Stand: 15.05.13 17:33 Uhr

Die Ikone namens Carola

Carola Häggkvist, schwedische Sängerin bei Eurovision in Concert in Amsterdam © NDR Foto: Patricia Batlle

Carolas beeindruckende Grand-Prix-Bilanz: 1983 dritter Platz, 1991 erster Platz, 2006 fünfter Platz.

Es wird mal wieder Zeit, über sie zu sprechen: Carola Häggqvist. Kein anderer Tag dieser Eurovisionswoche in Malmö ist geeignet. Aber nicht, weil sie gestern Abend im “Admiralen” ein, vorsichtig formuliert, frenetisch gefeiertes Konzert gab. Sie ist hier in Skåne jeden Tag irgendwo dabei - vorgestern beim Empfang der israelischen Delegation im “Glasklart”, gestern eben in einer öffentlichen Location. Carola – das ist eine Geschichte voller Triumphe, Leiden, Passionen, Missverständnisse – und auch eine vom Erwachsenwerden.

Um es so kurz wie möglich zu machen, was die Vorgeschichte angeht: Carola, gewann 1983 als Teenager die schwedische Vorentscheidung mit “Främling”. Keine andere vor oder nach ihr hat je alle Punkte bekommen – das Lied über den interessanten, unbekannten, aufregenden Fremden (also: “Främling”). Das klang wie eine Pubertäts-Fantasie, mit der sich jeder und jede identifizieren konnte – und wollte. Carola war andererseits immer bizarr. Schon auf der Bühne nach dem Melodifestivalen 1983 bekannte sie scheu aber vernehmlich, in der Bibel Zuspruch und Trost zu finden.

Dann machte sie weiter Karriere - mehr in Skandinavien als in den USA, wohin ihre Wege sie eigentlich führen sollten. So kam sie 1990 zum Melodifestivalen zurück, belegte mit “Mitt i ett äventyr” den zweiten Platz, um im Jahr darauf sowohl die Vorauswahl in Schweden als auch schließlich den ESC zu gewinnen – die Vorentscheidung in Malmö, das Finale in Rom: “Fångad av en stormvind”. Ihre Fans Kinder, junge Frauen, schwule Coming-Out-Jungs und gestandene schwule Männer. Carola – das war einfach auch schrill (ihrer Textilien wegen) – seelisch entblößt (weil sie immer ein paar Töne zum Schluss ihrer Lieder röhrend zu gurgeln scheint) und unpassend (weil sie eben immer noch schwerst auf Bibelsupertripp war).

Tja, und dann sagte sie auch Dinge, die sie vielleicht besser für sich behalten hätte. Wobei, ich finde es besser, Sachen auszusprechen, als sie zu leugnen. Also: Carola erzählte, sie lehne Homosexualität ab, Schwule seien von der Strafe Gottes heimgesucht, sie lebten in Sünde und, und, und …

… Und das hat sie bis in die vergangenen Jahre durchgehalten, weshalb man sie “die Tapfere” nennen könnte: Gegen ihre Fanbase zu quatschen, auch in Interviews, ist außergewöhnlich. Dann aber wurde es besser. Carola wurde offenbar erwachsen, weiß nun, dass Gott (der ihrige natürlich) auch Homos lieb hat und erzählt das auch überall rum.

Und gestern abend performte die eigentlich unnahbare Carola – sie mochte nie angefasst werden – im “Admiralen”. Und wie! Erzählte während ihrer Conférence, sie sei glücklich, nun die fünfte oder sechste Chance (wenn ich es richtig verstanden habe) erhalten zu haben. Die wolle sie nutzen. Und sie liebe alle. Sie sagte das in vollem Bewusstsein, dass im Publikum etwa 99,9 Prozent Leute waren, die entweder schwule Männer waren oder, wenn Frauen, dann deren Freunde. Carola glückte sogar ein Stagediving – mein Kollege Thomas Mohr von NDR 2 schwärmt noch jetzt - und badete auf den Armen von beseelten Menschen.

Ich würde sagen: Damit ist aller “queerer” Frieden mit Carola geschlossen. Sie ist eine Große. Vielleicht keine Göttin, aber zumindest eine unter seinen und unseren größten Dienerinnen. Es war ein exzeptionelles Konzert!

Dieses Thema im Programm:

Das Erste | Eurovision Song Contest | 04.05.1991 | 21:00 Uhr