Stand: 06.02.18 15:57 Uhr

Bühnendesigner Florian Wieder: "Eindeutigkeit zählt"

Florian Wieder posiert vor einem dunkelgrauen Hintergrund. © Florian Wieder

Designer Florian Wieder arbeitet international und seit 2011 auch für den ESC.

Florian Wieder ist ein Star in seiner Disziplin. Er wurde 1968 in München geboren, später studierte er Design, arbeitete als Musiker - und gründete 1995 die Firma, die ihm das Fundament für seine internationale Karriere als Set-Designer gibt. Er arbeitet international, hat den Look der britischen TV-Show "Britain's Got Talent", diverser "MTV Music Awards" und der Show "American Idol" in den USA gestaltet. Seit 2011 entwirft er auch Bühnenbilder für den Eurovision Song Contest. Für sein ESC-Debüt 2011 in Düsseldorf bekam er den Deutschen Fernsehpreis. Außerdem hat er schon viele internationale Auszeichnungen erhalten.

Wieder ist nur schwer persönlich zu treffen: Nicht aus Unwillen Journalisten gegenüber, vielmehr ist er viel und weltweit unterwegs. Als wir uns in Hamburg trafen, war er kurz zuvor aus Los Angeles zurückgekehrt. Von Jetlag keine Spur: Wieder erklärt gern, was ihn am ESC reizt - und was das Publikum zur deutschen Vorentscheidung und in Lissabon zu erwarten hat.

Herr Wieder, worauf kommt es beim Bühnenbildern für eine TV-Show an?

Florian Wieder:  Dass es eine visuelle Geschichte erzählt, einen roten Faden zeigt - und die Bühne in der Arena zum Fokus macht. Die Bühne soll das Publikum einbinden, keine unnötige Distanz schaffen und zugleich dem Künstler und seiner Performance ein bestmögliches Zuhause geben.

Und wie kam es zum Bühnenbild des ESC in Lissabon?

Wieder: Wir sind gefragt worden, ob wir uns nicht auch bewerben wollen. Ja, das lag, nach unseren wunderbaren Erfahrungen 2011 in Düsseldorf und 2015 in Wien, nahe. Ich glaube, zehn andere Firmen hatten auch Entwürfe eingereicht. Und dann bekamen  wir den Zuschlag.

Wie machten Sie sich mit der portugiesischen Situation vertraut?

Wieder: So wie es wohl alle gemacht haben: über das Internet. Ich kannte Portugal nur ein bisschen, ich war dort nur einmal im Urlaub. Portugal - ein Land umgeben von Meer, ein Seefahrervolk mit einer Staatsflagge, die in der Mitte ein Navigations-Instrument zeigt, ein altes nautisches Messgerät. Ich habe mich, als die Anfrage für dieses Projekt kam, intensiv mit der Geschichte Portugals auseinandergesetzt und diese studiert.

Und das wird die Geschichte, die das Bühnenbild beim ESC erzählt?

Wieder: Alles dreht sich um diese Worte: Meer, Navigation, Schifffahrt … Ich gehe die Sache immer erst einmal abstrakt an, das Konkrete kommt danach. Wir kreieren Bilder, die beim Eurovision Song Contest von den Acts und Performances aufgegriffen werden können. Nichts sollte bei einer solchen Show willkürlich wirken.

Und welches Mobiliar, falls man das mal so formulieren darf, wird es mit dem Bühnenbild geben?

Wieder: Mobiliar wird es nicht sein, ebenso wenig dominierende LED-Technik. Es wird überhaupt kein LED geben. Moskau 2009 war ja in dieser Hinsicht wahnsinnig protzig, aber die Halle dort war auch sehr, sehr groß, was allerdings für viel Distanz zwischen Künstlern und Publikum gesorgt hat. Unser visuelles Konzept ist intimer. Es wird aber trotzdem eine große Show.

Inwiefern?

Wieder: Es soll keine weitere Leistungsschau der technischen Möglichkeiten werden. Das war Teil meines Konzeptes. Unsere Bühne lebt im Hintergrund von einer Art Rippenformation. Ein Schiffs-Skelett, das physisch aber auch durch Licht und Schatten bewegt werden kann. Dynamisch wie eine Welle.

Meist war der ESC ja eine Show, bei der das Fernsehen neueste Techniken ausprobieren konnte.

Salvador Sobral auf der Bühne beim Finale © NDR / Rolf Klatt Foto: Rolf Klatt

Emotionaler Auftritt ohne technischen Schnickschnack und nahe am Publikum - so gewann Salvador Sobral 2017 den ESC.

Wieder: Ja, im Vergleich zu früher sind die heutigen technischen Mittel für Shows enorm. Aber die Idee diktiert die technische Lösung, nicht umgekehrt. Unsere Arbeit ist kreativ und soll nicht zwingend von den neuesten technischen Möglichkeiten inspiriert sein. Ich sehe es vielmehr als Werkzeug. Es muss das Richtige sein, nicht das Neueste. Die Band U2 hat bei ihrer 360°-Welt-Tour ein gigantisches Bühnen-Konstrukt aufgefahren. Die Frage war und ist: Wie kann man so etwas noch toppen?

Und?

Wieder: Die Band hat dann entschieden, sich bei der nächsten Tour etwas weniger opulent zu präsentieren und wieder näher an ihren Fans dran zu sein.

Wie sehen Sie das?

Wieder: Ich empfand das als einen richtigen Schritt. Wir machen das beim ESC ähnlich. Wir wollen keine technische Leistungsschau, sondern eine Bühne, auf der die Künstler und ihre Performance klar im Vordergrund stehen. Außerdem wollen wir eine gewisse Nähe zum Publikum herstellen.

Ist das der Trend in internationalen Shows - nah dran am Publikum?

Wieder: Im vorigen Jahr kam der Portugiese Salvador Sobral mit einer klaren Vorstellung nach Kiew, wie sein Act inszeniert wird - sehr geerdet, sehr reduziert in technischer Hinsicht. Aber sehr emotional. Das war sozusagen ein Reset, wie er aus meiner Sicht nötig war.

Nach dem Motto: Less is more - weniger ist mehr?

Wieder: So würde ich es nicht sehen. Es kommt auf die Eindeutigkeit der Bilder an. Ich frage mich am Ende eines visuellen Konzeptes immer, was ich noch weglassen kann, ohne dass es schlechter wird, sondern dass es stimmig aussieht. Klarheit - darauf kommt es an.

Die 43 Delegationen mit 43 Acts werden ins Grübeln kommen, wenn sie nicht mehr auf LED-Kapazitäten zurückgreifen können, oder?

Wieder: Ja, davon gehe ich aus. Aber ohne LED wird es neue Inszenierungsideen geben und damit auch eine größere Diversität. LED ist ja nicht das einzig existente Inszenierungs-Medium, um einen Act zu gestalten.

Mit weniger Licht?

Wieder: Nein, Licht wird es genug geben, wie immer. In den 60er- bis 90er-Jahren hat es ja auch Shows ohne LED gegeben - und die waren auch sehr gut. Man kann einen Act mit LED-Technik inszenieren, aber auch auf 5.000 andere Arten. Kreativität ist gefragt.

Das ist ein Allerweltssatz, oder?

Wieder: Ich will sagen: Eine Musikinszenierung ist eine Gratwanderung. Ein paar inszenatorische Schräubchen richtig oder falsch gedreht - und es wird zu cool oder kitschig. Die Präsenz des Künstlers muss im Vordergrund stehen, das ist viel wichtiger als jedes Bühnendesign. Das Bühnenbild soll die Performance ja unterstützen, nicht überschatten. Obendrein: Beim ESC ist nicht nur die A-Liste der Popmusik unterwegs, es sind oft unerfahrene Musiker. Unser Job ist es, den Künstler zu unterstützen und zu erkennen, was er möchte, womit er sich wohlfühlt und wie er das Beste aus sich und seiner Darbietung herausholen kann.

Bei der deutschen  Vorentscheidung am 22. Februar in Berlin werden die Bühnenbilder schon mit Blick auf Lissabon abgestimmt?

Wieder: Ja, so soll es sein. Nicht in der Größe, nicht absolut identisch. Aber die Richtung, die wird klar definiert. Ich freue mich sehr drauf, die sechs Acts visuell zu unterstützen.

Dieses Thema im Programm:

Das Erste | Eurovision Song Contest | 22.02.2018 | 20:15 Uhr