Stand: 26.05.14 10:46 Uhr

Prominenter Segen für Conchita Wurst

ESC-Gewinnerin Conchita Wurst © NDR Foto: Rolf Klatt

Der New Yorker hat dieses Foto für seinen langen Artikel über den ESC-Sieg von Conchita verwendet.

Die Welt außerhalb Europas musste vom berührenden Schicksal der Conchita Wurst erfahren: Vor ihrem Interview mit eurovision.de am 1. Mai 2014 in der österreichischen Botschaft hatte sie auch schon dem "Wall Street Journal" und der "New York Times" Auskunft über sich und ihre Mission gegeben - wie der Botschafter erstaunt wie glücklich mitteilte. Jetzt hat auch noch das Edelmagazin der US-Ostküste nachgezogen, der "New Yorker". Korrespondentin Sally McGrane schrieb dies hier auf. Positiv skizziert kühl und trotzdem offenbar sympathisierend mit dem Event des ESC selbst und dem Phänomen Conchita Wurst.

 

Die Sache mit Conchita nimmt galaktische Ausmaße an

In der deutschsprachigen Ausgabe des nicht minder renommierten Magazin "Rolling Stone" wird berichtet, dass die Siegerin, "Königin von Österreich" (oft benutzte Zeitungsüberschrift, dabei ist sie doch "Queen of Europe", oder?) von den amerikanischen Königinnen Cher und Lady Gaga segensreiche Worte erhalten hat, auch "Spiegel Online", Leitmedium auch für die Musikindustrie, berichtet dies genüsslich. Conchita Wurst - ein kommender Broadwaystar, so die Prognose der älteren der beiden. Ich würde anfügen: Conchita Wurst erzählte in Kopenhagen in Interviews, am Ende ihres Tunnels warte ein Grammy (höchste Musikauszeichnung der USA) auf sie, was man für absolut größenwahnsinnig hielt, für angenehmen hochtrabend. Und nun ist der ESC geschafft, und die Kolleginnen nehmen sie nicht nur wahr, sondern sehen sie schon unter amerikanischen Sternenhimmeln ... Das nimmt mit ihr mittlerweile galaktische Ausmaße an. Ganz bezaubernd, nur gesagt, finde ich das!

Zwei Tipps aus Amerika

Cher, die in ihren Twitter-Statements sehr schöne politische Inhalte zwitscherte und offenbar begriffen hat, was Conchita Wurst (vielleicht nicht nur für Europa) der Welt zu zeigen hat, hält nur einen kleinen Tipp für sie parat: Mit der Perücke müsse man was machen - die gehe offenbar gar nicht. Nun, ich würde sagen: Ist doch alles flexibel, Cher ist hierfür selbst das coolste Vorbild. Und: Sie könnte ihren Namen ändern, der sei für die Welt auch nicht passend. Tja, aber nun ist er in der Welt. Namen ändert man doch nicht wie die Toupetsorte, oder?

Udo Jürgens © Dominik Beckmann

ESC-Veteran Udo Jürgens war zunächst kritisch, doch Conchitas Performance in Kopenhagen hat ihn überzeugt.

In der "Kleinen Zeitung" Österreichs, eine, gegen den Namen, wichtige Stimme des Landes, kommt Udo Jürgens ausführlich und sehr ausgewogen zu Wort. Udo, der Große, Grand Prix Eurovision de la Chanson-Gewinner 1966 in Luxemburg, eine Macht im Lande: Er finde sie nun gut, sei erst irritiert gewesen, wisse nun aber, dass Conchita Wurst, was die Regeln des ESC anbetrifft, als richtig gemacht hat: Sie habe Stimme, ein schönes Lied, auf der Bühne nicht rumgehampelt und den Sieg verdient. Das ist doch was: Der Mann, der die allermeisten ESC-Performances in den letzten Jahren (oft ahnungsarm) kritisierte, gibt der Wurst seinen Segen.

Staunen bis nach China

Sogar in China wäre das Phänomen Conchita Wurst inzwischen angekommen und würde unter chinesischen Internetnutzern zwischen Bewundern und Erstaunen diskutiert, wie auf einem deutschsprachigen Blog der Stiftung Asienhaus berichtet wird.

Die Hass-Stimmen möge man bitte selbst ergoogeln. Es gibt derer auch viele - sie müssen hier nicht zitiert werden. Russlands Ultranationalisten protestieren immer noch wütend. Vielleicht, weil das Publikum beim Televoting doch sehr "Rise Like A Phoenix" zusprach und sie nun fürchten, ihre eigenen Leute nicht zu kennen. Anna Netrebko, so Kreml-nah, wie es irgend nur geht, hat auch gratuliert, sie weiß, was sich gehört.

Im Übrigen, bei einer abendlichen Sichtung von Vorgängerinnen der Conchita Wurst, erinnert mich ihre Performance von "Rise Like A Phoenix" an Frida Boccara 1969, Corinne Hermès 1983 und auch Céline Dion 1988. Dramatisch, sehr sicher stimmlich und körperlich, allesamt in dem, was man als Fähigkeit zum entscheidenden Moment (von drei Minuten) bezeichnen könnte. Die freundlichste Würdigung fand ich Montag um kurz vor 20 Uhr in der "Kulturzeit" von 3SAT, dem österreichisch-deutsch-schweizerischen Kulturjournal von ARD, ZDF, ORF und SRG. Drei Minuten lief der Clip von Conchita Wurst und ihrem Lied. Aber untertitelt, auf dass wirklich jedes Wort auf Deutsch auch verständlich wird. Man kann sagen, was Englischkundige auch so wussten: Ein ergreifender stimmiger chansonartiger Text war es obendrein.

Dieses Thema im Programm:

Das Erste | Eurovision Song Contest | 10.05.2014 | 21:00 Uhr