aus gesehen - gab es Aufzeichnungen, aber keine offiziellen, sondern privat aufgenommene mit dem Videorecorder. Vinylalben existierten in Skandinavien ebenfalls seit Mitte der Achtziger, aber diese LPs waren jenseits des eurovisionären Nordens käuflich nicht zu erwerben.

Publikum beim Eurovision Song Contest 2019. © eurovision.tv Foto: Andreas Putting

Fans müssen heute nicht mehr nicht in eine Post Eurovisions Depression verfallen.

Das Finale war vorbei - und man saß auf dem Trockenen. In dieser Hinsicht ist buchstäblich alles besser geworden. Das ist den Fans zu danken, die in Finnland 1984 durch Jaripekka Koikkalainen den Fanclub OGAE gründeten. Ihnen und der technischen, besser digitalen Entwicklung ist es seither zu verdanken, dass es die Eurovisions-Sommerdepression nur noch als 'eingebildetes' Krankheitsbild gibt.

Schön ist, dass durch das Internet alle, die es wollen, miteinander kommunizieren können. Und man sich mit seiner famosen musikalischen Vorliebe nicht mehr allein fühlen muss. In diesem Sinne: Euch und uns allen einen frohen und eurovisionär geistreichen Sommer.

Dieses Thema im Programm:

NDR Blue | ESC Update | 29.06.2019 | 19:05 Uhr