Stand: 11.02.19 14:15 Uhr

Als Israel Dana International huldigte

Blick von Jaffa auf die Skyline von Tel Aviv. © Simone Horst Foto: Simone Horst

Als Gastgeber richtet Israel den 64. Eurovision Song Contest in Tel Aviv aus.

In Tel Aviv wird Israel als Gastgeber seine 42. ESC-Teilnahme feiern. Sein Debüt gab das Mittelmeer-Land 1973 in Luxemburg. Israels damalige TV-Anstalt IBA durfte an der zunächst europäischen Fernsehshow teilnehmen, weil die 1950 gegründete European Broadcasting Union, kurz EBU, immer schon ein öffentlich-rechtliches TV- und Radionetzwerk über die geografischen Grenzen Europas hinaus war.

Zweck der EBU war zunächst, TV-Filme auszutauschen und den Mitgliedssendern - besonders im Nachrichtenbereich - rasch und unkompliziert Bildmaterial zur Verfügung zu stellen. Als der ESC erstmals 1956 im schweizerischen Lugano ausgetragen wurde, war das Fernsehen ein sehr junges Medium. Fernsehgeräte waren kaum verbreitet. Inzwischen sind 56 Länder mit 72 Sendern in der EBU vernetzt und der ESC ist die populärste gemiensame TV-Show. Israel hat während seiner inzwischen fast 46 Jahre währenden ESC-Geschichte vier Mal gewonnen, zwei Mal belegte es den zweiten Platz, einmal wurde das Land Dritter - insgesamt belegt es in der Erfolgsstatistik den sechsten Rang.

Dana International: Erster queerer ESC-Act

Drei Jahre war das letzte israelische Eurovisionsabenteuer im Jahr 1995 her, als der TV-Sender IBA in einer internen Auswahl eine Performerin nominierte, die schon einmal am Kdam, der Vorentscheidung zum ESC, teilgenommen hatte. Dabei erwies sie sich als sehr präsentabel. Was allerdings am deutlichsten für Dana International, so der Künstlername von Sharon Cohen, sprach, war die Kontroverse um ihre Person: Die Sängerin ist eine Transperson, sie wurde als männliches Wesen geboren. Das missfiel den ultraorthodoxen religiösen Kräften in Israel, deshalb war die damals 26-Jährige als Kandidatin für den ESC so umstritten wie in Deutschland zur gleichen Zeit Guildo Horn, der mit seinem Titel "Guildo hat euch lieb" den Totengräber des klassischen deutschen Schlagers gab.

Dana International gewann mit 'Diva' 1998 den ESC © NDR Foto: Uwe Ernst

Die transsexuelle Sängerin Dana International gewinnt mit "Diva" 1998 in Birmingham.

Mit Dana International kam die erste offen queere Performance zum ESC. Ob beim Finale alle Televoter - als sie das Lied "Diva" sahen und hörten - überhaupt wahrgenommen haben, dass die Popsängerin mal ein männliches Wesen war? Die Kommentatoren hatten darauf hingewiesen, aber wer die Seh- und Hörgewohnheiten jenseits der Fanszene kennt, weiß, dass der Konsum eines ESC-Finales eher flüchtiger Art ist. Die Zuschauer stimmten für den Titel, der sich auf Anhieb ins Ohr setzte. Dana Internationals knapper Sieg wurde in Birmingham vom Publikum gefeiert, ihre Präsentation von "Diva" am Ende der Show war mit Federn des Modeschöpfers Jean-Paul Gaultier geschmückt. Die Künstlerin selbst widmete den Triumph ihrem Land, das in jenem Jahr seinen 50. Geburtstag feierte - und allen LGBTI-Leuten (Lesben, Schwule, Bisexuelle und Transgender) weltweit: Israels Dana International hob den ESC auf das Niveau eines großen Spektakels.

Nach Glamour folgte israelisches Allerlei

In Israel selbst erntete die Siegerin auch heftige Kritik: So dürfe man Israel nicht im Ausland repräsentieren, gifteten die einen. Andere mokierten sich über den übertriebenen Glamour - was nur eine verhüllte Kritik am queeren Charakter der Künstlerin war. Im Jahr darauf, in Jerusalem, schickte der TV-Sender IBA das harmlose Jungmännerquartett Eden ins Rennen, ihr flotter Gruß war frei von Provokationen: "Happy Birthday (Yom Huledet)" schaffte sogar einen erstaunlich guten fünften Platz.

IBA distanziert sich vom eigenen Kandidaten Ping Pong

Ping-Pong beim Eurovision Song Contest 2000

Zu viel Polit-Provokation: Israel distanzierte sich 2000 in Stockholm von der Gruppe Ping Pong.

Als 2000 in Stockholm die dänischen Olsen Brothers gewannen, gab es in Israel einen ESC-Skandal. Intern war beim Sender IBA die sehr jugendliche Gruppe Ping Pong ausgesucht worden - sie reisten mit "Shir sameach" ("A Happy Song") in die schwedische Hauptstadt. In jeder Hinsicht unterschieden sie sich von den klassischen israelischen ESC-Beiträgen: Nicht in schicken Kostümen oder flamboyanten Outfits trugen sie ihr Lied vor, womöglich mit lang trainierten Tanzschritten. Ping Pong sahen aus, wie man sich jugendliche, friedensbewegte Clubgäste vorstellt, sie kamen in T-Shirts und Klamotten aus dem Laden nebenan.

Dass sie, deren Lied davon handelte wie sich ein syrisch-israelisches Liebespaar verpasst, damit aneckten, lag nahe. Aber sie legten noch eine Schippe drauf: Während der Performance wedelten sie neben der israelischen mit einem syrischen Fähnchen in die Kameras. Das war so provokant, dass die IBA sich von ihren Künstlern noch in Stockholm distanzierten. Sie verträten nicht Israel, sondern nur sich selbst. Das musste in Israel Protest hervorrufen, durch sicherheitsbewusste Kreise und weite Teile der Bevölkerung: Israel hatte sich mit der zweiten palästinensischen Intifada, dem Aufstand im Westjordanland gegen die israelischen Besatzer, auseinanderzusetzen, das Land erlitt eine Fülle von Bombenanschlägen auf israelischem Gebiet. Und das wollen Ping Pong alles nicht erkannt haben, wie sie später in einer Dokumentation einräumten? Sieben Punkte und der drittletzte Platz trugen nicht dazu bei, den Künstlern Guy Assif, Ahal Eden, den später in den USA bekannt gewordenen Poetry-Slammer Roy Arad und Yifat Giladi eine gute Zukunft zu bescheren.

"Light A Candle" oder ein Friedenslied für alle

Tal Sondak  beim Eurovision Song Contest 2001

Pop statt Provokation: Mit Tal Sondak ging Israel 2001 auf Nummer sicher.

Der TV-Sender IBA jedenfalls war kuriert, solch politisch verstörenden Stoff wollte man nicht mehr. 2001 in Kopenhagen war es Tal Sondak, der mit dem konventionellen Poplied "En davar" ("Macht nichts") nur auf Platz 16 von 23 Acts landete. 2002 jedoch belebte Israel das Genre des allübergreifenden Friedenslieds erheblich: Sarit Hadad und "Light A Candle" war an pathetischer Zuckrigkeit kaum zu überbieten: Sie wurde in Tallinn Zwölfte - viele Fans hätten sie gern statt der Lettin Marie N als Siegerin gesehen. Frau Hadad ist eine prominente Künstlerin geworden, spricht ein Dutzend Sprachen, darf Madonna zu ihren Fans zählen und schaffte es gar, als erste israelische Bürgerin im benachbarten Jordanien aufzutreten.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Blue | ESC Update | 23.02.2019 | 19:05 Uhr