Stand: 11.06.18 13:30 Uhr

Serhat stürmt die US-Charts

Die Nachricht ging in den sozialen Netzwerken um wie ein Lauffeuer: "I Didn’t Know", der von vielen Fans belächelte Beitrag San Marinos beim Eurovision Song Contest 2016 in Stockholm, hat den Sprung in die US-amerikanischen Billboard Dance Charts geschafft! Damit ist dem im Halbfinale gescheiterten Künstler eine Revanche geglückt, wie sie kaum jemand für möglich gehalten hätte - ausgenommen der Interpret Serhat selbst. "Ich habe immer an das Lied geglaubt und war sicher, dass es eines Tages sein Publikum erreichen wird", sagte er eurovision.de. "Ich bin auch stolz, dass ich der erste Künstler aus der Türkei bin, der offiziell in die Billboard Dance Charts eingestiegen ist." Dort geht es für ihn seit drei Wochen kontinuierlich nach oben. Und nicht nur das: Nach Auskunft der türkischen Tageszeitung "Milliyet" stürmte der Tanzflächen-Feger zwischenzeitlich sogar auf den ersten Platz der iTunes Dance Charts in Mexiko.

Der ESC-Künstler Serhat im rostrocken Frack mit Zylinder steht umzingelt von singenden Frauen auf der Bühne des ersten Halbfinale © NDR Fotograf: Rolf Klatt

San Marino: Serhat - "I Didn't Know"

Eurovision Song Contest -

Der Mann, der den Hut einfach nicht zu Hause lassen kann: Auch bei Serhats Auftritten für San Marino darf dieser nicht fehlen. Leider kommt er nicht übers Halbfinale hinaus.

4,42 bei 12 Bewertungen

Mit von 5 Sternen

bewerten

Vielen Dank.

schließen

Sie haben bereits abgestimmt.

schließen

An diesem ungewöhnlichen Erfolg hat Serhat hart gearbeitet. Nach seiner missglückten Finalqualifikation ging der heute 53-Jährige in die Offensive und holte sich mit dem "Weather Girl" Martha Wash eine stimmgewaltige Gesangspartnerin an die Seite, die für die erforderliche internationale Aufmerksamkeit sorgte, um "I Didn’t Know" nach einem gründlichen Revamp zum jetzigen Erfolg zu verhelfen. Davor war es nur der Griechin Helena Paparizou mit dem ESC-Siegertitel "My Number One" gelungen, Einzug in die US-amerikanischen Billboard Dance Charts zu halten - und das ist immerhin 13 Jahre her. Seit 1976 gibt es diese Charts, die nicht auf Verkaufszahlen basieren, sondern auf den Angaben ausgewählter DJs, welche Musik sie bei ihren Sets bevorzugt auflegen. Sie ist nur eine von vielen Ranglisten, die das Billboard-Magazin seit den 1940er-Jahren Woche für Woche als Informationsquelle für die Musikindustrie veröffentlicht.

Lorbeeren in der Nische

Lordis Sänger lässt Funken sprühen © NDR Fotograf: Rolf Klatt

Auch Lordi aus Finnland waren jenseits des ESC bekannt.

Auch andere ESC-Gewinner hatten schon Charterfolge in den USA: So fand sich das 1995 für Norwegen siegreiche Duo Secret Garden insgesamt sieben Mal in der Hitliste für "Top New Age Albums". Und Lordi, die Monsterrocker aus Finnland, ernteten mit dem Album "The Arockalypse" Lorbeeren in den "Heatseekers Charts" für Anwärter auf den großen Durchbruch - der dann allerdings leider auf sich warten ließ. In die "echten" US-Charts, die "Billboard Hot 100", hat es dagegen nur eine Handvoll Song-Contest-Beiträge geschafft, und nur einem gelang es 1958, den ersten Platz zu belegen: Domenico Modugno mit seinem Evergreen "Volare". Dem Orchester Paul Mauriat gelang dies zwar auch, allerdings nur mit einer instrumentalen Coverversion des Vicky-Leandros-Titels "L’amour est bleu". Was wieder einmal beweist, dass Charterfolg und ESC-Platzierung nicht zwangsläufig miteinander in Verbindung stehen.

Erfolgreich ohne Sieg

Niederlande: The Common Linnets © NDR Fotograf: Rolf Klatt

Die Common Linnets aus den Niederlanden waren auch international erfolgreich.

Das bestätigt sich auch bei näherer Betrachtung der internationalen Hitparaden, wo sich für viele Nichtgewinner überraschende Erfolge ergeben. So erreichte Cornelia Froboess mit "Zwei kleine Italiener" 1962 beim ESC zwar nur Platz sechs, dafür aber den ersten Platz der belgischen, niederländischen und norwegischen Charts. Internationale Top-10-Platzierungen schafften später nicht nur der Jugoslawe Daniel 1983 mit "Julie" (in Belgien, den Niederlanden, Norwegen, Österreich und der Schweiz) und Gina G. für das Vereinigte Königreich 1996 mit "Ooh Aah … Just A Little Bit" (in Belgien, Finnland, Norwegen, Schweden und natürlich ihrer Heimat Australien), sondern in jüngerer Zeit auch die Common Linnets mit "Calm After the Storm" für die Niederlande (in Belgien, Dänemark, Deutschland, Österreich, der Schweiz und Spanien) - um nur diese drei Beispiele zu nennen.

Vorentscheidungssongs auf dem Vormarsch

Erstaunlich ist, dass immer wieder auch Songs aus nationalen Vorentscheidungen der Sprung in die internationalen Charts gelingt, obwohl sie gar nicht beim ESC antreten durften. So schafften Scooter mit ihrem Techno-Kracher "Jigga Jigga!" den Einzug in fast alle Charts Mittel- und Nordeuropas - auch wenn die Band beim nationalen Vorentscheid 2004 nichts gegen Max Mutzke ausrichten konnte. In Sachen nationale Vorentscheidung haben natürlich die Italiener die Nase vorn, schließlich gehört ihr Sanremo-Festival seit 1951 zu den wichtigsten Hitschmieden Europas. An einen der jüngeren internationalen Hits, der nicht zum ESC fahren durfte, erinnert sich wohl jeder: "Laura non c'è“ von Nek landete bei Sanremo 1997 nur auf Platz 7 - und stürmte anschließend die Charts in Belgien, Deutschland, Frankreich, den Niederlanden, Österreich und der Schweiz.

Dieses Thema im Programm:

ESC Update | 30.06.2018 | 19:05 Uhr