Kommentar

Stand: 13.03.18 17:10 Uhr

Siegeskonzept: Charme & Anmut

Vor jedem Wettbewerb muss ein Rennen für offen erklärt werden: Wo bliebe sonst die Spannung? Verhältnisse wie in der Fußballbundesliga will ja keiner: 18 Mannschaften nehmen teil an der höchsten deutschen Spielklasse, aber nach zehn Monaten Spielbetrieb liegt, wenigstens seit 2012, immer Bayern München vorn. Beim Melodi Grand Prix in Norwegen hätten alle zu Hause bleiben können, der Sieger stand doch eigentlich schon vor der ersten Sendeminute der Show fest: Alexander Rybak. Der ESC-Gewinner von 2009, der mit "Fairytale" einen erdrutschartigen Sieg schaffte und damals alle anderen wie missmutige Mauerblümchen aussehen ließ.

Alexander Rybak © NRK

Alexander Rybak: "Fairytale"

2009 ist sein Glücksjahr. Wenige Tage vor seinem 23. Geburtstag gewinnt Alexander Rybak den ESC in Moskau für Norwegen. Der Finalauftritt.

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Nicht anders dieses Jahr: Wir wissen inzwischen, dass dieser Mann, inzwischen 31 Jahre jung, damals nicht allein ein sehr gutes, sehr mitreißendes Lied parat hatte. Wir können sehen, dass diese Art, die ich mal kraftvolle Schwerelosigkeit nennen möchte, dem Künstler immer eigen ist - wenn es darauf ankommt. Und das tat es am Samstagabend im Osloer Spektrum.

Alle singen - und Rybak kann doch alles besser

Die 56. Ausgabe des Melodi Grand Prix, wie die Vorentscheidung für den ESC in Norwegen traditionell heißt, war ja annonciert worden als Fest der Künstler, die schon einmal beim ESC dabei waren - neben Rybak auch Stella Mwangi (im Duett mit Alexandra auch nicht gerade ein träges Ding), Aleksander Walmann, der im vorigen Jahr mit "Grab The Moment" in Kiew den zehnten Platz schaffte und dieses Jahr wieder zum ESC wollte mit der dem Vorjahreserfolg sehr verwandten Nummer "Talk To The Hand" sowie schließlich Rebecca mit "Who We Are", selbst keine Wiedergängerin des ESC, ihr Lied jedoch entstammt der Feder von Kjetil Mørland, der mit Debrah Scarlett 2015 in Wien "A Monster Like Me" sang und einen hervorragenden Eindruck hinterließ.

Und doch: Da war der Meister, Alexander Rybak, offenbar seit seinem Sieg 2009 auf Droge. Eine Droge, die ESC heißt. Voriges Wochenende in Oslo hatte er das durchaus selbstverliebt-ironische Lied "That's How You Write A Song" im Gepäck: Wie schreibt man ein Lied?

Am Ende hatte er auf gewisse Weise zu dieser Frage eine Lehrstunde erteilt, und das nicht mal mit hochmütiger Pose: Rybak ist einfach ein Charmebolzen, ein junger Mann, der auf die Sekunde genau fit ist, wenn es wirklich zählt. Der Act - der ja mehr ist als die Komposition plus Text plus Stimme - war den anderen offenbar turmhoch überlegen. In der Viererrunde, in der alle genannten Künstler und Künstlerinnen vertreten waren, hatte Rybak mehr Stimmen als all seine Konkurrenten zusammen, im Zweiersuperfinale mit Rebecca bekam er schließlich gut 70 Prozent der Televotingstimmen. Das ist eindeutig. Alle sahen gut aus auf der Bühne des Spektrum, aber bei Rybak und seinen Tänzern und Choristen sah es unangestrengt und mühelos aus.

Schnell zu verbrauchende Musik - ein echtes Plus

Das Lied gibt als Erklärung für seinen Sieg nicht her, weshalb es nun vorne lag. Ein bisschen Light-Rapping, ein bisschen Schubiduah (wie auch Basim in Dänemark seinen "Cliché Love Song" 2014 anlegte) - also insgesamt ein ästhetisches Paket der unmittelbaren Überwältigung, schwungvoll und enden wollend. Man wippt sofort mit und weiß, dass man dieses Lied bitte nicht sieben Mal hintereinander hören möchte, weil es dann nämlich sehr nervt. Aber ein zweites Mal schon. Alexander Rybak weiß natürlich, dass beim ESC niemand ein Lied erst nach sieben-, neun- oder dreimaligem Hören gut findet, außer Fans, die wir uns alle sämtliche Lieder schönhören. Sondern nach einem Mal: Die meisten Zuschauer, die beim Televoting mitmachen, entscheiden sich nach dem ersten Hören für ein Lied. Das macht "That's How You Write A Song" zu einer superintensiven Verführungsgeschichte für den Moment. Nebenbei: Auch "Fairytale" war schnell "verbraucht": Das machte aber nichts, weil Rybak da schon gewonnen hatte.

Dieses Norwegers Sieg in Oslo, der ihm die Fahrkarte nach Lissabon einbrachte, macht ihn, allen in den Wettbüros eintrudelnden Prognosen auf einen allenfalls guten Platz im höheren Mittelfeld zum Trotz, zu einem der heißesten Kandidaten für das Finale am 12. Mai. Rybak weiß, wie es geht, das Gewinnen. Johnny Logan wusste das auch, als er 1987 nach Brüssel reiste, "Hold Me Now" im Gepäck. Sieben Jahre nach seinem ersten Triumph fuhr er den zweiten ein - Das auch zu schaffen, ist Rybaks Ehrgeiz. Was denn auch sonst?

Dieses Thema im Programm:

Das Erste | Eurovision Song Contest | 12.05.2018 | 21:00 Uhr