Kommentar

Stand: 16.02.18 10:30 Uhr

Fragwürdig: Politische Liederkunst aus Italien

Die ESC-Teilnehmer Italiens Ermal Meta und Fabrizio Moro

Ein Männer-Duo vertritt Italien in Lissabon: Ermal Meta und Fabrizio Moro.

Dass ihr Lied sowohl beim Publikum am populärsten war als auch bei der "demoskopischen Jury" und bei den Medienleuten immerhin auf dem zweiten Platz landete, zeigt: Ermal Meta und Fabrizio Moro haben mit "Non mi avete fatto niente" zu Recht das Festival von San Remo gewonnen. Sie werden, so heißt es, nach Lissabon fahren - und zwar mit genau diesem Song.

Es bleibt natürlich unklar, ob ihr hitziges, fast gerapptes Lied, das auf Deutsch so viel bedeutet wie "Ihr konntet mir nichts anhaben", der politischen Botschaft wegen am Ende siegte, oder ob es einfach das ungewöhnlichste und am wenigsten traditionelle Ding war. Aber sei es drum: Der textliche Inhalt lebt von stark politischer Codierung, es ist nach jetzigem Stand ein weiterer Beitrag aus der Reihe "Der ESC hat auch ein Herz für das Politische".

Politisches gab es immer beim ESC

Jamala aus der Ukraine hält den ESC-Pokal und eine Flagge in die Höhe. © dpa - Bildfunk Fotograf: Maja Suslin

Mit ihrem politischen Lied "1944" hat Jamala 2016 den ESC gewonnen.

Davon abgesehen, dass direkte politische Bezüge im Textlichen verboten sind und deshalb 2009, als der ESC-Zirkus in Moskau Station machen sollte, der georgische Beitrag nicht zugelassen wurde. "We Don't Wanna Put In" war eine unverhohlene Schmähung Wladimir Putins, woran auch Beteuerungen der georgischen Delegation, alles sei doch nicht so gemeint gewesen, nichts zu ändern vermochten. Weitere Beispiele? Toto Cutugnos "Insieme: 1992" war ein Hymnus auf den Fall des Eisernen Vorhangs und ein Lied, das Europa feierte. 1976 war Griechenlands ESC-Lied von Mariza Koch nichts anderes als eine Kritik an der Invasion des türkischen Militärs in Nordzypern. Finnlands "Nuki pommiin" 1982 in Harrogate war zwar eine Kritik nuklearer Rüstung, wurde aber zugunsten von Nicoles "Ein bisschen Frieden" überhört, weil der deutsche Beitrag doch geschmeidiger und viel weniger albern klang.

Und vor zwei Jahren gewann die Ukrainerin Jamala mit "1944" den ESC in Stockholm - und die russischen Kritiker dieses Liedes monierten zutreffend, dass dieses Lied eine nicht einmal subtile Kritik an der russischen Besetzung der zur Ukraine gehörenden Halbinsel Krim ist.

Italiens Lied - genau gelesen

Das Thema, das Italiens Lied zum Inhalt hat, ist der Terror in Europa. Der italienische Beitrag ist wie alle Jahre vorzüglich produziert, und beide Interpreten bringen eine spezielle Farbe ins Eurovisionsfestival. Zuletzt war Italien mit zwei Männern erfolgreich, als 1987 Umberto Tozzi & Raf mit "Gente di mare" Dritte wurden. Studiere ich den Text des aktuellen ESC-Beitrags in seiner deutschen Übersetzung heißt es dort im Mittelteil:

Es gibt die, die sich bekreuzigen, die auf ihren Teppichen beten.
Die Kirchen und Moscheen, die Imame und alle Priester.
Getrennte Eingänge ins selbe Haus.
Milliarden Personen, die auf irgendetwas hoffen.
Arme ohne Hände, Gesichter ohne Namen.
Tauschen wir die Haut, im Grunde sind wir (alle nur) Menschen.
Weil unser Leben kein Standpunkt ist.
Und eine friedliche Bombe (schlicht) nicht existiert.

Das ist von poetischer Schönheit, das ist für einen Liederwettbewerb, bei dem es prinzipiell auf Komposition und Text ankommt, wirklich nicht schlecht. Aber wenn man schon Terror und Furcht in Europa, in Manchester, Paris, Brüssel und Nizza erörtert, und wenn man dann das Christliche und das Muslimische erwähnt, stellt sich doch unmittelbar die Frage: Wo bleibt das Jüdische? Weshalb kommt nicht vor, dass in Paris beim Anschlag auf die Zeitung "Charlie Hebdo" kurz darauf durch einen islamistischen Attentäter ein jüdischer Supermarkt Ziel eines blutigen Anschlags wurde? Und wenn man schon den Terror in den Mittelpunkt ästhetischen Schaffens stellt, möchte man auch fragen: Sind Menschen aus muslimischen Ländern allesamt muslimisch - oder vielleicht nur eine Minderheit von ihnen?

Lachhaft - Der Verweis aufs Kinderlachen

Und schließlich, fast zum Ende des Liedes, wird dem "Geld" die Schuld gegeben, dass es Terror gibt. So heißt es:

Wolkenkratzer und die Metro stürzen ein.
Die Mauern der Widersprüche, für Geld hochgezogen.
Aber gegen allen Terror, der den Weg behindert,
erhebt sich die Welt wieder mit einem Kinderlachen.
Mit einem Kinderlachen, mit einem Kinderlachen.

Gegen diesen (Aber-)Glauben, Kinderlachen könne die Welt heilen, scheint kein Kraut gewachsen. Aber: Dass das ein Klischee ist, möchten wir unterstellen, es wird auch den Textautoren bekannt sein. Als ob religiös gestimmte Phantastereien nicht Verantwortung dafür tragen, dass einzelne Täter auf blutige Ideen kommen. Das mag man als Einwände abtun, weil sie nichts mit einem Text eines Popliedes zu tun haben müssen: Es geht doch nur um Punkte! Aber wenn man schon auf gerappte und irre wichtig ausgebrachte Worte achtet, darauf kommt es beim ESC ja auch an, dann muss ein genauerer Blick erlaubt sein.

Dieses Thema im Programm:

Das Erste | Eurovision Song Contest | 12.05.2018 | 21:00 Uhr