Kommentar

Stand: 28.02.18 12:29 Uhr

Kritik an Michael Schulte ist Miesmacherei

Nach der Generalprobe war hör- wie sichtbar, dass Michael Schulte offenbar als Einziger verstanden hatte, beim Vorentscheid "Unser Lied für Lissabon" ein ästhetisches Gesamtpaket zu präsentieren. So gewann er.

Das Lied war das Beste, gegen ihn schienen alle anderen fünf zu verblassen. Nicht böse gemeint, aber Schulte, der Mann aus Buxtehude, wusste, was er wollte: gewinnen und das Ticket nach Lissabon. Und so geschah es. Und ich dachte zugleich, mit dem Blick auf die Show überhaupt, in der Nacht zum Freitag: Schade, dass es kein Angebot in Sachen Elektro oder Ethno gab. Sei es drum: "You Let Me Walk Alone" siegte und ist aktuell eines der besten Lieder des diesjährigen ESC-Tableaus.

Michael Schulte gewinnt den Vorentscheid 2018 in Berlin. © NDR Fotograf: Rolf Klatt

Michael Schultes ESC-Song "You Let Me Walk Alone"

Eurovision Song Contest -

Michael Schulte fährt für Deutschland zum ESC nach Lissabon. Mit seinem gefühlvollen Song "You Let Me Walk Alone" hat er Zuschauer, Experten und Jury gleichermaßen überzeugt.

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In den Wettbüros eher oben gesetzt

Man darf abwarten, wie das Lied in den Wettbüros abschneidet, www.eurovisionword.com gibt darüber Auskunft. "Wasserstandsmeldung" am Mittwoch um 10.55 Uhr: Auf dem neunten Platz steht der Sänger aus dem Norden momentan, was andererseits ja noch nichts heißt, weil noch nicht alle Lieder für den Eurovision Song Contest in Portugal feststehen. Aber: Michael Schulte wird gut abschneiden, vielleicht sogar sehr gut. Garantiert? Nein, garantiert ist vor einem ESC nichts.

Insofern wunderte ich mich über die seltsam verdrießlichen Kommentare nach "Unser Lied für Lissabon". Es gibt und gab freundliche Statements in den Netzwerken, aber in den Zeitungen fanden sich eben auch missmutige Bemerkungen.

Peter Philipp Schmitt schrieb in der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung": "Der Mann mit dem roten Wuschelkopf, der passenderweise schon mit Ed Sheeran auf der Bühne stand, ist ein ruhiger Typ, der mit seiner Stimme punktet. Sollte er daran bis zum Finale am 12. Mai in Lissabon nichts ändern, dürfte er es sehr schwer haben, einen Platz auch nur unter den Top Ten zu erreichen."

Halbwahrheiten aus der Glaskugel

Und ich fragte mich: Woher weiß er das? Weshalb sollte er etwas ändern, was Erfolg hatte - auch bei der internationalen Jury, die bei "Unser Lied für Lissabon" zu prüfen hatte, ob ein Lied über Deutschland hinaus Anklang finden könnte oder nicht. Nicht minder rätselhaft Hans Hoff in der "Süddeutschen Zeitung", der noch nie versäumte, ein Haar in der Suppe des ESC zu finden. Auch diesmal mochte er sich nicht ändern und schrieb über Michael Schulte und sein Lied: "Nichts wirklich Sensationelles, aber auch nichts, für das man sich schämen müsste. Er wird nun am 12. Mai in Lissabon das deutsche La-La-Land vertreten, und die Chancen, nicht wieder ganz hinten zu landen, stehen nicht so schlecht, weil Deutschland ja schon dreimal ganz hinten gelandet ist. Allerdings hat diese Logik den entscheidenden Fehler, dass sie gerne auch von Roulette-Spielern benutzt wird, die den ganzen Abend nur auf Rot setzen, weil ja irgendwann mal die Serie mit dem Schwarz enden muss."

Gehässiges im Netz

Bei Web.de fand sich, verfasst durch Peter Immel: "Adele lässt grüßen, Geschwindigkeit hochgedreht, eigenen Text drüber, hier und da noch etwas abgeändert, fertig ist der Song für den letzten Platz in Lissabon. Der NDR sollte sich schämen, so mit unseren Gebühren umzugehen und zu verschwenden."

Ich möchte all diesen Schreibern nur dieses sagen: Es sind Mutmaßungen, Verdächtigungen, Unterstellungen. Michael Schulte hat die deutsche Vorentscheidung gewonnen. Er hat ein intensives Castingverfahren absolviert, wie die anderen fünf Acts auch - und sich sein Lied selbst gewählt. Da gibt es nichts zu schämen!

Nichts steht schon fest

Wie ein Lied abschneiden wird, kristallisiert sich erst im Laufe der Wochen heraus, aber auch dann, siehe Francesco Gabbani im vorigen Jahr, kann es einen Act noch vom Prognose-Gold-Podest wieder herunterholen und einen Sieger wie Salvador Sobral hervorbringen, mit dem unmittelbar vor dem Finale in Kiew nur die wenigsten gerechnet hatten.

Lena hatte übrigens auch niemand auf dem Zettel. "Satellite" segelte in den Wettbüros noch drei Wochen vor dem Finale irgendwo zwischen den Plätzen sieben und 19 - erst in den Tagen vor dem Finale, nach den ersten Proben in Oslo, avancierte sie zur Kandidatin für die Thronbesteigung. Alles normal, alles wie immer.

Nebenbei: Michael Schulte hat im Einspielfilm vor seiner Darbietung das Lied der Olsen Brothers gesungen, auf Dänisch. "Smuk som et stjerneskud" interpretierte er nicht als Gypsy-King-Variante wie im Original, sondern als Wiegenlied - schön und sachte. Ein Mann, der so fein mit Musik umgeht, kann sowieso nicht verlieren.

Dieses Thema im Programm:

Das Erste | Eurovision Song Contest | 22.02.2018 | 20:15 Uhr