Stand: 06.08.15 13:02 Uhr

Sommerzeit gleich ESC-Pause? Nein!

Måns Zelmerlöw auf der ESC-Bühne in Wien. © NDR Foto: Rolf Klatt

Nach dem Finale folgte früher die "ESC-Saure-Gurken-Zeit". Heute ist auch in den Sommermonaten einiges los.

Durch die Popularisierung des ESC hat sich für Fans dieses geliebten Festivals eine Menge verändert. Grundsätzlich war (und ist) es ja so: Nach dem ESC-Finale verhält es sich für Fans wie für solche, die dem Fußball anhängen. Es beginnt die große Zeit der Leere. Fußballfans wissen nach dem Schlusspfiff in der Bundesliga, der Champions League, der EM oder WM, dass die nächste Saison noch sehr lange auf sich warten lässt. Bis zum Auftakt der Bundesliga sind es eigentlich dann nur wenige Wochen, aber gefühlt dauert es viel länger.

Man behilft sich also mit Freundschaftsspielen, Vorbereitungsturnieren, Besuchen von Trainingslagern - und einige sind so fußballnärrisch, dass sie sich plötzlich für schwedische oder norwegische Ligen interessieren, denn in beiden skandinavischen Ländern läuft die Spiel vom Frühjahr bis zum späten Herbst.

Bei Fans des Eurovision Song Contest brach früher - bis vor knapp zehn Jahren - mit dem ESC-Finale die dunkle Zeit an, die erst mit den ersten Gerüchten zu Vorentscheiden endete. Es war eine Zeit der Depression: Es spielte sich in Sachen Song Contest einfach nichts ab. Gar nichts. Ein Freund von mir bezeichnete die Zeit von Ende Mai bis Mitte September als "schwarze Wochen des Jahres". Das Einzige, das blieb, war in anderen Ländern Plattenläden oder Second-Hand-Shops aufzusuchen, um dort nach Singles und Alben von ESC-Künstlern zu suchen in der Hoffnung auf ein Fundstück, das es im eigenen Land nicht gibt.

Vinylplatten als heißbegehrte Sammlerstücke

Da gab es den Bekannten, der in Finnland Vinylsingles (das sind diese sehr flachen, schwarzen Scheiben, die sich auf einem Plattenteller drehten …) fand: Coverversionen von ESC-Hits. Manchmal verstand er die Titel nicht - weil auf Finnisch übersetzt. Aber auf der Scheibe selbst standen die Komponisten- und Texternamen, die auf ein ESC-Produkt verwiesen. Oder ein Freund, der in Griechenland Mitte der Siebzigerjahre eine Single mit der einheimischen Version von Vicky Leandros' "Après toi" fand - total verstaubt, außerdem verziert mit Kugelschreiber-Gekrickel: ein Fundstück sondergleichen. Den Song gibt es auch in einer Fassung mit der ESC-Siegerin von 1972 und der ESC-Siegerin von 2005, Helena Paparizou.

Doris Dragovic beim Grand Prix 1999

Doris Dragović gehört mit dem vierten Platz 1999 zu den erfolgreichsten kroatischen ESC-Teilnehmern.

Alte Zeiten, alte Geschichten - sie werden nur selten erzählt. Vinylsingles gibt es selbst in Antiquariaten kaum noch. Heutige ESC-Stars veröffentlichen natürlich in erster Linie auf CDs - und ihre Lieder sind über digitale Vertriebskanäle als MP3-Datei käuflich zu erwerben - und das über alle Grenzen hinweg und das ganze Jahr über. Mein Freund Martin aus Kopenhagen machte neulich eine Kreuzfahrt im Mittelmeer. Er machte Halt in Dubrovnik, Kroatien. Andere gucken sich dort zunächst die hübsche Altstadt an. Klar, kann man machen. Echte ESC-Fans wie dieser Freund aber gehen in den nächsten Musikladen - und finden eine "Greatest Hits"-CD von Doris Dragović, die 1999 mit einem vierten Platz für Kroatien für "Marija Magdalena" belohnt wurde. Das sind für ESC-Fans die wichtigsten Mitbringsel überhaupt!

Konzertauftritte auch außerhalb der ESC-Saison

Insofern: Durch Tourismus und Digitalisierung hat sich die ESC-Saison ins Ganzjährige gesteigert. Schwarze Monate gibt es nicht mehr. Zumal viele ESC-Teilnehmer bei Festivals auftreten, gern und immer öfter bei CSD-Paraden. So wie neulich der israelische Sänger Nadav Guedj in Stockholm auf der Pride-Week auftrat oder Conchita Wurst immer noch irgendwo in der Welt Konzerte gibt. Der australische ESC-Teilnehmer Guy Sebastian tourt gerade durch Europa und kommt im September auch nach Deutschland. Polina Gargarinas ESC-Prominenz schmückte gar neulich die Auslosung für die Qualifikationsgruppen der Fußball-WM in Russland 2018.

Man erkennt das Muster: Der Sommer ist keine Zeit der ESC-Depression mehr. Irgendwo in Europa ist immer etwas los. Das ist, mit anderen Worten, so kostbar wie ein sportlich eher nicht so wichtiges Fußballturnier, ehe die Saison wieder richtig losgeht. Das ist gut so. Denn es ist mehr als - nichts.

Dieses Thema im Programm:

Das Erste | Eurovision Song Contest | 23.05.2015 | 21:00 Uhr

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