Stand: 05.11.19 16:58 Uhr

Wie der Mauerfall zum ESC-Thema wurde

Der Eurovision Song Contest 1990 in Zagreb war ein Wettbewerb im Zeichen der Einheit - und das gleich doppelt. Sechs von 22 Songs bezogen sich direkt auf den Fall der Mauer oder den freiheitlichen Wandel Europas. Doch der einzige ESC in Jugoslawien wollte auch zeigen, wie gut die einzelnen Teilrepubliken in diesem Staat zusammenleben. "Jugoslawien ist wie ein Orchester", sagte Moderatorin Helga Vlahović, es gebe verschiedenste Kulturen, die zusammenleben. Vor dem Voting wurde ein achtminütiger Film gezeigt, der das Land präsentierte. Der deutsche Kommentator Fritz Egner sagte währenddessen, die verschiedenen Nationalitäten lebten "mehr oder weniger problemlos nebeneinander". Nur ein Jahr später begannen die Unabhänigkeitskriege auf jugoslawischem Gebiet mit dem 10-Tage-Krieg in Slowenien. Doch die Botschaft von Frieden und Miteinander traf den Geist des ESC 1990.

Italien und Irland kämpfen mit Europa-Songs um Sieg

Toto Cutugno singt 1990 beim Grand Prix noch einmal seinen Siegertitel. Er belegt für Italien den 1. Platz © Michael Vastag

Toto Cutugno schreibt seinen Song "Insieme 1992" extra für den ESC 1990.

Der Italiener Toto Cutugno war schon ein Star, bevor er den ESC in Zagreb gewann. Sein wohl bekanntester Song "L'italiano" erreichte 1983 auch in Deutschland die Charts. Insgesamt zehnmal nahm er am Sanremo-Festival teil, nur einmal konnte er es gewinnen. 1990 wurde er Zweiter, die erstplatzierte Gruppe lehnte aber ihren ESC-Startplatz ab und so ging Cutugno mit "Insieme 1992" in Zagreb an den Start. Cutugno sang mit Inbrunst seine Hymne über das Zusammenwachsen Europas. Das englische "Unite, Unite, Europe" ist Höhepunkt des Refrains und gleichzeitig Aufforderung "immer freier" zu werden. "Europa ist nicht mehr fern", hieß es auf italienisch. Lange duellierte sich Cutugno mit dem Iren Liam Reilly um den Sieg. Reilly wurde schließlich mit 17 Punkten weniger zusammen mit Joëlle Ursull aus Frankreich Zweiter. In seiner Popballade "Somewhere In Europe" schwärmte er von Erlebnissen in einigen europäischen Ländern - wobei er außer bei "Tagen an der Adria" nur Westeuropa besang.

Deutsche Wende im Fokus: "Brandenburger Tor" aus Norwegen

Ketil Stokkan beim Grand Prix d'Eurovision 1990

Ketil Stokkan und seine Backgroundsänger singen von der deutschen Einheit.

Unter den vielen Songs über das europäische Zusammenwachsen handelten zwei insbesondere von der deutschen Einheit - allerdings nicht der deutsche selbst. Österreich und Norwegen bezogen sich direkt auf den Mauerfall. Am deutlichsten machte es der Norweger Ketil Stokkan, dessen Song "Brandenburger Tor" hieß. Er sang von Bildern, die nach der Grenzöffnung via Fernsehen um die Welt gingen. Nach so vielen Jahren sei nun alles wieder wie früher. Erfolg hatte Stokkan damit allerdings nicht. Gemeinsam mit Finnland wurde Norwegen Letzter - aus Deutschland gab es keine Punkte für "Brandenburger Tor".

Hier sind wir am Brandenburger Tor
Hand in Hand, als wenn es gestern war
Du und ich am Brandenburger Tor
Wir sehen das Brandenburger Tor

Auch "Keine Mauern mehr" handelte von der Berliner Mauer - nur nicht ganz so offensichtlich wie Norwegens Song. Zu Beginn von Österreichs Song hielten sich Sängerin Simone und ihre Bandmitglieder an den Händen. "Denn unsere Zukunft wird erst jetzt geboren - viele Sprachen, viele Ohren", sang Simone und schmetterte die Titelzeile auch auf Englisch, Französisch und Serbokroatisch. Der Popsong erinnerte im Stil etwas an Nena und die Neue Deutsche Welle und erreichte am Ende Platz zehn.

Ralph-Siegel-Song bringt Deutschland das Mittelfeld

Chris Kempers und Daniel Kovac treten 1990 beim deutschen Vorentscheid zum Grand Prix auf und gewinnen.  Foto: Istvan Bajzat

Daniel Kovac und Chris Kempers siegen souverän beim deutschen Vorentscheid in München.

Deutschland landete beim ESC 1990 einen Rang vor Simone auf Platz neun. Thema von "Frei zu leben" - dem elften ESC-Song von Komponist Ralph Siegel - nach vorne sehen und dem Gefühl vertrauen. Allerdings enthielt er keine direkte Andeutung auf die Berliner Mauer. "Jeder wartet auf ein Wunder, und das Wunder kann geschehen. Wir müssen einfach nur zusammen über alle Grenzen gehen", sang das deutsche Duo aus Sängerin Chris Kempers und dem in Jugoslawien geborenen Sänger und Moderator Daniel Kovac. Die langsame Popballade konnte sich schon beim deutschen Vorentscheid deutlich etwa gegen Jürgen Drews und Songcheck-Expertin Isabell Varell durchsetzen. Beim ESC gab es zwölf Punkte aus Luxemburg. Textlich nicht ganz in die Europaeuphorie hinein passt die finnische Gruppe Beat, die mit "Fri?" als letzte Startnummer auf die Bühne ging. "Wer von uns ist frei", fragten sie - von Europa keine Rede. Doch die Gruppe diskutierte in ihrem sehr beschwingten Song, der übersetzt auch "Frei?" bedeutet, ebenfalls die Frage der Freiheit, nur mit einem anderen Ergebnis. Kurz nach dem geteilten letzten Platz mit Norwegen löste sich die Gruppe auf. Nie hat ein politisches Thema einen ESC so dominiert wie der Mauerfall und der Umbruch in Europa 1990. So beendete auch Toto Cutugno seine Dankesrede mit den Worten: "Für ein vereintes Europa!"

Dieses Thema im Programm:

NDR Blue | ESC Update | 30.11.2019 | 19:05 Uhr