Stand: 30.04.14 14:00 Uhr

Industrial Chic in Kopenhagen

Innenansicht der B&W-Halle in Kopenhagen. © Visit Copenhagen Foto: Connie Maria Westergaard

Die B&W-Halle vor ihrer Verwandlung in einen hochmodernen Veranstaltungsort für den ESC.

Sagen wir mal so: Wer definitiv in den kommenden zwölf Tagen nur Sinn für Proben und Performances hat wird dieses Juwel nicht würdigen können. Oder nicht wollen. Aber: Der Ort, an dem der 59. Eurovision Song Contest abgehalten wird, ist das Modernste und Schickste, was es derzeit auf dem internationalen Locationmarkt so gibt. Gelegen an der fast nördlichsten Ecke der Insel Amager war die B&W-Halle einst eine Werft. Beheimatet auf einem Flecken, wo kein gewöhnlicher Mensch lebte. Manchmal wurden dort Teile dieser typisch blutrünstigen dänischen Krimis gedreht. Regisseure sagten, es sei ein Ort mitten in Kopenhagen, der düsterer und gottverlassener nicht sein könnte.

Stätte des Arbeiterkampfes

Die B&W-Halle war bis in die 1970er-Jahre hinein eine der modernsten Schiffswerften der Welt. Fast bis zum Himmel ragte die Decke. Man hätte Golf drin spielen können, hieß es damals. Und in der Tat wurde dieses Minigolf für Schnösel mit Geld dort auch trainiert - der Platz reichte allenthalben. Die Belegschaft der B&W-Werft war einst stolzer Teil der dänischen Arbeiterbewegung. Sie streikte bisweilen für höhere Löhne, bessere Gesundheitsversorgung und die 35-Stunden-Woche. Doch seit Ende der 70er-Jahre ist die Werftindustrie in den reichen Ländern Europas zu teuer geworden. Betriebe in Asien, vor allem Südkorea, hatten da bessere Preis-Leistungs-Verhältnisse zu bieten. Die Halle stand schließlich einige Jahre leer, zum Abriss konnte sich aber auch niemand entschließen. Wozu auch? Der Platz wurde nicht benötigt, jedenfalls nicht bis zum Anfang dieses Jahrtausends.

Ruf als Designmetropole bekräftigt

Die B&W-Halle ist ein Prunkstück des momentan so angesagten "Industrial Chic Designs". Sie sieht nicht glatt poliert aus, sondern macht einen herben, abgerockten Eindruck. Man erreicht die Halle während des ESC mit einem Shuttle-Boot-Service, der unter anderem am Ende des Nyhavns ablegt. Außerdem verbinden Omnibusse das ESC-Gelände mit jedem relevanten Flecken der Stadt. Die Fahrt über Wasser ist freilich die schönste. Am Ende des Nyhavns - das ist dieses Becken mit den sehr vielen Kneipen und Bars im Old Style - liegt auch das neue Schauspielhaus. Und gegenüber, schon auf Amager, das architektonisch berühmte Opernhaus. Es hat in der ESC-Geschichte immer unterschiedliche Locations gegeben: Ein Revuetheater wie 1971 in Dublin oder der ehrwürdige Konzertsaal der Usher Hall im Jahr darauf in Edinburgh und 1974 der Brighton Dome. Seit Birmingham 1998 sind es durchweg große bis sehr große Hallen und Stadien, in denen der ESC produziert wird. In Kopenhagen 2001 war es das Parkenstadion, 2011 in Düsseldorf die städtische Fußballarena von Fortuna Düsseldorf.

Stilistisches Juwel mitten in Kopenhagen

Die B&W-Halle ist besonders, weil sie für die TV-Produktionsbedürfnisse erst gänzlich neu eingerichtet werden musste. Hallen, wie die in Malmö 2013, in Helsinki 2007 oder Tallinn 2002 wurden allesamt neu konzipiert, so dass deren Architekten immer schon die Anforderungen einer TV-Produktion einplanen konnten. Der Unterschied der im Ödland gelegenen Halle in Kopenhagen zu der aus dem Nichts gestampften Multifunktionsbehausung in Baku 2012 ist, dass in Dänemark für das ESC-Projekt kein Mensch zwangsumgesiedelt, kein Haus unter aggressiver Polizeigewalt geräumt und kein Gelände militärisch abgeriegelt worden ist. Die B&W-Halle ist aus Trümmern und Musealem errichtet worden - und wer will, kann sie selbst mit dem Fahrrad anfahren. Etwas Kondition braucht es dafür, zumal bei den frischen Winden, die momentan über den Öresund wehen. Ein stilistisches Juwel - das seine eigene Industrieherkunft nicht verschweigen will. Cool!

Dieses Thema im Programm:

Das Erste | Eurovision Song Contest | 10.05.2014 | 21:00 Uhr