Kommentar

Stand: 14.05.19 13:50 Uhr

"Universe": Die Klassiker-ESC-Vokabel nervt

Für Großbritannien steht Michael Rice mit "Bigger Than Us" auf der Bühne. © eurovision.tv Foto: Andres Putting

Mit der Ballade eines Schweden für Großbritannien: der stimmgewaltige Michael Rice.

Der Brite Michael Rice ist ein wirklich sympathischer Typ. Welpenhaft, kumpelig, mit großer Stimme. Er singt sich Probe für Probe mit seinem "Bigger Than Us" die Seele aus dem Leib. Sein Lied hat etwas Pompöses, und das ist nett so. Das Pathetische hat damit zu tun, dass John Lundvik, in London geborener Schwede, diesen ESC-Beitrag komponiert hat: Der Mann aus Växjö liebt die ganz großen Nummern. Es gibt nur eines, das am Beitrag des United Kingdom nervt - und das ist das Wort "Universe".

Universe, das Universum, universell, global, alles umfassend, größer als alles Einzelne: Das meint das Wort, und zwar in jeder Sprache, die je beim ESC gesungen wurde. Die Wahrheit aber ist: Wo "Universe" draufsteht, ist nicht viel Inhalt drin. Das Alles ist das Nichts - das darf als philosophische Grunderkenntnis gelten: Das Universum aufzurufen, um eine Liebe zu beschreiben, ist nur im ersten Moment der Verknalltheit wirklich statthaft. Bei einem ESC empfiehlt es sich jedoch, mit Worten und Wortklängen zu arbeiten, die privaterer Natur sind.

Botschaften, die privat scheinen, sind der Goldstandard

ESC-Gewinnerin Netta auf der Bühne in Lissabon. © NDR Foto: Rolf Klatt

Vorjahressiegerin Netta wird in Tel Aviv im Rahmen des ersten Halbfinales auftreten.

Die erfolgreichsten ESC-Songs waren eher persönlicher Natur. Der Portugiese Salvador Sobral oder auch die israelische Vorjahressiegerin Netta Barzilai sangen Texte, wie sie nahbarer kaum gehen, auch wenn Nettas "Toy" mit mächtigem Krawall daherkam.

Die meisten früheren ESC-Siegeslieder waren textlich so gestrickt, dass sie sich wie eine intime Erzählung anhörten und so wirkten: etwa Udo Jürgens' "Merci Chérie" 1966 in Luxemburg, oder Dana (Domestic) mit ihrem "All Kinds Of Everything" (1970 in Amsterdam), und natürlich Anne-Marie Davids "Tu te reconnaîtras" (1973 in Luxemburg). "Universe" ist eine Notvokabel, die andeutet, dass die Textenden keine persönliche Geschichte zu erzählen wissen. Sie bleiben im Allgemeinen, und deshalb taucht auch das verräterische Wort von der Allumfassenheit auf.

"Liebe" ist das einzige Wort, das immer geht

Natürlich, es gibt Vokabeln, die gibt es in fast jedem ESC-Lied, nämlich "Liebe", "Love" oder "Amour". Das aber ist ein anderer Fall als der, bei dem die Textlichkeit mit "Universe" angereichert wird: Liebe ist die Kernbotschaft fast aller guten Popsongs - das ist auch beim ESC nicht anders.

Katja Ebstein vertritt Deutschland 1971 beim Grand Prix und belegt den 3. Platz. Sie belegte 1970 den 3. Platz, sowie 1980 den 2. Platz  Foto: Manfred Rehm

Mit ihrem Song "Diese Welt" wurde Katja Ebstein beim ESC 1971 in Dublin Dritte.

Zur Klasse der Worte wie "Universe" zählen auch Vokabeln wie "Welt" ("World", "Monde", "Värld"). Aber das ist nicht im gleichen Maß enervierend wie der Begriff, den Michael Rice benutzt. Das Wort "Welt" taucht in etlichen ESC-Songs auf, vor allem in umweltbewussten Liedern, klassisch bei Katja Ebsteins "Diese Welt" aus dem Jahre 1971.

Welches Wort taucht am häufigsten auf?

Hieran schließen sich Fragen an: Hat schon mal jemand Liedinhalte des ESC sprachwissenschaftlich nach Worthäufungen untersucht beziehungsweise diese Vokabeln durchgezählt? Welches ist das am häufigsten benutzte Wort in ESC-Texten? Gibt es hierfür ein Ranking? Welche Sprachphrasen haben gerade Konjunktur? Steht die Vokabel "Liebe" wirklich an Nummer eins? Schreibt uns gern in unserer Kommentarfunktion!

Dieses Thema im Programm:

Das Erste | Eurovision Song Contest | 18.05.2019 | 21:00 Uhr