Stand: 09.05.19 11:00 Uhr

Wie entstehen die barrierefreien Angebote?

Zum Eurovision Song Contest produziert der NDR neben dem normalen Fernsehsignal auch ein umfangreiches Angebot, das es hörgeschädigten und sehbehinderten Menschen möglich macht, das Musikevent live zu verfolgen. Das barrierefreie Angebot umfasst neben Untertiteln und der Audiodeskription seit dem ESC 2018 in Lissabon auch eine Simultan-Übersetzung in deutscher Gebärdensprache. Doch wie werden die barrierefreien Angebote eigentlich produziert? Ein Gespräch mit Peter Lindner aus der NDR Redaktion "Barrierefreie Angebote und NDR Text".

NDR Redakteur Peter Lindner © NDR

Peter Lindner arbeitet in der Redaktion "Barrierefreie Angebote und NDR Text".

Vor welche Herausforderungen steht Ihr, die weltweit größte Musikshow barrierefrei zu gestalten?

Peter Lindner: Wie für alle, die am Event beteiligt sind, ist es auch für uns eine besondere Herausforderung. Bei der Untertitelung kommt es vor allem auf die Vorbereitung an. Wir erhalten die Songtexte vorab und können sie so vorbereiten, dass sie am Ende synchron zum Lied eingeblendet werden. Eine besondere Herausforderung für die Untertitel-Redakteure ist das Wechselspiel zwischen Musik, Moderationen - meistens auf Englisch - und den deutschen Kommentaren von Peter Urban. Wir verschriftlichen alles, was der Hörende hört. Und all das, was wir nicht vorbereiten können, müssen wir mittels der Spracherkennungssoftware live einsprechen.

Und bei der Audiodeskription?

Lindner: Bei der Audiodeskription wird das, was im TV-Bild zu sehen ist, für blinde und sehbehinderte Menschen live beschrieben. Deshalb ist auch hier eine gründliche Vorbereitung besonders wichtig. Die Beschreiber schauen sich also möglichst alle Proben an, um sich zum Beispiel das Outfit einer Sängerin, die Choreografie der Tänzer oder die Optik des Bühnenbildes einzuprägen. Und sie notieren sich schon dann, wann es während der Live-Show überhaupt möglich ist,  Beschreibungen zu platzieren. Die Beschreibungen für Blinde werden bei den Übertragungen ja spontan eingefügt. Dabei müssen die Beschreiber immer darauf achten, nicht wichtige Originalinhalte zu übersprechen. Die Formulierungen müssen so gewählt werden, dass Blinde einen Mehrwert davon haben und der Handlung gut folgen können. Am Ende kommt es bei der Audiodeskription darauf an, gut vorbereitet zu sein, aber auch spontan zu reagieren. Das ist die Herausforderung.

Wie viel Zeit braucht Ihr, den ESC barrierefrei zu planen?

Lindner: Zeitlich kann man das gar nicht so genau sagen, weil sich viele kleine Aktionen über einen relativ langen Zeitraum verteilen. Für die Umsetzung sind es dann bei der Untertitelung grob drei bis fünf Tage allein für die Lieder der Halbfinals und Finals. Bei der Audiodeskription sind es mit Proben und Textvorbereitung insgesamt drei bis sechs Tage.

Wie viele Personen sind daran beteiligt?

Lindner: Für die Audiodeskription brauchen wir zwei Sprecher und einen Tontechniker pro Show. Bei der Untertitelung sind es zwei Redakteure pro Show. Für die Gebärdensprachübersetzung planen wir drei Dolmetscher ein. Und in allen drei Bereichen kümmern sich auch noch mehrere Mitarbeiter um die Koordination.

Sind besondere Qualifikationen dafür erforderlich?

Lindner: Die Redakteure sind speziell für Untertitelung und Audiodeskription geschult. Live-Untertitelung ist eine besondere Herausforderung, weil in kürzester Zeit, quasi simultan, Inhalte in zweizeilige Untertitel formuliert werden müssen. Bei der Audiodeskription ist es ähnlich. Bilder spontan so zu beschreiben, dass Blinde dem Geschehen auf dem Bildschirm folgen können, ist eine besondere Anforderung. Man muss eine Mischung aus Beschreibung, Moderation und Kommentar unterhaltsam herüberbringen.

Wie viele högeschädigte und sehbehinderte Menschen nutzen das Angebot?

Lindner: Darüber gibt es keine validen Zahlen. Es ist aber auch nicht wirklich entscheidend. Bei der Barrierefreiheit geht es der ARD darum, Menschen eine Teilhabe zu ermöglichen, die ansonsten aufgrund einer Behinderung vom Fernsehen ausgeschlossen wären. Ob das nun 1.000 oder eine Millionen sind, ist unerheblich.

Welche Neuerungen gibt es jedes Jahr?

Lindner: Das Angebot wurde in den vergangenen Jahren immer weiter ausgebaut. Wir haben zunächst nur das ESC-Finale gemacht. Jetzt machen wir alle Shows vom Vorentscheid bis zur Kiez-Party mit Untertitelung, Audiodeskription und Gebärdensprache - komplett barrierefrei.

Dieses Thema im Programm:

Das Erste | Eurovision Song Contest | 18.05.2019 | 21:00 Uhr