Stand: 07.05.14 21:51 Uhr

A little respect

Dr. Irving Wolther © Irving Wolther

Der Eurovision Song Contest kann gar nicht unpolitisch, sollte aber auf jeden Fall fair sein, sagt Dr. Irving Wolther.

Der Eurovision Song Contest - ein friedliches Fest der Völker sagen die einen, eine politische Farce sagen die anderen. Zum Beispiel Richard Peebles. Der ehemalige ESC-Teilnehmer, der 1987 unter dem Namen Rikki das Vereinigte Königreich vertrat, machte Dienstagabend seinem Unmut über die "Propagandaveranstaltung" ESC auf seiner Facebook-Seite Luft: "Das Ganze sollte ursprünglich ein Musikfestival sein, das Menschen von überall vereint, doch stattdessen rammen sie sich nur gegenseitig Messer in die Rücken", grollte der britische Eurovisions-Veteran. In erster Linie war Rikki allerdings darüber erbost, dass sich im ersten Halbfinale wieder einmal alle Klischees und Vorurteile über osteuropäisches Nachbarschaftsvoting bestätigt zu haben schienen: Russland, Ukraine, Aserbaidschan, Armenien - die üblichen Verdächtigen haben (vermeintlich dank nachbarschaftlicher Gunstbezeugungen) den Sprung ins Finale geschafft. Und das, obwohl sie sich in anderen Zusammenhängen gerade gegenseitig die Köpfe einschlagen.

Der ESC kann nicht unpolitisch sein

Selten war die politische Dimension des Eurovision Song Contests stärker zu spüren als aktuell in Kopenhagen 2014. Der Konflikt zwischen der Ukraine und Russland überschattet den Musikwettbewerb und drückt der ESC-Berichterstattung seinen Stempel auf - wovon auch Elaiza ein Liedchen singen können. Spätestens als nach der Qualifikation der russischen Tolmachevy-Zwillinge laute Buh-Rufe durch die B&W-Hallene schallten, dürfte auch dem Letzten klar geworden sein, dass ein Wettbewerb, bei dem Länder sich gegenseitig Punkte geben, nicht unpolitisch sein kann. Was er jedoch sein kann, ist fair und respektvoll. Und diesen Respekt lässt der eine oder andere im Augenblick deutlich vermissen.

Dr. Irving Wolther

ist Freier Autor, unter anderem für eurovision.de. Er verfasste die erste Doktorarbeit über den Eurovision Song Contest - das Foto zeigt ihn kurz nach der Verleihung des Titels. Wolther rief 2008 den Hannover Song Contest "HÖREN!" ins Leben.

Die Grenzen des guten Geschmacks sind fließend

Es gibt unterschiedliche Arten, seinem Unmut über bestimmte Songs oder bestimmte Länder Luft zu machen. Man darf einen Titel grottig, einen Text schmalzig, eine Künstlerin untalentiert oder zu fett finden. Es ist auch absolut ok, den einen oder anderen bösen Spruch zu posten beziehungsweise zu twittern. Die Grenzen des guten Geschmacks sind dabei fließend, und wenn jemand beim estnischen Beitrag twittert, Putin möge da doch bitte mal intervenieren, kann man das lustig finden, muss man aber nicht. Weniger lustig ist es dagegen, die Tolmachevy-Zwillinge als "Putin-Schlampen" zu titulieren. Und wenn nach dem Halbfinale ein betrunkener Mob im Euro-Club die russische Fahne mit Füßen tritt und ins Herrenklo zerrt, dürfte die Grenze eindeutig überschritten sein.

Zunehmende Übergriffigkeiten

Zumindest nachvollziehbar wäre ein solches Verhalten, wenn Angehörige verfeindeter Nationen sich so verhalten würden. Doch es sind nicht bestimmte Landsleute, die ihre gute Kinderstube beim ESC vermissen lassen. Und es sind auch nicht nur Fans. Und es passiert auch nicht erst seit heute. Schon seit vielen Jahren sind Übergriffigkeiten bei den Akkreditierten zu beobachten - sei es bei Rangeleien um Fotos oder um Pressematerialien, wo auch schon einmal beherzt zwischen die Beine einer Delegationsleiterin gegriffen wird, die eine Kiste CDs hinter sich versteckt hält. Dabei spielt es keine Rolle, dass dieser Griff wohl kaum als sexuelle Belästigung gemeint war - er ist respektlos! Und er schadet der Sache. Es liegt im Interesse von Fans und Journalisten, sich aktiv gegen solche Eurovisions-Hooligans zu stellen. Denn sie treten nicht nur Flaggen mit Füßen, sondern auch den Geist der Veranstaltung.

Dieses Thema im Programm:

ONE | Eurovision Song Contest | 06.05.2014 | 23:00 Uhr

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