Stand: 18.05.15 22:39 Uhr

Erstes Juryfinale: Ausreißer retten die Show

Nach monatelanger Planung und tagelangem Proben geht es jetzt für Veranstalter und Künstler in die richtig heiße Phase: Die Wiener Stadthalle wurde am Montag erstmals von ESC-Fans gestürmt und die Teilnehmer des ersten Halbfinals mussten sich der Jury stellen, um sich die erste Hälfte ihrer Punkte zu verdienen. Und diese Punktevergabe dürfte der Jury schwergefallen sein - denn trotz charmanter Aufmachung mangelte es während der Show an eindeutigen Höhepunkten.

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Ruhe und Gelassenheit in der Probe

Gänsehaut-Opening kann Versprechen nicht halten

Auch eine zu drei Vierteln besetzte Halle mit kreischenden und fahnenschwenkenden Fans konnte über den Eindruck einer eintönigen und noch etwas holprigen Show nicht hinwegtäuschen. Dabei versprachen Intro-Trailer und -Performance von und mit Conchita Wurst so viel: Die schönsten Momente des Phoenix-Aufstiegs und die "Rise Like A Phoenix"-Showeinlage mit Live-Orchester jagten Gänsehaut über Haut und Haar, während zwischen Bühne und Greenroom eine Art Opernball stattfand. Kein Wunder also, dass die 16 sich anschließenden Performances, von denen sich nach der Punktevergabe des Publikums am Dienstag sechs aus dem Contest verabschieden müssen, hier nicht mithalten konnten.

Dabei haben viele Teilnehmer versucht, ihrem Song in bewährter Manier mit einer Message Nachdruck zu verleihen: Boggie aus Ungarn sang in "Wars For Nothing" über unnötige Kriege, Bojana Stamenov in "Beauty Never Lies" über Abweichungen vom gängigen Schönheitsideal und die Rumänen von Voltaj über von ihren Eltern verlassene Kinder. So weit, so gut. Nur sprang die Botschaft nicht über, was nicht gerade zur Authentizität der Künstler beitrug.

Die Macht der Andersartigkeit

Inmitten dramatischer Balladen à la "One Last Breath", "Beauty Never Lies" oder "I'm Alive" waren es so vor allem die andersartigen Songs, die hängen blieben: Ob der musikalisch nicht wirklich anspruchsvolle Punksong von Pertti Kurikan Nimipäivät aus Finnland, ein positives "The Way You Are" von Anti Social Media oder die Up-Tempo-Nummer "Rhythm Inside" aus Belgien - alles, was den Trott durchbrach, war gern gesehen. Dabei waren es in der Halle neben den Finnen von Pertti Kurikan Nimipäivät vor allem die Mazedonier, die Jubel ernteten. Und das, obwohl die drei Background-Sänger und -Tänzer von Daniel Kajmakoski entweder noch unsicher oder noch nicht hundertprozentig bei der Sache waren.

Die Künstler von Pertti Kurikan Nimipäivät aus Finnland bei den Proben zum 1. Halbfinale in Wien © NDR Foto: Rolf Klatt

Sie brachten - wenn auch nur kurz - Schwung in die Bude: Pertti Kurikan Nimipäivät aus Finnland.

Letzteres galt hoffentlich für Elina Born und Stig Rästa aus Estland: Sie lieferten mit ihrem One-Night-Stand-Song "Goodbye To Yesterday" zwar einen der wenigen Ohrwürmer und mit ihren Schattenspielen eine coole Bühnenshow ab - doch in Sachen Gesang haperte es noch, Elina Borns Stimme klang quietschig und vergrätschte sich gerne mal im Ton. Andersherum - gute Stimme, aber ein Song ohne den berühmten Funkensprung - sah es bei Griechenland und Belgien aus, wobei Loïc Nottet sowohl bei den Buchmachern als auch unter Journalisten vor Ort verhältnismäßig hoch gehandelt wird.

Kleine Highlights, musikalische Verfehlungen

Es sind die Details und die kleinen Momente, aus denen der Zuschauer im ersten Halbfinale dann doch noch Freude schöpfen konnte: Wenn die sechs Musiker von Genealogy im Refrain ihres Musical-Songs "Face The Shadow" einen sauberen mehrstimmigen Gesang ablieferten oder sich das weiße Kleid der russischen Teilnehmerin Polina Gagarina in einem beeindruckenden Effekt auf dem Bühnenboden spiegelte, konnte man die Eurodance-Einlage von Bojana Stamenov oder die scheinbar von Modern Talking inspirierte weißrussische "Ha Haha"-Hymne von Uzari und Maimuna glatt für eine Sekunde vergessen. Außerdem reichten die (nicht immer synchron) tanzenden Lederuniform-Polizisten aus Moldau und das Eisköniginnen-Kleidchen von Bojana Stamenov zumindest für den Schmunzler zwischendurch.

Stimmen sind geölt, Songs schwächeln

An gesanglichem Können haperte es nur in wenigen Fällen, allerdings waren die ganz kreativen Performances in diesem ersten Halbfinale genauso wenig zu finden wie die ganz großen Megahits. Die Jury hat sich nun entschieden, die Hälfte der Punkte ist vergeben - wie das Publikum urteilt und wie viele Balladen und welche musikalischen Ausreißer es ins Finale schaffen, wird sich am Dienstag im ersten Semifinale endgültig entscheiden.

Dieses Thema im Programm:

Das Erste | Eurovision Song Contest | 23.05.2015 | 21:00 Uhr

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