Stand: 14.04.17 12:43 Uhr

Ausstieg Russlands ist ein eurovisionäres Desaster

Eine Überraschung ist das nicht, die Entscheidung der russischen ESC-Verantwortlichen ist vielmehr erwartet worden: Julia Samoylova wird nicht im Mai für Russland in Kiew an den Start gehen, vielmehr hat Russland sich vom Eurovisionsfestival in der ukrainischen Haupstadt ganz und gar zurückgezogen. Die harte Konfrontation zwischen Russland und der Ukraine war ja in den vergangenen Wochen ersichtlich geworden.

Die ukrainischen Sicherheitsbehörden haben der Sängerin die Einreise in das ESC-Gastgeberland verweigert, weil sie 2015 in Kertsch auf der Krim aufgetreten war - auf der von Russland okkupierten Halbinsel im Schwarzen Meer. Dass Julia Samoylowa mit einem Einreisebann belegt werden würde - sie war nicht über die Ukraine auf die Krim gefahren, sondern über Russland -, muss den Moskauer Eurovisionsverantwortlichen mit Deckung des Kremls klar gewesen sein. Spekulationen, diese Chanteuse sei gerade deshalb ausgewählt worden, um einen eurovisionären Skandal zu provozieren, sind nie dementiert worden. Man wollte ohnehin nicht nach Kiew: Viele Indizien sprechen dafür, dass es genau so ist.

Harte Konfrontationen

Der Vorschlag der verantwortlichen European Broadcasting Union (EBU) in Genf, Russlands ESC-Kandidatin via Satellit in die Shows einzuspielen, technisch wäre dies fugenlos möglich, war von beiden Seiten abgelehnt worden, von der Ukraine wie von Russland. Ebenso fanden Bemühungen der EBU, in Kiew eine Ausnahme für Frau Samoylowa zu erwirken, keinen Widerhall.

Jetzt hat sich Russland zurückgezogen - und wird den ESC am 9., 11. (die Halbfinals) und 13. Mai (das Grand Final) auch nicht übertragen. So einen politisch aufgeheizten Fall gab es noch nie: Die Ukraine beharrte, absolut engherzig und wider allem eurovisionären Geist, auf ihrem Standpunkt. Russland hatte es insofern leicht, den prestigeträchtigen ESC (gerade für die Kiewer Organisatoren) mit einem Makel zu versehen: Kiew kann nicht einmal ein großzügiger Gastgeber sein.

EBU trägt Mitverantwortung

Entsetzter Sergey Lazarev aus Russland im Greenroom. © NDR Foto: Rolf Klatt

Der russische Teilnehmer Sergey Lazarev und sein Team waren 2016 entsetzt, als sich abzeichnete, dass Jamala den ESC gewinnt.

Verantwortung trägt aber auch die EBU selbst. Sie kann nichts dafür, dass sie keine politische Macht hat. Aber sie hätte im vorigen Jahr Jamalas späteren Siegestitel "1944" nicht zum ESC zulassen dürfen, aller ästhetischen Güte des Titels und der prima Performance von Jamala zum Trotz. Es war eine politische Angelegenheit, nichts sonst. "1944" war ein gesungener Affront gegen Russland - so sehr ich mit der Botschaft des Liedes auch sympathisiere. Es war absehbar, dass Russland nach dem Triumph Jamalas keine Lust haben würde, der Ukraine als freundliche Gäste seine Aufwartung zu machen, zumal man sich um den Sieg Sergey Lazarevs (Sieger des Televotings) betrogen fühlte.

Die EBU wird sich überlegen müssen, was aus diesem Desaster nun folgt. Wahr ist ja, dass der ESC immer auch politisch aufgeladen war - das war und ist auch zwangsläufig so, weil dieser Wettbewerb eben auch nationale Befindlichkeiten wie kein anderes Kulturereignis spiegelt, und das seit 1956. Politisch war schon an und für sich, dass die Bundesrepublik beim ersten ESC mitmachen durfte: Ein Land, das elf Jahre zuvor einen zuvor angezettelten Weltkrieg verlor, den Holocaust zu verantworten hatte und doch im Sinne der europäischen Friedensordnung nach 1945 integriert werden sollte.

Für die Ukraine, andererseits, muss gelten: Dieses Land hatte gute Gründe, in Sachen Julia Samoylowa keine Ausnahme zu machen. Im Osten des Landes findet gerade ein kriegsähnlicher Konflikt statt, und an diesem ist aktiv Russland beteiligt. Welchen Grund, außer der tiefen Angst, sollte die Ukraine haben, Russinnen freundlich zu behandeln, die wenigstens symbolisch dafür stehen, die Integrität der Ukraine zu beschädigen?

Sperre für Russland und die Ukraine unnötig

Folgen sollte dieser Fall haben - aber keine bösen. Sowohl Russland als auch die Ukraine sollten nicht gesperrt werden, nicht nächstes Jahr, am besten überhaupt nicht. Beide sollen mitmachen - der ESC hat nur eine Zukunft, wenn wenigstens in offizieller Hinsicht das Politische außen vor bleibt. Dass Europa nur politisch gedacht werden kann, ist klar: Aber der ESC muss ein kulturelles Refugium sein, in dem alle ohne Ansehensverlust teilnehmen dürfen, ohne von anderen Ländern diskriminiert zu werden. Man könnte es die Kraft der Blindheit vor dem Politischen nennen: Aber nur sie wäre in der Lage, den Frieden zu wahren, im Gespräch zu bleiben - und keinen Hass zu schüren.

Dieses Thema im Programm:

Das Erste | Eurovision Song Contest | 13.05.2017 | 21:00 Uhr