Stand: 21.11.15 16:51 Uhr

Grönemeyer & andere Kritiker

Xavier Naidoo singt ins Mikro mit Schirmmütze auf dem Kopf © NDR/Alexander Laljak Foto: Alexander Laljak

An Xavier Naidoo als deutschem ESC-Kandidaten scheiden sich die nationalen Geister.

Nach diesen sechs Tagen kann niemand mehr behaupten, der ESC langweile die Nation. In Wirklichkeit ist sie aufgewühlt. Die Nominierung Xavier Naidoo als deutscher Kandidat für die 61. Auflage des Pop-Events im kommenden Jahr in Stockholm hat soviel öffentliche Reaktion bewirkt wie noch kein deutscher Act zuvor. Nicht einmal Lena Meyer-Landrut hat diesen Furor bewirkt, damals, 2010, Lichtjahre scheint das her. Keine Zeitung ignorierte die Meldung, dass Xavier Naidoo der Kandidat sein soll. Und ebenso wenig wollte irgendein Medium auf die Nachricht vom Wochenende verzichten, dass er vom NDR, federführend in der ARD für den ESC seit 1996, nach den Protesten gegen den Sänger zurückgezogen wurde.

"Staatsaffäre" Naidoo

Arno Frank kommentiert auf "Spiegel online" Xavier Naidoo sei nun "von der rechtschaffenen Meute erfolgreich auf eine Stufe mit Akif Pirinçci gestellt. Gut, dass wir das geklärt hätten. Deutschland ist gerettet. (…) 'Tagesschau' wie Deutschlandfunk brachten die Meldung vom Rückzug der ARD in den Hauptnachrichten, gleich nach dem CSU-Parteitag und anderen Katastrophen. Glücklich ein Land, das solche Staatsaffären hat."

Moderator Kai Pflaume (r) zeichnet die Sänger Andreas Bourani (l-r), Christina Stürmer und Hartmut Engler stellvertretend für das Team von "Sing meinen Song" am 12.11.2015 in Berlin bei der 67. Bambi-Verleihung in der Kategorie "Musik national" aus. © dpa-Bildfunk Foto: Britta Pedersen

"Sing meinen Song - Das Tauschkonzert" erhält 2015 den Bambi in der Kategorie "Musik national".

Das ist eine vollkommen zutreffende Beobachtung, und man sollte noch anfügen, dass der Großteil der Kommentatoren zu fordern versäumte, Xavier Naidoos Musik künftig von allen öffentlich-rechtlichen Radiowellen zu verbannen, ja, seine Alben, die millionenfach in CD-Regalen stehen, wenigstens tief in Schränken zu verstecken. Außerdem noch Petitionen an den Sender Vox zu schicken, in denen der Privatsender aufgefordert wird, diesen Mann nicht mehr mit der Sendung "Sing meinen Song - Das Tauschkonzert“ zu betrauen, ja gar den Bambi in der Kategorie "Musik national" für ebendiese Sendung (nebenbei bemerkt: ARD-Moderator Kai Pflaume als Laudator sollte in diesem Zusammenhang doch auch noch mal kritisch unter die Lupe genommen werden) und den Deutschen Fernsehpreis 2014 zur gleichen Sendung zurückzugeben. Denn ist es nicht so, dass gerade mit diesen Preisen Künstler für ihre herausragenden Leistungen geehrt werden? Künstler, auf die man als Nation auch stolz ist? Und sollten die Kommentatoren nicht auch fordern, dass "Dieser Weg", der Soundtrack schlechthin des deutschen Fußball-Sommermärchens 2006, rückwirkend zur "musica non grata" erklärt wird?

Die Kommentatoren eint zudem, dass sie in den vergangenen Jahren nicht ein objektives Fitzelchen Wahrnehmung auf den ESC verschwendeten - selbst bei Conchita ging es bei ihnen nicht ohne die Pose der Herablassung: Wenn eine Figur wie Conchita gewinnt, dann kann es nur eine lustige, nicht Ernst zu nehmende Show sein. Aber bei Naidoo - da fühlten sich (fast) alle berufen, den Posten des Pop-Bundestrainers zu verrichten.

ESC-Kandidat wird zur nationalen Aufgabe

Irgendwie ist es wie beim Fußball: Geht es um den Coach der Nationalelf, fühlen sich alle berufen, ihre Expertise beizusteuern. Und, um es klar zu sagen, das ist auch gut so. Nur dass bei Xavier Naidoo so getan wurde, um nochmal auf den Kommentar von Arno Frank hinzuweisen, als ob das Abendland des deutschen Pop in Gefahr sei. Und Johannes Kram, in Berlin lebender Bühnen- und Blogautor, hat in seinem Nollendorfblog recht, wenn er bemerkt, dass es kein "verabredeter Shitstorm" war, der auf Xavier Naidoo sich warf wie Aasgeier auf Futter, sondern dass es viele einzelne Stimmen waren.

Der Musiker Herbert Grönemeyer © SWR/Ali Kepenek

Herbert Grönemeyer nennt die Art der Kritik an Xavier Naidoo "absurdes Theater".

Doch die Tonlage der Stimmen, die Vorwürfe, die geäußert wurden, so würde ich fragen: Waren die im Sinne einer Kommunikation ohne böse Unterstellungen? Ich denke: nein. Die Kollegen und Kolleginnen von Xavier Naidoo werden sich jetzt zweimal überlegen, ob sie sich dem ESC aussetzen werden. Herbert Grönemeyer hat sich gestern auf Facebook so geäußert:

Das Aushalten des Schwierigen

Ich würde sagen: Der ESC, aus der Perspektive von Konservativen, Lebensstil-Reaktionären und Dumpflingen war eine Provokation durch Dana International, Guildo Horn, Marija Šerifović - und erst recht durch Conchita. Jene, die zutreffend denken, der ESC sei ein queeres Freigehege, irren. Beim ESC sollten Künstler wie Xavier Naidoo oder andere, die Dinge sagen, die jeweils aus dem Blickwinkel des anderen verstören, akzeptiert werden können. Das ist, Grönemeyer sagt es souverän, Kultur - eine der Toleranz und des Aushaltens von Schwierigem. Und zwar für alle.

Jetzt wird neu gesucht, das bestätigte auch ARD-Vorsitzender und NDR Intendant Lutz Marmor auf einer Pressekonferenz im Anschluss an die ARD-Intendantentagung. Es werden wohl wieder die Zuschauer entscheiden dürfen, wer zum ESC fährt.

Dieses Thema im Programm:

Das Erste | Eurovision Song Contest | 25.02.2016 | 20:15 Uhr