Kommentar

Stand: 14.03.18 11:16 Uhr

Netta Barzilai rauscht in den Wetten nach vorne

Netta Barzilai ist die israelische ESC-Kandidatin für das Jahr 2018. © Netta Barzilai

mNetta Barzileis Song "Toy" ist ein Beitrag zur #MeToo-Debatte.

Sie ist 25 Jahre jung und hat bis neulich ihr Geld als Sängerin und Performerin in Clubs in Tel Aviv und bei Hochzeiten verdient: Netta Barzilai, Israelin. Sie sieht aus wie eine Gegenthese zu all den dürren ESC-Chanteusen, egal aus welchem Land, die körperlich signalisieren: Sieh dich beim Essen vor, ein Joghurt zum Frühstück reicht, am besten verspeist mit einem Zahnstocher, man hat dann länger etwas davon. So wie bei der türkischen Sängerin Gülseren, 2005 in Kiew, ich durfte bei diesem Mahl zusehen.

Netta Barzilai, die junge Frau aus der quirligsten und coolsten Stadt am Mittelmeer, wird beim ESC ein neues, starkes Frauenbild kreieren. Schon Sandie Shaw beklagte 1967 in ihrem Titel "Puppet On A String", dass sie keine Marionette an den Fäden eines Mannes sein wolle, sondern selbstständig und autonom. Und den Männern in jeder Hinsicht ebenbürtig.

Kein Spielzeug, keine Marionette

Nettas ESC-Song "Toy" ist ein Act, der sich wie ein ästhetisches Bouquet aus Gangnam-Style, Elektrofurore und scratchenden, quietschenden sowie Hip-Hop-Gesangspassagen ausnimmt. Überwiegend ist der Song auf Englisch, teilweise ist auch Hebräisches zu hören. Das Lied hat Doron Medalie geschrieben, er war auch verantwortlich für Israels ESC-Acts von Nadav Guedj 2015 ("Golden Boy") und Hovi Star 2016 ("Made Of Stars"). Barzilais "Toy" unterscheidet von Sandie Shaws ESC-Siegestitel in der Wiener Hofburg in der Form, dass die Britin in Zeiten performte, als es noch keinen Feminismus gab - und die Israelin es außerdem echt ernst zu meinen scheint. Netta Barzilai ist wie eine Tochter der Tracy Turnblad aus John Waters' legendärem Film "Hairspray" - eine Figur, die es allen überschlanken Schauergestalten zeigt, vor allem der fiesen Amber van Tussle. Denn sie kann einfach besser tanzen!

"Toy" steigt schnell an die Spitze

Die Israelin rauschte, nachdem ihr Lied am Wochenende, als alle ESC-Fans eigentlich auf das schwedische Melodifestival und den norwegischen Melodi Grand Prix fixiert waren, geleakt und ins Netz gestellt worden war, in den Wettbüros nach ganz vorn. Zuvor war sie, auf Basis ihrer Performances in der Show "Rising Star", ins obere Feld geweissagt worden, aber "Toy" war dann sehr vielen Wettern und Fans eine Offenbarung: ihre Nummer eins!

Zeit für einen flotteren Siegertitel?

Denn wahr ist ja: Sowohl Jamalas Siegestitel "1944" als auch Salvador Sobrals Siegestitel des Vorjahrs "Amar pelos dois" markieren vor allem dies: Das Publikum wird nichts gegen ein Lied haben, das nicht wie eine ergreifende Ballade klingt oder eine politisch-dramatische Botschaft enthält. Eine solche Message hat Netta Barzilai auch - "Toy" versteht sie ja als ihren Beitrag zur #MeToo-Debatte, die weltweit geführt und im eurovisionären Bereich selbstverständlich auch verstanden wird.

Sie sagte, was auch nicht von mangelndem Selbstvertrauen kündet: Sie möchte jetzt so gern gewinnen - und ihren Sieg, wie Dana International 1998, letztmalige Gewinnerin für Israel, ihrem Land widmen. Dieses Jahr zu dessen 70. Geburtstag.

Dieses Thema im Programm:

ONE | 08.05.2018 | 21:00 Uhr