Stand: 14.05.16 12:10 Uhr

ESC 2016: Politisches Spiegelbild Europas

Margot Hielscher, deutsche Kandidatin beim Grand Prix 1957 in Frankfurt © HR

Margot Hielscher vertritt Deutschland 1957 beim Grand Prix in Frankfurt am Main.

Früher, bis vor 15 Jahren etwa, hätte alle Welt abgestritten, dass der ESC etwas mit Politik zu tun haben könnte. Sind doch nur Lieder und Texte, hieß es. Heile Welt, keine Verbindung zu dem, was außerhalb der TV-Show passiert. Das war allerdings schon immer eine undurchdachte Aussage, denn: Es war politisch genug, dass das eben noch nationalsozialistische Deutschland beim Grand Prix Eurovision de la Chanson mitmachen durfte. Und es war politisch, dass plötzlich das jugoslawische Fernsehen mitmachen wollte, um Anschluss an den freien Westen zu erhalten. Und es war politisch, dass sich die Türkei und Griechenland in den Siebzigern beim ESC kulturell auszuhalten wussten - trotz des Zypern-Konflikts. Viele Jahre später stellte sich heraus, als das Televoting erlaubt war: Griechen und Türken hassen sich gar nicht, sie mögen sogar die Lieder des jeweils anderen.

Hochpolitische Wettbewerbe in Moskau und Baku

Der ESC war auch 2009 politisch, weil er in Moskau stattfand und die schwulen Fans hofften, unbehelligt zu bleiben. Und das war noch vor den homophoben Gesetzen in Russland. In Aserbaidschan einen ESC auszutragen, warf die Frage auf: Darf dieses Fest in einem autokratisch regierten Land, in dem viele Menschenrechtsverletzungen zu beklagen waren und sind, veranstaltet werden?

Politisch waren auch immer viele der Lieder. 1971 sang Katja Ebstein mit "Diese Welt" den ersten Öko-Pop-Song der ESC-Historie. "Ein bisschen Frieden" von Nicole 1982 war ein Ausdruck von Friedensliebe in Europa - und Philippe Lafontaine thematisierte mit "Macédomienne" 1990 den beginnenden Bürgerkrieg im zerfallenden Jugoslawien. Weitere Beispiele gibt es noch viele.

Iveta Mukuchyan bei der Pressekonferenz. © eurovision.tv Fotograf: Anna Velikova (EBU)

Erlaubt sind Landesflaggen: Iveta Mukuchyan mit der Fahne Armeniens.

Aber besonders intensiv ist das Politische in Stockholm in diesem Jahr vertreten. Iveta Mukuchyan hält verbotenerweise im Green Room eine Bergkarabach-Flagge hoch. Aserbaidschan war zurecht empört. Und der Russe Sergey Lazarev ist beim ESC nicht denkbar, ohne dass das Publikum an die homophoben, antidemokratischen Gesetze in Russland denkt. Schön, dass dieser sympathische Sänger beteuert, "Gay- Eurovision-Fans“ seien in seiner Heimat willkommen. Auf der anderen Seite die Ukrainerin Jamala, die mit "1944" einen persönlichen Klagegesang anstimmt, um der Welt mitzuteilen, wie sehr ihre Familie vor 72 Jahren geschunden wurde, als sie von der Krim vertrieben wurde. Ein Schelm, wer in diesem Lied nicht Kritik an der russischen Okkupation der ukrainischen Halbinsel im Schwarzen Meer lesen möchte!

Schmelztiegel trotz vieler Gegensätze

In diesem Sinne ist es gut, dass die ESC-Lenkungsgruppe mit ihrem Generaldirektor Jon Ola Sand sagt: Der ESC ist nicht politisch. Das muss er sagen, sonst wäre es nicht möglich, Länder wie Russland und die Ukraine, Aserbaidschan und Armenien oder Griechenland und Mazedonien in einen Wettbewerb zu bekommen. Das sind sie nämlich gewöhnlich nicht - in einem Boot. Insofern: Unterhalb der ESC-Leitungsebene weiß natürlich jeder und jede, dass der ESC nur ein Spiegelbild der europäischen Befindlichkeiten ist. Das war immer so, und das wird auch so bleiben. Gut so!

Wenn vor allem die östlichen Teile der Eurovisionsländer in politischer Spannung zueinander stehen, wenn vor allem dort viel Nervosität herrscht, die sich auch beim ESC zeigt, dann soll und muss das so sein. Und zugleich sei daran erinnert, dass diese Spannungen früher auch in Westeuropa stark waren. Nicht wahr: Wie hätten Länder wie Niederlande, Belgien oder Großbritannien, Dänemark und Luxemburg denn sonst 1957 zum zweiten ESC beim Hessischen Rundfunk in Frankfurt am Main reisen sollen? Hätten sie sagen sollen: Ach, dieses Deutschland, das uns doch neulich noch bombardiert hatte und dann besetzt - das boykottieren wir?

Nein, ESC ist, wenn politisch Unverträgliches zusammenkommen kann. Und wenn es denn erlaubt ist, ja, erwünscht, dass diese atmosphärischen Schieflagen auch zum Thema werden können. Sonst nämlich wäre der ESC inhaltlich eine Schlafveranstaltung. Für eine solche aber interessiert sich kein Mensch in Europa.

Viele Diskussionen bei uns im Netz

Die vielen Kommentar hier bei uns auf eurovision.de zeigen, dass es viel Pro und viel Contra gibt zum Thema gibt. Prima, dass es hier debattiert wird: Dies zeigt mir nämlich, dass das Politische selbstverständlich mitgedacht wird. Das gilt auch für den Interval-Act, in dem Tänzer und Tänzerinnen etwas aufführten, das von Flüchtlingen handelte. Es war ergreifend, so fand ich. Andere meinten, das passe nicht zum ESC. Aber wenn das Motto schon heißt "Come Together", dann musste diese Performance unbedingt gezeigt werden. Schade, dass wir sie im Finale nicht wieder sehen.

Dieses Thema im Programm:

Das Erste | Eurovision Song Contest | 14.05.2016 | 21:00 Uhr