Stand: 23.06.16 14:30 Uhr

Reviens, Luxembourg!

Ivor Lyttle vor der Crystal Hall in Baku © Ivor Lyttle Foto: Thomas Hanses

Ivor Lyttle, Gründer der Fanzeitschrift "EuroSong News", zählt Luxemburg zu den großen ESC-Nationen.

Ivor Lyttle, Berater der ESC-Kommentatoren, hat die europäische Fanszene durch die Zeitschrift "EuroSong News" mitbegründet. Er, der Nordire, der seit vielen Jahren in Bremen lebt, wuchs in Londonderry auf und guckt den ESC seit Ende der 60er-Jahre. Und er erzählte das für einen ESC-Fan Typische: Luxemburg sei das rätselhafteste Land des Contest gewesen - sehr klein, das war leicht herauszufinden mit einem Atlas, aber mit sehr vielen tollen Sängerinnen und Sängern, außerdem hätten sie oft gewonnen. Soweit so bekannt, aber diese Anekdote muss erzählt werden, um den Rang des Großherzogtums inmitten Europas zu betonen.

Vor allem für den Eurovision Song Contest. Luxemburg, das war eine ESC-Großmacht, eine Art Supernova des eurovisionären Festivals. Sie scheint 1993 in Millstreet, nach dem 20. Platz von Modern Times, verglüht zu sein: Luxemburg zog sich vom ESC zurück. Das war ungefähr so, als ob ein dauergutplatziertes Land plötzlich keine Lust mehr hat, gut abzuschneiden und sich von dannen macht. Luxemburg, Gründungsmitglied der heutigen EU, war auch Teilnehmerland beim ersten ESC 1956 in Lugano.

Importkünstler in Hülle und Fülle

Luxemburg hat dieses Europäische in gewisser Weise auch ESC-mäßig vorgelebt: Mit fünf Siegen (1961 in Cannes mit Jean-Claude Pascal, 1965 in Neapel mit France Gall, 1972 in Edinburgh mit Vicky Leandros, 1973 im eigenen Land mit Anne-Marie David und 1983 in München mit Corinne Hermès) und einer Fülle weiterer guter Platzierungen, aber vor allem einer Riege an Celebrities der damaligen Zeit (Camillo Felgen 1960, Nana Mouskouri 1963, Michèle Torr 1966, 1969 Romuald, Ireen Sheer 1974, Jürgen Marcus 1976, Baccara 1978, Jean-Claude Pascal 1981 abermals, Lara Fabian 1988) hinterließ Luxemburg Jahr für Jahr mehr oder weniger den Eindruck, mit zu den Favoriten zu gehören. So wie man heute automatisch davon ausgeht, dass Schweden und Russland gewiss vorne landen werden.

Es waren natürlich allermeist keine Luxemburger, die für Luxemburg an den Start gingen. Als wirklich mal Original-Luxemburgisches an den Start ging, etwa 1992 in Malmö Marion Welter & Kontinent und ihrem letzeburgisch gehaltenen Lied "Sou fräi", kam nur ein drittletzter Platz heraus: ein Lied, das schon ankündigte, dass RTL die Lust am ESC verloren hatte. Beziehungsweise: die frankophone Musikindustrie den ESC nicht mehr als wichtigste Plattform für den europäischen Musikmarkt auf dem Schirm hatte.

Nach Luxemburg ging, wer internationale Ansprüche hatte. RTL war offen für Interpretenvorschläge aus anderen Ländern. Mangels eigener konkurrenzfähiger Musikkultur war man auf die Vorschläge der Plattenfirmen zwingend angewiesen. Damals dominierte den ESC noch das Französischsprachige, und der ESC war die beste Show, um sich über den eigenen Sprachraum hinaus zu empfehlen. Radio Luxemburg war außerdem der wichtigste Radiosender für Jugendliche - die ARD-Wellen hatten sich lange gesträubt, modernere Klänge über die Ätherwellen zu schicken.

Beispiele? Vicky Leandros, Hamburgerin mit griechischen Wurzeln, sollte und wollte mehr sein als Schlagersängerin. Also durfte sie sich 1967 mit "L’amour est bleu" nicht für Deutschland für den ESC bewerben, Luxemburg war die Wahl - das war das Ticket nach Europa. 1972 gewann sie mit "Après toi" in Edinburgh den ESC - eben für das Großherzogtum. Nana Mouskouri ist die prominenteste Griechin, die niemals für Griechenland an den ESC-Start ging. 1963 in London war Griechenland noch nicht beim ESC, aber die Mouskouri ging, ohne je in Luxemburg gewesen zu sein, mit "À force de prier" für RTL ins Rennen. France Gall, Französin, wurde als Teenagerstar für Luxemburg ins Rennen geschickt; sie sollte über dieses Land mit dem jugendlichen Image (wegen Radio Luxemburg!) singen und gewann.

Ralph Siegel - Luxemburg half ihm oft

Jürgen Marcus 1976 beim Grand Prix

Im Jahr 1976 für Luxemburg beim Eurovision Song Contest dabei: der Deutsche Jürgen Marcus.

Ralph Siegel, andererseits, nutzte seine Kontakte nach Luxemburg, um für dieses 1974, 1980 und 1985 erfolgreich Lieder einzureichen: Ireen Sheer hatte in England keine Chance, in Deutschland gab es 1974 keine Vorentscheidung - also sang sie in bizarrem Französisch für Luxemburg. Jürgen Marcus hingegen, der es in Deutschland 1975 nicht zum ESC schaffte, ergriff seine Chance im Jahr darauf für Luxemburg: Französisch war ohnehin seine Lieblingssprache, also sang er sein "Chansons pour ceux qui s'aiment" und wurde nicht glücklich mit seinem 14. Platz.

Dann begann die große Zeit des Privatfernsehens, also auch die von RTL, der ESC verlor im französischsprachigen Bereich an Bedeutung, die Musikindustrie fand andere Plattformen. Nur noch eine Interpretin war mithilfe des ESC und Luxemburg erfolgreich, das war Lara Fabian 1988 in Dublin. Sie sollte sich später zu einer Konkurrentin Céline Dions auf dem französischsprachigen Popmarkt entwickeln.

1994 war das erste Jahr, in dem Luxemburg beim ESC fehlte und schmerzlich vermisst wurde. 2014 gab es schon einmal den Versuch, das Land zur Rückkehr zu bewegen. Nun möge es endlich zurückkommen, gern mit einheimischen Musikanten und Musikantinnen, gern auch wieder mit Importkünstlern. Sie haben allesamt dem ESC zu Internationalität verholfen. Das Großherzogtum steht für Europa. Luxemburg möge es wieder bereichern!

Dieses Thema im Programm:

Das Erste | Eurovision Song Contest | 13.05.2017 | 21:00 Uhr

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