Stand: 21.08.13 11:09 Uhr

Projekt Titelverteidigung

Das dänische Fernsehen DR hat nun seinen sogenannten Kick-Off, seinen Impuls gesetzt für die heimische Vorentscheidung im kommenden Jahr. Man kann alles auf Englisch auch nachlesen – und manches irritiert, liest man die dänischen Veröffentlichungen zu der „Her mit einem Lied für 2014!“-Aktion. Es heißt nämlich einerseits, dass man den sogenannten Titel verteidigen wollen, Dänemark möchte also abermals gewinnen. Andererseits sollten die Bewerber darauf achten, möglichst kein gefälliges Zeug einzuschicken, sondern originellen Stoff.

Emmelie de Forest mit ihrer Delegation auf der Showbühne beim ESC in Malmö. © NDR Foto: Rolf Klatt

Wenn es nach dem Dänischen Rundfunk geht, soll auf Gewinnerin Emmelie de Forest wieder ein dänischer Act folgen.

Das Ding mit der Titelverteidigung hat als Idee freilich eine mogelnde Unterstellung in der Aufforderung selbst: Als ob etwas verteidigt, ja, abgewehrt werden müsse. Ein sprachliches Ding aus dem militärischen Bereich, streng genommen. Aber okay, das hat sich eingebürgert: In den vergangenen Jahren hat noch jedes Land, das den ESC ausrichtete, davon gesprochen, am liebsten abermals zu gewinnen. In Wahrheit wollen die Verantwortlichen, fragt man sie hinter den Kulissen bei ausgeschalteten Mikrofonen, auf gar keinen Fall dieses Event noch einmal veranstalten. Irland war das letzte Land, das in dieser Not stand. 1993, als Niamh Kavanagh in Millstreet gewann, arrangierte man eine Vorentscheidung für 1994, die schließlich Paul Harrington & Charlie McGettigan gewannen. „Rock’n’Roll Kids“? Nein, mit so einem langsamen Lied würde man nicht gewinnen. Es kam, wie bekannt, anders. 1995 musste der Sender RTE wieder ran. Da knallten im Sendergebäude in Dublin nicht die Sektkorken – es war einfach eine Not.

Not?, werden Sie fragen, ist es nicht prima und auszeichnend, nochmals Sieger des ESC zu sein? Ja, mag sein, aber das kostet – und Irland, aller werblichen Wirkung des ESC für touristische Angelegenheiten zum Trotz, hat unter dem ESC finanziell heftig gelitten. Jahrelang waren die Mittel, die man für den ESC ausgab, für andere TV-Projekte quasi verpulvert. Aber man muss den öffentlich vorgetragenen Anspruch, nochmals zu gewinnen, anders verstehen. Die sprachliche Wendung von der Titelverteidigung ist gewöhnlich im Sport üblich, und beim ESC handelt es sich ja gewissermaßen um eine sportliche Europameisterschaft mit Liedern. Mit „Titelverteidigung“ wird mobilisiert, und zwar Interesse, Leidenschaft, Teilhabe. Auf dass Dänemark als Land sich mit dem ESC nächstes Jahr identifiziert und im Übrigen auch Tickets für die vier Shows im Mai (1. und 2. Halbfinale, die Generalprobe namens Juryfinale vor dem Finalsamstag, sowie eben das Grand Final) verkauft werden. Große Hallen wollen gefüllt sein – das hat auch der schwedische Sender SVT in Malmö erfahren, der die Halbfinals nicht ausverkauft bekam.

Und eigentlich, würde ich sagen, muss von Titelverteidigung gesprochen werden, um Komponisten, Textern und Produzenten Mut zu machen. Sehr oft nämlich haben die gastgebenden Länder keine guten Resultate nach einem ESC-Sieg erzielt. Robin Stjernberg, der ernsthaft als Top 3-Kandidat gehandelt wurde, landete in Malmö auf einem keineswegs katastrophigen 14. Platz. Christer Björkman, heutzutage ESC-Chef in Schweden, schaffte es 1992 nach Carolas Sieg 1991 in Rom im Jahr darauf beim ESC beinah auf den allerletzten Rang. Und der Norweger Didrik Solli-Tangen, der Alexander Rybak folgte, endete auch unter ferner sangen.

Immerhin, Dänemark darf sagen: 2001, nach dem Sieg der Olsen Brothers, landeten Rollo & King im Kopenhagener Parken-Stadion auf dem zweiten Rang. Das machte die Dänen in der überdachten Arena glücklich, die vom dänischen Fernsehen ebenso, weil die Quote gigantisch ausfiel, und die Plattenfirmen auch, weil in Dänemark einfach sehr viele, der in den oberen Charts in ganz Skandinavien gelisteten, ESC-CDs verkauft werden konnten.

Voriges Jahr ging Emmelie de Forests Lied aus einer Auswahl von fast 700 Kompositionen hervor. Diese Anzahl soll auch für das nächste Jahr erreicht werden. Bis zum 7. Oktober können Bewerbungen eingeschickt werden.

Mit anderen Worten und kurz gesagt: Ein Sender, der von Titelverteidigung spricht und diesen Anspruch öffentlich transportiert sehen möchte, will mobilisieren – siegen nur, wenn es gar nicht anders geht – das Lied also so gut ist wie kein anderes beim Grand Final am 10. Mai 2014.

Dieses Thema im Programm:

Das Erste | Eurovision Song Contest | 10.05.2014 | 21:00 Uhr