Stand: 25.04.19 13:56 Uhr

Salvador Sobral würde nie wieder beim ESC mitmachen

Wir kennen uns von einer kurzen Begegnung, ein paar Tage bevor er als erster Portugiese 2017 den ESC in Kiew gewann. Salvador Sobral hockte damals mit Kumpels gut gelaunt in der Presselounge vor Pizzaschachteln. Nach seinem Triumph mit "Amar Pelos Dois" und der Herzoperation ein halbes Jahr später, hat er jetzt ein neues Album produziert. "Paris, Lisbao" ist eine sehr gefällige, interessante, nicht grelle, mehr jazzige Produktion, mit der er samt Band in diesen Tagen auf Tour geht - auch in Deutschland. Wir treffen uns in den Räumen seiner Plattenfirma in einem alten Speicher in der Hamburger Hafencity.

Salvador, wie würden Sie Ihre Musik charakterisieren?

Salvador Sobral: Wenn ich schon ein Label meiner Musik anheften müsste, würde ich sagen: Es ist Jazz. Uns, meine Band und mich, eint die Liebe zu diesem Stil.

Der ESC-Gewinner Salvador Sobral auf der Bühne. © Picture-Alliance Foto: Lorenzo Carnero

Mit seinem neuen Album "Paris, Lisboa" geht Sobral auf Tour - auch in Deutschland.

Der wie zu verstehen ist?

Sobral: Wir kommunizieren unentwegt auf der Bühne. Wir lieben die Improvisation. Das ist Jazz. Aber es gibt so viele Traditionen, die in meine Lieder einfließen: Südamerikanisches, das französische Chanson, Sing-a-song-Geschichten, Fado, Pop - alles, was ich gern höre. Das mag man inkohärent nennen, aber dann bin ich es gern. Letztlich ist alles Weltmusik.

Erstaunlich, dass einer wie Sie zum Eurovision Song Contest fand. Hatten Sie, als Sie zum ESC reisten, irgendeine Ahnung, was da auf Sie zukommt?

Sobral: Nein, wirklich nicht. Ich vermute, das war unser Geheimnis: Nicht über das Gewinnen nachgedacht zu haben. Über irgendetwas nachgedacht zu haben. Ich kam ja erst später nach Kiew. Meine Ärzte erlaubten mir erst wenige Tage vor dem ESC überhaupt dorthin zu fliegen. Mein Herz war krank, mein Bauch war voll Wasser. Ich musste sehr weite Shirts tragen.

Waren Sie nervös?

Sobral: Nein, nicht im Sinne einer Unruhe, die man sich selbst nicht erklären kann. Ich war mir immer sicher mit unserem Lied und mit meinem Auftritt. Ich war nur geschockt, als ich in Kiew ankam. Alles war so groß, so technisch, so maschinell. Ich hasse Stress - aber kaum war ich aus dem Flugzeug gestiegen, hieß es, komm, komm ganz schnell, gleich ist der rote Teppich. Alles ging: boom. Vorher war ich ein Jazzmusiker, plötzlich war ein roter Teppich zu begehen.

Und als dann die Tage von Kiew vergingen?

Sobral: Da wurde es etwas besser. Ich hatte nicht damit gerechnet, niemals in meinem Leben, so bewundert zu werden - nicht eine Sekunde. Doch selbst wenn ich mich innerlich vorbereitet hätte, es wenigstens versucht hätte, es wäre immer noch zu viel gewesen, um damit locker umzugehen.

Und während der Proben?

Sobral: Meine Schwester Luísa war an meiner Seite. Sie sagte nur: "Wir haben eine Mission mit unserem Lied." Ich sagte, ich habe keine Lust mehr, aber sie holte mich immer wieder runter. "Am Ende wird für mich - für uns - das Beste passieren", so hat sie mich beruhigt.

Immerhin waren Sie in Kiew einer der Favoriten. Hat das Ihre Unruhe gesteigert?

Der ESC-Gewinner Salvador Sobral. © eurovision.tv Foto: Andres Putting

2017 gewann Salvador Sobral den ESC für Portugal.

Sobral: Ja, man hat mir gesagt, dass ich als Favorit galt. Ich sagte nur: "Warum wetten sie auf mich? Wollen sie ihr Geld verlieren?" So wie ich jetzt zu den Warner-Music-Leuten kam und fragte: "Warum wollt ihr mit mir ein neues Album machen? Wollt ihr Geld verlieren?"

Vielen ESC-Kommentatoren stieß unangenehm auf, dass Sie nach dem Sieg im Finale den schwedischen ESC-Fünften Robin Bengtsson dissten, weil er ein Lied performte, das sie als Trash charakterisierten.

Sobral: Nein, das stimmt nicht. Es war sein Ding, er fühlte sich durch meine Aussage, dass die anderen Lieder nicht so meins sind, angesprochen, aber ich meinte nicht ihn persönlich, sondern die Musik.

Und was war neulich in der schwedischen Talkshow los, als Sie meinten, der ESC sei wie Prostitution?

Sobral: Ja, mit diesem Wort war das YouTube-Video von der Show betitelt, aber meine Aussage wurde aus dem Kontext gerissen. Ich meinte es sarkastisch, ironisch, aber nicht ernsthaft. Manchmal verstehen die Leute meinen Humor nicht.

Wir möchten Ihren Humor gern verstehen, bitte.

Sobral: Ich meinte mit dieser Bemerkung nicht die Lieder, sondern die Show - dieses "Sichvorzeigen", das Entertainment, das Grelle. Jeder kann auf der Bühne machen, was er oder sie will. Aber es gibt Musik, die mich berührt, andere, die mich kalt lässt. Das wollte ich damit sagen. Beim ESC geht es mehr um die Show als um die Lieder.

Aber Sie haben mit Ihrem Lied gewonnen.

Sobral: Ich habe gewonnen, weil ich anders war als die anderen. Ich bin kein Fundamentalist, der anderen vorschreibt, was sie tun dürfen und was nicht. Mein Lied habe ich so interpretiert, wie ich es wirklich empfand. Die Leute mochten mein Lied, weil es sie berührte und seine Wahrhaftigkeit spürten.

Die auch Netta Barzilai verkörperte, die israelische Siegerin von Lissabon, oder?

Sobral: Auch sie war anders als die anderen, aber ihre Musik ist nicht meine.

Sie sagte, sie mochte Ihr Lied.

Sobral: Das ehrt mich, aber mir geht ein Lied wie "Toy" nicht nah. Aber das heißt nur, dass das für mich gilt, anderen hat es ja am besten gefallen.

Würden Sie wieder bei einem ESC auftreten?

Sobral: Nein, auf keinen Fall. Wäre ich dieses Jahr in Palästina dabei ...

Sie sagen Palästina - nicht Israel?

Sobral: Würde ich dieses Jahr mit "Amar Pelos Dois" mitmachen, würde ich ein T-Shirt mit der Aufschrift "Free Palastine" tragen.

Das wäre womöglich schwierig: Politisches ist ja beim ESC im direkten Sinne verboten, wenngleich in Israel auch für diese Parole Meinungsfreiheit gilt, oder?

Sobral: Ich werde nicht dorthin reisen, die Zeit ist vorbei.

Dieses Thema im Programm:

NDR Blue | ESC Update | 27.04.2019 | 19:05 Uhr