Stand: 02.05.17 11:32 Uhr

Früher war alles schriller

Guildo Horn beim Eurovision Song Contest 1998 . Er belegt den 7. Platz.  Foto: Katja Lenz pool

Guildo Horn und seine Orthopädischen Strümpfe traten 1998 für Deutschland an.

Wenn man sich die 42 ESC-Lieder in diesem Jahr anhört, auch wenn man den russischen Act von Julia Samoylova noch mitdenkt, bleibt eine gewisse Verstörung. Irgendetwas fehlt - und das nenne ich das gewisse Moment von Schrägheit, von Witz, Komik und Ironie. Das fehlt dieses Jahr ganz und gar.

Als in Deutschland der ESC sich vom Muff des Schlagers zu befreien begann, das war 1998 mit Guildo Horn und seinen Orthopädischen Strümpfen, war die Popularität dieses eurovisionären Festivals wieder enorm. Es war die Zeit, als man sich plötzlich an die seligen ESC-Zeiten zu erinnern begann. Und allgemein glaubte, der ESC sei schrill, der Käseigel für die Show beim Gucken die richtige Nahrungsquelle. Das stimmte zwar auch vor knapp 20 Jahren nicht, das Monument kulinarischer Spießigkeit stand mitnichten auf Tischen, an denen Menschen saßen, die den Grand Prix Eurovision de la Chanson bestaunten.

Schräges gehört zur ESC-Geschichte ruhmreich dazu

Aber sei's drum: Es gab in der Geschichte des ESC immer besondere Auftritte, Künstler und ihre Lieder, die schon deshalb besonders waren, weil sie sich dem Mainstream des Pop verweigerten.  Es waren sehr viele, manche peinlich, andere gelungen, hier in neutraler Aufzählung nur beispielhaft: Dschinghis Khan 1979, Alf Poier 2003, Dustin the Turkey 2008, Stefan Raab 2000, Lordi 2006, Guildo Horn 1998, die Schmetterlinge 1977, Monika Kuszyńska 2015, Drama Queen 2007, Baby Doll 1991, Jedward 2011 und 2012, Verka Serduchka 2007 oder Paul Oscar 1997.

Lordis Sänger lässt Funken sprühen © NDR Foto: Rolf Klatt

Teuflische Bühnenshow: Lordi holten 2006 für Finnland den Sieg.

Abba wird gern als Beleg des Schrillen und Schrägen auch noch genannt, die siegten 1974, aber wie das schwedische Quartett sahen damals eigentlich alle aus, abgesehen von jenen, die mehr wie Alice Cooper aussehen wollten. Das war modisch und eigentlich nicht schräg oder bizarr. Was überhaupt bizarr ist, hängt ja ohnehin vom Auge des Betrachters ab: Außergewöhnliches muss damit nicht gemeint sein. Homens da Luta, Portugal 2011, beispielsweise war keine Spaßnummer - und doch klang es wie das Typische aus diesem Land: irgendwie melancholisch und doch anders.

Aber auffällig ist in diesem Jahr, dass kein einziger Beitrag mehr sein will als ordentlicher Pop. Disco & Drama - ließe sich sagen: Bis auf Armeniens ethnolastiges Stück klingt obendrein alles gesamteuropäisch und kaum mehr länderspezifisch. Die Finnen von Lordi jedenfalls bildeten den letzten Siegesact, die sich dem Gediegenen, dem eher Gängigen entzogen. In gewisser Weise auch noch im Jahr darauf Marija Serifovic und ihr Gebet namens "Molitva". Seither ist alles Pop, radiotauglich durch und durch: Dima Bilan 2008, Alexander Rybak 2009, Lena 2010 und so weiter bis zu Jamala, die wiederum kaum im Radio gespielt wurde, aber die war eine politisch aufgeheizte Ausnahme, die an einem Abend die eurovisionären Gesamtsympathien auf sich zog.

Songs meistens Mainstream

Selbst eine Conchita Wurst muss so eingereiht werden: Das Lied, eine Hymne im Stil der James-Bond-Filmmusiken, war eine dramatische Schnulze, durchaus passend zum populären Geschmack. Dass der Österreicher Tom Neuwirth als bärtige Transgender-Dame auftrat, spielte für das Schräge und Schrille, also Queere nur eine Nebenrolle: Das Lied war und ist Mainstream.

Dass der ESC seine nationalen Kulturbesonderheiten kaum mehr zeigt, ist, wie erwähnt, ebenso auffällig: Hört man sich die 42 Lieder ohne Länderkenntnis an, klingt alles wie Eurovision, nicht mehr kulturell in irgendeiner Weise spezifisch. Finnlands Lied könnte aus der Schweiz kommen, und Spaniens Beitrag wäre auf moldauischem Ticket ebenso denkbar.

Das hat, nach meinem Dafürhalten, nur am Rande mit der massiven Präsenz skandinavischer Komponisten, Texter und Produzenten beim ESC zu tun. Die kann man anheuern, damit es besonders eingängig klingt. Okay, europäische Hörgewohnheiten haben sich angeglichen über die Jahrzehnte, aber es wird auch nichts mehr riskiert in den Ländern: Man will sich durch eigenwillige, noch irgendwie nationalbewusste Arrangements nicht zum Freak-Act machen. Wobei ja auch richtig ist, dass alle Nationalkulturen immer schon Mischungen waren - und Deutschland hat Gott sei Dank stets davon abgesehen, die Wildecker Herzbuben zum ESC zu schicken.

Immerhin gibt Raritäten, die von diesem Trend abweichen, Albaniens Rona Nishliu 2012 etwa oder Raphael Gualazzi 2011. Sie belegten vordere Plätze, sie zeigten an, dass ästhetische Experimente lohnen können.

Etwas mehr Witz, eine Prise mehr Schräges - diese Zutaten vermissen viele, nicht nur ESC-Fundamentalisten. Kiew wird einen neuen Standard an Eingängigkeit bieten - und das ist auch sehr, sehr schade.

Dieses Thema im Programm:

Das Erste | Eurovision Song Contest | 13.05.2017 | 21:00 Uhr