Kommentar

Stand: 01.02.18 15:55 Uhr

ESC-Erfolgsrezept: Alles ist möglich, auch Masken

Ein ungewöhnlicher Act soll für das nächste ESC-Jahr ausgesucht werden. Nicht der Kompromiss, sondern Mut zum Unkonventionellen soll bei den Kandidaten und Kandidatinnen belohnt werden. Nicht "Middle of the road", sondern Exzellenz durch - was auch immer. Ein ESC-Act, so ermittelte das NDR-Team um Thomas Schreiber, der Erfolg haben will, dürfe nicht nach dem Motto "Allen wohl und niemand weh" charakterisiert sein, sondern durch eben das Besondere, was diese Performance von den anderen hervorhebt.

Lordi aus Finnland feiern ihren Sieg © NDR Foto: Rolf Klatt

Die finnische Band Lordi hatte viel zu verlieren - und viel zu gewinnen.

Wir stellen bis zum deutschen ESC-Vorentscheid am 22. Februar in Berlin außergewöhnliche ESC-Acts vor aus verschiedenen popmusikalischen Genres - und stellen sie zur Diskussion: Was war an diesen Performances (in der die Mixtur aus Interpret, Lied und Darstellung zum Ausdruck kommt) besonders,  was hob sie von anderen ab? Heute der zehnte Teil der Analysen mit: Lordi aus Finnland, eine Band mit Masken.

Ein Land, das noch nie gewonnen hatte

So war die Lage im Jahre 2006 beim ESC in Athen: Gruppen waren erst seit den 70er-Jahren erlaubt, nur drei konnten seither gewinnen, Abba 1974, Teach-In 1975 und Riva 1989. Und dann war da noch Finnland: Ein Land, das noch nie gewonnen hatte, und Jahr für Jahr mehr oder weniger wenig aufsehenerregende Acts zum Eurovisionsfestival schickte. 2006 bewarben sich beim finnischen Fernsehen wenige Künstler und Künstlerinnen, aber Lordi ließen sich überreden.

Und dann gewann sie den Vorentscheid und reisten nach Athen. Ich will es nicht verschweigen: "Hard Rock Hallelujah" war das am Außenseiterischste, dass ich bis dahin - und seither - bei einem ESC wahrgenommen habe. Zwei Freunde tippten gar auf einen Sieg der Finnen, und beide hielt ich für nicht mehr zurechnungsfähig. Ich war es, der sich irren sollte - und das gefällt mir gut, denn Lordi waren die Gewinner, die am kräftigsten ihr Renommée riskierten, als sie für den ESC meldeten. Ihre Hardrock-Gothic-Metal-Szene hätte ihnen einen mittleren Platz nicht verziehen, aber einen Sieg? Klare Sache.

Televoting mit Antimief-Effekten

Aber was könnte das Geheimnis dieses Acts gewesen sein? Zunächst gewiss, dass sie zwar nicht mit ihrem Lied sich im easy listening übten, sondern im gothic listening. Es krachte und schepperte, es war dröhnend und laut, aber nicht unfrisch, also sehr sympathisch. Sie waren die Antithese zu allen Anzügen und Abendkleidern, zu allem überbunten Flitter und Glitter, sie zelebrierten keine helle und heilige Welt voller Liebeskummer oder Lebensglück, sondern irgendetwas Religionsangehauchtes - und das Versprechen, wirklich hart und nicht soft zu sein. Obendrein spielte Lordi in die Karten, dass der ESC sich seit dem Ende der 90er entmufft hatte, was sich unter anderem darin ausdrückte, dass es eine reine Televotinggeschichte war. Jurys, die in Ohnmacht ob der Beschädigung ihrer Schlagerwelt hätten fallen können, gab es nicht. Stattdessen gab es seither nicht verstummende Gerüchte, dass sie, da der ESC auch von Kindern gesehen werde und die Lordi-Mitglieder wie Spielzeug-Horror-Puppen aussahen, von den Kleinen enthusiastisch gewählt wurden.

Viele finnische Gruppen folgten nach Lordi, auch aus Andorra und noch andere Bands, wobei maNga aus der damals noch eurovisionsfreundlichen Türkei immerhin Zweite wurden und ihren guten Platz vor allem den Televotern, nicht den wieder zur (wenngleich nur hälftigen) Macht gekommenen Jurys zu verdanken haben.

ESC-Finale 2010:  Manga aus der Türkei © NDR Foto: Rolf Klatt

Türkei: Manga - "We Could Be The Same"

Manga aus der Türkei präsentierten sich im ESC-Finale mit "We Could Be The Same" - einem soliden Rocksong mit orientalischen Einflüssen. Mit Erfolg: Die Band landete auf Platz zwei.

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Kopien sind nutzlos

Man kann sie alle nicht kopieren, jeder Act ist speziell. Lordi als Kopie würde nicht funktionieren, so wie man Cascada übel genommen hat, so ähnlich zu klingen wie Loreen. Aber wenn man schon als Band antritt, sollte man so authentisch, so entschieden einzigartig sein wie niemand sonst. Sei es bei den Kostümen, bei der Sprache, die nicht Englisch sein muss, sei es durch kraftvollen Tanz oder offensiver Aufforderung an das Saalpublikum, beim Mitklatschen nicht geizig zu sein.

Lordi sind in Finnland so heilig wie in Schweden Abba: Ihr Einsatz hat sich gelohnt, sie haben sich zurecht bequatschen lassen, ihre europäische Fanbase mit Hilfe des ESC zu erweitern. Bands müssen nur originell sein - und sein, wie sie sonst auch sind: Gangs mit Noten.

Ungewöhnlichkeitsfaktor: Erheblich. Hätten die Lordi-Leute noch Finnisch gesungen, wäre ihr Sieg womöglich noch fetter ausgefallen. Insofern: Entscheidend ist das Andere - auch als Gruppe, als Band. Ein Act muss gefällig sein, darf aber zu bizarren Mitteln greifen. Bloß unnatürlich und aufgesetzt darf es nicht wirken.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Blue | ESC Update | 24.02.2018 | 19:05 Uhr