Stand: 29.04.14 13:15 Uhr

Hauptsache dabei sein?!

Elaiza im Studio beim Videodreh für ihren Song "Is It Right" © NDR Foto: Nicole Janke

"Für uns geht es nicht ums Gewinnen", betonen die drei Elaiza-Frauen immer wieder.

Es ist ein wenig irritierend, dass Elaiza in vielen Presseinterviews bekunden, dass sie sich wie die Königinnen auf die Reise nachKopenhagen und auf den Auftritt im Finale freuen, aber nicht allzu hohe Erwartungen hegen. "Ganz ehrlich, für uns geht es nicht ums Gewinnen“, sagte Sängerin Elzbieta der Onlineversion des "Focus". "Was kommt, das kommt", heißt es weiter, und: "Wir freuen uns auf den Moment, dass wir an dem Abend unsere Musik mit Europa teilen dürfen und die Bühne mit den ganzen Künstlern. Das ist für uns das absolute Highlight.“ Und haben die drei nicht absolut recht? Allzu exquisite Wünsche des Publikums strapazieren jedes Nervenkostüm, auch das von souveränen Gewinnerinnen einer deutschen Vorentscheidung. Andererseits ist es beim ESC wie beim Sport: Wer antritt, will auch gewinnen. Seltsam fand ich immer Statements von Künstlern, die sich vor einem ESC davon distanzierten, unbedingt gewinnen zu müssen. Irgendwie hatte das immer etwas von Ängstlichkeit und vorab geäußerter Verarbeitung von dem, was man Enttäuschung nennen könnte.

Jubelschreie neben großer Enttäuschung im Green Room

Tatsache ist, dass alle weniger erfolgreichen Künstlerinnen und Künstler beim ESC hinterher sagten, das Ergebnis sei doch egal. Hauptsache, man habe seinen Spaß gehabt. Ehrliche Naturen aber sagten unumwunden, dass es kein blöderes, niederschmetternderes Gefühl gäbe als das, im Green Room bei der Abstimmung zu sitzen und keine oder allenfalls wenige Punkte zu erhalten. Zumal jene, die mit sehr vielen Punkten bedacht werden, als lebten sie das Märchen "Sterntaler", im gleichen Raum sitzen und hörbar jubeln. Nicht unbedingt gewinnen zu müssen ist nicht eigens hervorzuheben, denn es wäre bei einer solchen Konkurrenz vermessen, das eigene Seelenwohl vom Sieg abhängig zu machen. Aber schon vorher sagen, dass es einem nicht ums Gewinnen gehe? Das klingt ein wenig verzagt. Man möchte den Elaiza-Frauen sagen: Ihr habt doch das Clubkonzert gerockt und zwei Wochen später in Köln allen Etablierten des Popgewerbes gezeigt, was Außenseiterinnen stemmen können.

Das Leben geht auch nach dem ESC weiter

Thomas Schreiber, Unterhaltungskoordinator der ARD, konnte unmittelbar nach dem Sieg in Köln sagen: "Schreibt Elaiza jetzt nicht hoch." Sein Job war es, vor dem bleiernen Gewicht der Wünsche anderer zu warnen. Aber Elaiza selbst? Das Leben geht ohnehin weiter, wie auch immer Kopenhagen ausgeht. Wie es weiter geht, hängt freilich nicht an Platzierungen. In einem durchaus trivialen Text in der"Berliner Zeitung" unter dem Titel "Der ESC kann ein Karrierekiller sein" wird punktuell aufgelistet, was aus den deutschen ESC-Teilnehmern nach dem Einsatz beim Grand Prix wurde. Langweilig wird der Text dadurch, dass er Entscheidendes nicht einmal in Erwägung zieht: Dass bestimmte Künstler nach dem ESC kaum mehr etwas beruflich zu melden hatten, lag nicht an den schlechten Platzierungen, sondern daran, dass sie eben vorher keine Erfolgreichen waren und durch den ESC-Auftritt selbst nicht den besten Eindruck hinterließen. Wer eher furchtsam und übernervös agiert, wird nicht gut klingen und sympathisch wirken - und das ist nie gut für die Karriere danach.

Viele zehren jahrelang vom ESC-Auftritt

Ganz vorne mit dabei: Guildo Horn  Foto: Lars Kaufmann / NDR

Guildo Horn mischt auch 16 Jahre nach seiner ESC-Teilnahme noch in der Unterhaltungsbranche mit.

Ein Sieg bedeutete früher manchmal gar nichts. Corinne Hermès verschwand nach ihrem Triumph von München 1983 in der Versenkung. Ebenso gilt dies für die Lettin Marie N, Siegerin von 2002, trotz makelloser Vorstellung in Tallinn. Oder Eimear Quinn, 1996 die Königin von Oslo. Ihre Laufbahn hatte mit dem Siegesvortrag ihren Zenit erreicht, danach ging’s bergab. Andererseits zehren andere von durchschnittlichen, guten oder schlechten Platzierungen, weil sie famos auf der Bühne waren. Guildo Horn 1998 ist im Geschäft wie eh und je. Max Mutzke, der Wonderman von 2004, Roman Lob, Achter 2012 in Baku, sowie Lena, die Siegerin von Oslo 2010, nicht minder. Sürpriz, Platz drei 1999 in Jerusalem, waren ein One-Night-Half-Wonder - danach kam gar nichts mehr. Dschinghis Khan - Vierte in Jerusalem 1979, konnten von ihrem Auftritt sehr lange sehr gut leben. Joy Fleming und ihr Punktedebakel mit "Ein Lied kann eine Brücke sein" 1975 in Stockholm erlitt gar keinen Karriereknick, im Gegenteil. Ireen Sheer, um zum klassischen Schlagerfach zu kommen, machte dreimal beim ESC mit, gewann nie und ist doch ein Promi-Entertainment-Faktor im deutschen Showbiz geblieben. Schließlich die wichtigste von allen: Was wäre die Karriere der Mary Roos ohne den ESC gewesen? Ihr dritter Platz 1972in Edinburgh, da war sie wahrlich nicht mehr im Teenageralter, ebnete ihr den Weg zu dem, was man Dauerpräsenz im Entertainmentgewerbe nennen könnte.

Ohne besondere Ausstrahlung keine Karriere

Kurzum: Wer was kann, wer eine Bühne bespielen kann, hat noch nie die Karriere eingebüßt. Wer hingegen einfach nur wie ein Accessoire auf die Bühne gestellt wurde, war auch hernach nicht zu vermitteln. Elaiza mögen sich nicht von den momentanen Quoten der europäischen Wettbüros verunsichern lassen. Sie liegen dort seit drei Wochen verlässlich zwischen den Plätzen 19 und 22. Das heißt doch nur, dass sie als Außenseiterinnen nach Dänemark reisen. Und diese Ausgangsposition kennen sie doch - und haben bisher das für sie Beste daraus gemacht.

Dieses Thema im Programm:

Das Erste | Eurovision Song Contest | 10.05.2014 | 21:00 Uhr