Kommentar

Stand: 05.04.18 09:40 Uhr

Noch ist Netta nicht am Ziel

Freunde von mir können inzwischen alle 43 Lieder dieser ESC-Saison fast auswendig mitsummen. Sie sind nicht irre, sie machen das, was momentan alle ESC-Fans und -Experten tun: sich annähern an den Stoff, um den es beim Eurovision Song Contest 2018 in Lissabon geht. Gott sei Dank bin ich nicht allein mit meiner Neigung, mich mit den Songs, auf die es am 8., 10. und 12. Mai ankommt, auseinanderzusetzen. Überall finden diese Vorhersagerunden statt.

Geschmack spielt bei Buchmachern keine Rolle

Ein Screenshot der Seite eurovisionworld.com. Netta Barzilai aus Israel steht auf Platz 1 der Wettquoten.

Seit der Veröffentlichung von "Toy" führt Israel die Wettquoten an.

Anders als in antiken ESC-Zeiten haben wir Anhaltspunkte für das, was in Lissabon als Ergebnis herauskommen wird. Auf der Website eurovisionworld.com werden stetig die Quoten aus den (vor allem in Großbritannien und Irland beheimateten) Wettbüros veröffentlicht. Meist kamen deren Vorhersagen auch ganz gut hin. Doch so wie früher ist es nicht mehr. Wenn Ralph Siegel mit einem Lied vertreten war, hatte der Münchner Kontakt zu sehr vielen Kommentatoren - und viele erzählten dann während der Show brav, wenn das Ralph-Siegel-Lied kam, dieses sei favorisiert. Wie in Dublin 1988, als Terry Wogan von der BBC bei Maxi & Chris Garden vor deren Performance bemerkte, sie könnten weit vorne landen.

Meistens, abgesehen von Lena Valaitis' "Johnny Blue" 1981 und Nicoles "Ein bisschen Frieden" 1982, war das keineswegs der Fall. Durch die Wettbüros ist eine gewisse Professionalisierung in das ESC-Wettgeschehen eingezogen. Geld wird nur gesetzt auf Acts, von denen die Wetter annehmen, dass sie gut abschneiden werden. Der persönliche Geschmack spielt in dieses Wettgeschehen allenfalls unbewusst hinein.

"Toy" - das heißeste ESC-Spielzeug aktuell

Szene aus Netta Barzilais Video zum Song "Toy"

Netta Barzilai aus Israel liegt mit "Toy" bei den Wettbüros ganz vorn.

Seit Wochen, genauer gesagt seit das Lied veröffentlicht worden ist, liegt ein Act unangefochten auf dem ersten Platz der Wettbüros, Netta Barzilai und ihr schriller Clubtrack "Toy". Die Israelin liegt auch bei den Fanclubs weit vor allen anderen, wie etwa beim tschechischen Fanclubableger der OGAE, der sich dem Üblichen anschloss und der Israelin den Sieg beim 63. Eurovision Song Contest wünscht.

Ich finde die junge Frau auch toll, möge sie in Lissabon auf der Bühne, wenn's drauf ankommt, die gleiche Frische und Frechheit verströmen wie im Clip. Ihr Lied hebt sich vom Gros aller anderen Acts ab, sie ist auch akzeptabel für Leute, die den ESC eher zufällig, nicht als Fans gucken - und sonst keine Eurovisionsmucke hören. "Toy" könnte in jedem coolen Club laufen, es würde nicht mit der Bemerkung "ah, typisch Grand Prix" abgetan werden.

Selbst Favoriten können straucheln

Voriges Jahr war Francesco Gabbani in den Wettbüros und den allermeisten Fanclubs ebenso favorisiert, und er sah auch in Kiew wie einer aus. "Occidentali's Karma" war der heißeste Favorit für einen ESC-Sieg seit Alexander Rybaks "Fairytale" in Moskau 2009. Und dann wurde der Italiener durch nur Sechster - für ihn eine Enttäuschung, das sah man tags darauf beim Frühstück, wo er immer noch nicht ganz begriffen zu haben schien, dass er nicht als Sieger gen Italien zurückreisen würde.

Italien: Francesco Gabbani - "Occidentali's Karma"

Eurovision Song Contest -

Der Italiener Francesco Gabbani trumpft im Finale mit der Uptempo-Nummer "Occidentali's Karma" auf und liefert zu wummernden Beats eine tierische Performance.

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Abgerechnet wird am Finalabend

Als ziemlich ausgeschlossen kann gelten, dass die Schweiz, San Marino oder Slowenien sehr gut abschneiden werden, auch Island, Serbien, Ungarn und Malta sind keine Kandidaten für die besseren Plätze. Netta hat alle Prognosen auf ihrer Seite, aber die estnische Operngeschichte kann es mit ihr live garantiert aufnehmen, denn auch sie fällt aus dem Rahmen, ebenso die polnische Popnummer, nicht minder der tschechische Elektrosound, der sehr sympathisch vor sich hinplätschert. In diesem Sinne: Gespielt wird auf dem Platz, erst am Abend aller Abende wird wirklich abgerechnet. Jetzt ist bei den Fans und Experten pures Warmlaufen, um die Wartezeit zu verkürzen. Nicht mehr, nicht weniger.

Dieses Thema im Programm:

Das Erste | Eurovision Song Contest | 12.05.2018 | 21:00 Uhr