Stand: 16.03.14 20:45 Uhr

Eine Patriotin der Ukraine?

Die ukrainische ESC-Teilnehmerin Mariya Yaremchuk © Mariya Yaremchuk

Während sich Maria Yaremchuk für den ESC qualifiziert, demonstrieren die Menschen auf dem Maidan Platz. In der Entscheidungsshow fällt kein Wort darüber.

Das war am Wochenende die Meldung, die über die internationalen ESC-Kanäle ging - eine von vielen jener Art: Alle Kopenhagener ESC-Sänger, -Sängerinnen und -Bands haben in den vergangenen Wochen vorzeigbare Clips produzieren lassen. Maria Yaremchuk, die ukrainische Kandidatin für die Tage zwischen dem 6. und 10. Mai, gehört mit "Tick-Tock" dazu. Tatsächlich weiß die ESC-interessierte Bevölkerung zwischen Lemberg und Charkiw, Tschernobyl und Odessa nicht so recht, was sie von dieser Botschafterin der Ukraine in Dänemark halten soll. Denn Maria Yaremchuk hat am 21. Dezember, einem Samstag, mit "Tick-Tock" gewonnen - und wer die Show zur Mittagszeit gesehen hat, ist immer noch verblüfft, dass man ihr nicht ansah, dass zeitgleich auf dem Maidan von Kiew der Aufstand gegen das korrupte Regime von Präsident Viktor Janukowitsch längst im Gange war.

"Ich bin ein unpolitischer Mensch"

Die ukrainische Sängerin Ruslana steht bei einer Protestaktion in der Ukraine auf der Bühne. © picture alliance / dpa Foto: Jan A. Nicolas

Ruslana unterstützt die Demonstranten auf dem Maidanplatz mit ihren Liedern.

ESC-Kenner wissen: Ruslana, die Siegerin von 2004, stand Abend für Nacht auf der Bühne auf diesem Platz und sang, um die nächtliche Müdigkeit nicht mächtig werden zu lassen. Die Deutsche Welle berichtete darüber. Maria Yaremchuk nun unterstützte die "Partei der Regionen" des Präsidenten - das gab schlechte Stimmung, nachdem der Präsident neulich nach Russland flüchtete. Die Sängerin erläuterte selbst: "Ich bin ein unpolitischer Mensch, erstens bin ich noch sehr jung, zweitens bin ich Sängerin, was absolut nichts mit Politik zu tun hat. Meine Entscheidung, die 'Partei der Regionen' zu unterstützen, bedeutet nicht, dass ich mich an politischen Debatten beteilige. Das ist nur meine moralische Unterstützung als junge Sängerin aus dem Westen der Ukraine. Es ist jetzt die Zeit, sich zu vereinigen. Wir, das ukrainische Volk, müssen alle auf einer Wellenlänge sein, genauso mit den Behörden." Das ist zwar widersprüchlich, aber es soll wohl bedeuten: Ich habe mich dem Regime unterworfen - aber wo es jetzt weg ist, muss ich sagen, dass ich doch lieber nicht politisch bin. Denn, so sagte sie in einem Interview mit der Zeitung Gazeta: "Ich bin doch nicht die ukrainische Regierung, dass man mich kritisiert. Ich bin eine ukrainische Sängerin. Deswegen verstehe ich nicht, wofür ich Kritik ernte. Ich habe nichts gesagt, dass in die Kritik geraten könnte und habe keine radikale Entscheidung getroffen. Ich war und bleibe eine Patriotin und werde das tun, was ich auch schon früher getan habe: singen."

Maria Yaremchuk spendet Blut für die Ukrainer

Am 21. Februar, der Wind nicht nur rund um den Kiewer Maidan beginnt sich zu drehen, notierte die offenbar hochnervöse Chanteuse in ihrem Blog, nachdem sie vom Blutspenden für die angeschossenen und verprügelten Demonstranten gegen das Regime kam und ihren Spenderausweis postete:  "Der Stolz auf das ukrainische Volk rührt mich zu Tränen. Ich musste sehr lange Schlange stehen, um Blut zu spenden. 350 Menschen haben sich heute angestellt. Es besteht Hoffnung, solange es Mitgefühl gibt und die menschliche Seele noch nicht versteinert ist. Ruhm der Ukraine!" Der Trick, wenn man so will, ist sonnenklar zu erkennen: Ruslana und Freunde werden als künftige Sieger erkennbar - und da will Maria Yaremchuk nicht bei den Verlierern sein. Sie muss sogar Blut spenden, um wieder glaubwürdig zu werden - und weil das als pure Ankündigung hätte empfunden werden können, zeigt sie auch, als Dokument der Echtheit ihrer patriotischen Absichten, den Spenderpass.

"Es tut mir weh, falsche Schlagzeilen zu lesen"

Am 19. Februar, als fast klar war, dass der Präsident und die ihm nahestehenden Oligarchen in der Ukraine keine politisch bestimmende Zukunft mehr haben würden, postet sie auf Vkontakte, dem russischen Facebook-Äquivalent, ein Bild von einer Hand mit Kerze - versehen mit der Überschrift "Pray For Ukraine" (Bete für die Ukraine). Sie schreibt bzw. lässt schreiben: "Ich kann nicht ruhig bleiben bei allem, was heute geschehen ist. Mein Herz blutet. Es scheint, dass alles ein Albtraum ist. Ich hoffe Gott hat Erbarmen mit unserem Volk. Die Situation in Kiew ist kurz vor der Apokalypse. Das Volk ist in Patrioten und Verräter geteilt, und niemand kann den einen vom anderen unterscheiden. Wir sind Blutsbrüder, und ich bin gegen das Blutvergießen und für den Kampf gegen die Gewalt. Möge das ukrainische Volk das alles überstehen. Ruhm der Ukraine! Abschließend möchte ich sagen, dass mich viele Nachrichten mit Fragen erreichen, ob es wahr ist, dass ich die politische Macht unterstütze. Diese ständige Desinformation! Es tut mir weh, falsche Schlagzeilen zu lesen! Ich komme aus der Ukraine!" Sie rettet sich, wo sie kann. Besser: Sie versucht es.

Ruslana ist keine Gegenerin von Maria Yaremchuk

Greenjolly vertrat die Ukraine beim ESC 2005 © dpa Foto: Ulrich Perrey

Greenjolly zeigen mit ihren Auftritt 2004 Sympathie für die Orangene Revolution.

Nach dem ESC, bei dem Ruslana gewann, vertraten drei Männer namens Greenjolly die Ukraine mit dem Lied "Razom Nas Bahaton", ein Lied aus den Wochen der Orangenen Revolution, die damals ebenfalls von Ruslana unterstützt wurde, aber das System nicht demokratisierte, sondern lediglich den Präsidenten Juschtschenko an die Spitze brachte. Greenjollys fußballstadiontauglicher Act belegte nur den 20. Platz: Agitatorisches eignet sich offenbar nicht für den ESC. Maria Yaremchuk, so teilte mir am Wochenende Ruslana per Mail mit, soll die Ukraine gut vertreten. Sie hege keinen Groll, dass die diesjährige Sängerin mal das alte Regime mit getragen hat. Mir leuchtet das ein: Schön ist es nicht, wenn Künstler und Künstlerinnen in der Sonne der Macht sich aufhalten - aber wie hieß es doch einst? Sie ist jung und will doch auch nur Karriere machen. Habt Erbarmen mit Frau Yaremchuk - ihr Lied möge sie ins Finale tragen. Und Ruslana würde dann die Punkte aus Kiew durchgeben: Das wär‘ die allerschönste Pointe!

P.S.: Die Passagen aus ukrainischen Medien hat meine Kollegin Ljuba Naminowa übersetzt. Ich danke ihr von Herzen!

Dieses Thema im Programm:

Das Erste | Eurovision Song Contest | 10.05.2014 | 21:00 Uhr