Stand: 17.05.09 03:00 Uhr

Rekordsieg für Norwegen beim Finale in Moskau 2009

von Anja Kelber

Vorhang auf für das Finale des 54. Eurovision Song Contest in Moskau! Fragen über Fragen gleich zu Beginn: Wird es einen Favoritensieg Norwegens geben oder setzt sich ein Außenseiter durch? Wer wird patzen? Werden die Moderatoren des Abends eine würdigere Vorstellung geben als ihre aufgekratzten Kollegen aus den Semifinals? Und wo wird der deutsche Beitrag landen?

Der "Harry Potter der Popmusik" siegt

Um diese Frage gleich vorweg zu nehmen: Ja, der Favorit hat gewonnen. Für den lange hoch gehandelten Norweger Alexander Rybak zeichnete sich extrem schnell ein Sieg ab. Und tatsächlich: Mit sagenhaften 387 Punkten gewann das romantisch-schmissige "Fairytale" - das ist die mit Abstand höchste Wertung, die es je gab. Das bisherige Rekordergebnis - 298 Punkte - erhielt Marija Serifovic aus Serbien 2007 in Helsinki. Auch damals nahmen, wie 2009, 42 Länder teil.

Alexander Rybak © NRK

Alexander Rybak gewinnt mit "Fairytale" den ESC

Eurovision Song Contest -

Eurovision Song Contest in Moskau: Alexander Rybak fiedelte sich 2009 direkt in die Herzen des Publikums. Der Auftritt des Siegers aus Norwegen.

4,8 bei 20 Bewertungen

Mit von 5 Sternen

bewerten

Vielen Dank.

schließen

Sie haben bereits abgestimmt.

schließen

Auf den Rängen folgten Island und Aserbaidschan. Und, um auch diese Frage schnell zu beantworten: Alex Swings Oscar Sings!, der deutsche Beitrag, ging trotz der Hilfe von Dita von Teese im starken Teilnehmerfeld unter. Platz 20 mit 35 Punkten, davon sieben aus Dänemark und Großbritannien und sechs aus Norwegen. "Das Rätsel, wie man zwölf Punkte bekommt, haben wir immer noch nicht gelöst", erkannte Alex später selbstkritisch. Beide Musiker gratulierten aber Norwegen: "Ein Supertitel. Der Junge ist 23, er hat den Titel selbst geschrieben, er ist der Harry Potter der Popmusik", so Alex. "Vielleicht haben wir den Beginn einer großen Karriere gesehen." Er und Oscar sind stolz darauf, für Deutschland angetreten zu sein. Sie seien in einem "sensationellen Team" angetreten.

Das Verhältnis west- und osteuropäischer Staaten unter den Top Ten war übrigens ausgewogen: West gewann gegen Ost mit 6:4. Dies nur zur Beruhigung derjeniger, die noch immer an eine Verschwörung der Staaten Osteuropas glauben.

Rasante 42-Millionen-Euro-Show

Dima Bilan fliegt zur Eröffnung des Finales des ESC 2009 © NDR Foto: Rolf Klatt

Luftige Eröffnung: Vorjahressieger Dima Bilan schwebt in die Halle.

Doch zunächst begann die Show - mit 42 Millionen Euro die teuerste in der Geschichte des Grand Prix. Ein Teil davon ging an den Cirque du Soleil - und der lieferte dafür auf den riesigen Bühnenaufbauten eine kurzweilige und rasante Opening Show inklusive viel Akrobatik und lebender Matroschka-Puppen. Im Trauriger-Clown-Kostüm kam schließlich Vorjahressieger Dima Bilan von der Decke eingeflogen. Kaum auf der Bühne fing er an zu rennen – kilometerweit, wie es aussah. Eigentlich aber stand er auf einem Laufband. Nachdem er sich kurz in seinem Mantel verhedderte, zog er sich lieber rasch bis auf den strahlend weißen Bühnenanzug aus, um schließlich noch einmal seinen Siegsong zu performen.

Dann enterte das Moderatoren-Duo die Bühne. Die Sängerin Alsou, die beim ESC 2000 den zweiten Platz für Russland holte, und der russische TV-Star Ivan Urgant betraten verbrannte Erde. Sie konnten aber ein wenig den peinlichen Eindruck wettmachen, den ihre Vorgänger hinterließen. Souverän eröffneten die beiden die Show und blieben bis zum Schluss eloquent.

"Heintje" aus Litauen eröffnet den Abend

Beim ersten Act des Abends waren sich die Kritiker im Vorwege nicht sicher: Ist Sasha Son nun der Justin Timberlake Litauens oder doch eher so etwas wie ein baltischer Heintje? In jedem Fall absolvierte der ehemalige Kinderstar mit dem schrägen Hütchen einen schmachtenden, aber ordentlichen Auftritt am Flügel. Sein Name brachte ihm allerdings kein Glück: Sasha Son, was so viel heißt wie "Sashas Traum", war weit davon entfernt, den Grand Prix in seine Geburtsstadt Vilnius zu holen: Am Ende gab es für ihn und seine gefühlvolle Ballade "Love" lediglich Platz 24 von 25.

Einen ähnlichen Weg schlugen leider Noa und Mira Awad aus Israel ein. Das jüdisch-arabische Duo lag nicht nur beim Intro ihrer engagierten Hymne "There Must Be Another Way" ordentlich schief. Doch mit Leidenschaft und Charme und vor allem der politischen Botschaft konnte der mehrmalige Griff in die falsche Tonkiste ein wenig ausgeglichen werden: Mit 53 Punkten landete das Duo auf Platz 16.

Patricia Kaas für Frankreich im Finale des ESC 2009 © NDR Foto: Rolf Klatt

Grande Dame des Chansons: Patricia Kaas sang sich und Frankreich auf den 8. Platz.

Jeden Ton traf dagegen Patricia Kaas. Sie stand am Todestag ihrer Mutter auf der Bühne. Das hatte sie zuvor noch nie getan, aber es brachte ihr Glück - 107 Punkte und Platz 8 für Frankreich. Schade, dass es nicht zu noch mehr gereicht hat: Der Auftritt der kühlen Chanteuse aus Lothringen war ein veritabler Gänsehautmoment und eine musikalische Wohltat. Im schulterfreien kleinen Schwarzen, mit dunkel geschminkten Augen stand die Grande Dame mit der unverwechselbaren Stimme allein auf der Bühne und sang ihren Chanson "Et s'il fallait le faire". Chapeau, Patricia.

Große Oper à la Schweden...

Etwas vordergründiger schmetterte Malena Ernman aus Schweden ihren Song "La voix". Die Opernsängerin lieferte eine kraftvolle Show – die Hintergrund-Damen mit den Glitzermasken gaben ihr Bestes, es gelang ihnen aber zum Glück nicht, die Aufmerksamkeit von der fulminanten Präsenz der ganz in weiß gekleideten, gestählten, blonden Schwedin abzulenken. Ein Musicalauftritt der nicht überall seine Freunde fand: Schweden landete mit 33 Punkten direkt hinter Deutschland auf Platz 21.

Nur wenig besser sah es für Kroatien aus. ESC-Experte Jan Feddersen nannte es "Pauschalurlaub in Split mit lappriger Terrassenunterhaltung", was der kroatische Theologiestudent und Casting-Star Igor Cukrov und seine Co-Sängerin Andrea aufführten. Offenbar sah man das in Teilen Europas ähnlich: Trotz einer fehlerfreien Darbietung ihrer Schmachtballade "Lijepa Tena" landeten die beiden nur auf Platz 18.

...und happy Hippie aus Portugal

Beim Auftritt der portugiesischen Formation musste man sich erst mal die Augen reiben – so quietschend bunt sprang einen das Flower-Power-LSD-Bühnenbild an. "Portugal in the sky and diamonds"? Nein: "Todas As Ruas Do Amor" von Flor De Lis und ihrer jungen, sympathischen Sängerin Daniela Varela. Wunderbar leichte und gutgelaunte Folklore und keine Spur Fado-Traurigkeit. Mit schwingenden Röcken ging es für Portugal mitten ins Mittelfeld: Platz 15 bei 57 Punkten.

Yohanna für Island im Finale des ESC 2009 © NDR Foto: Rolf Klatt

Überraschungserfolg für Island: Yohanna konnte überzeugen - Platz 2!

Apropos Röcke: Ein Wasserfall von einem Kleid umfloss Islands 18-jährige Grand Prix Hoffnung Yohanna. Der Rüschentraum in Eisblau repräsentierte das Herkunftsland adäquat – die Farbe erinnerte an die Gletscherseen, die irritierend biedere Bommelhaftigkeit des Outfits schien der Krise geschuldet. Mit dem abtauchenden Delphin auf der Leinwand im Hintergrund war der Kitschfaktor zwar arg überstrapaziert – aber für die wunderbare Ballade "Is It True" gab es absolut berechtigterweise den zweiten Platz. 218 Punkte konnte Yohanna gewinnen.

Mindestens den zweiten Platz hatte sich auch Griechenland ausgerechnet: Gerüchten zufolge war dort bereits alles für den ESC 2010 vorbereitet. Schließlich ist der griechische Superstar Sakis Rouvas in seinem Dreikampf "Turnen, tanzen, den Ober-Macho geben" unantastbar. Auch beim Finale gelang ihm ein nahezu perfekt durchchoreografierter Auftritt mit der Strand-Disco-Nummer "This Is Our Night" - wieder atemlos und ganz in Weiß, wieder mit definitiv zu kurzem T-Shirt. Doch der Grand Prix ist weder Olympia noch ein Nachtschuppen, Sakis kam über 120 Punkte und einen unbefriedigenden siebten Platz nicht hinaus.

Sisterhood und Bruderliebe

Inga und Anush für Armenien im Finale des ESC 2009 © eurovision.tv

Schwestern mit Feuer: Inga und Anush aus Armenien lieferten einen klasse Auftritt.

Sister, here we go! Die Schwestern Inga & Anush aus Armenien und ihr Ethno-Tanztitel "Jan Jan" stachen wunderbar heraus und holten vermutlich auch noch die letzte Couchpotatoe aus dem Sessel. Die schwer folkloristisch kostümierten Mädels hatten nicht nur den "beeindruckendsten Eyeliner", wie Dita von Teese bereits während der Show twitterte, sondern auch ein tolles Outfit und einen unglaublich mitreißenden Song dabei. Das wurde mit 92 Punkten und einem guten zehnten Platz belohnt.

Dann kam der Beitrag des Gastgebers. Nun ja. Eine Ode an die Mutter. Der mit einer netten Altstimme gesegnete Castingstar Anastasija Prichodko gab für Mütterchen Russland alles, konnte an den Erfolg vom letzten Jahr aber nicht anknüpfen. Dank vieler ehemaliger Sowjetrepubliken mit brüderlichen Banden reichte es immerhin für den 11. Platz.

Auch eher gefällig ging es weiter mit Arash und AySel und ihrem Ethno-Pop-Titel "Always" für Aserbaidschan. Erneut fiel auf: Arash hat keine Stimme, AySel schon. Oder wie Kommentator Tim Frühling bemerkte: Ihre Stimme ist Bundesliga, seine mindestens eine Klasse darunter. Mehr müsste man eigentlich nicht sagen. Wäre da nicht die Platzierung am Ende: Aserbaidschan kämpfte beharrlich mit Island um den zweiten Platz - und lag schließlich mit 207 Punkten auf Platz 3. Erstaunlich.

Militär-Ästhetik und Augenzwinkern

Relativ erwartbar dagegen das Abschneiden der Rockband Regina aus Bosnien-Herzegowina. Die Jungs mit den coolen Indie-Frisuren setzten voll auf Sowjet-Ästhetik und trugen offenbar die aufgebügelten Sowjet-Uniformen ihrer Väter auf. Für den Mittelteil ihres Songs "Bistra Voda" hatten sie zudem eine authentische Kriegerdenkmal-Pose eingeübt. Es war eben ein "revolutionäres Liebeslied", das die Bosnier da spielten – und zwar eines, das wirklich gut ins Ohr geht. Dafür gab es insgesamt 106 Punkte - und somit Platz 9.

Nelly Ciobanu für Moldau im Finale des ESC 2009 © eurovision.tv

Mit einer mitreißenden Folklorenummer ins Mittelfeld: Nelly Ciobanu

Wo genau liegt eigentlich Moldawien, auch Republik Moldau genannt? Spätestens nach dem Auftritt von Nelly Ciobanu und ihrer rasanten Folklore-Nummer "Hora Din Moldova" sollte man sich darüber mal Gedanken machen. Schon der Einzug der Trachtenkombo ins Finale war eine kleine Überraschung - wenn auch kein Wunder bei dieser derart mitreißenden Nummer. Im Finale tanzte sich der rothaarige Wirbelwind Ciobanu ins gute Mittelfeld: Platz 14. Ach ja: Moldawien liegt nicht an der Moldau. Es ist ein Binnenstaat zwischen Rumänien und der Ukraine.

Wo Malta liegt, wissen schon mehr Menschen - und auch die "Allzweckwaffe" (O-Ton Kommentator Frühling) des Inselstaates kennt man inzwischen: Chiara ist bereits zum dritten Mal dabei beim ESC. Diesmal ging in all dem Geglitzer des Kleides und dem Sternenregen drumherum allerdings ihr obligatorisches Zwinkern in die Kamera, Chiaras Markenzeichen, beinahe unter. Aber nur beinahe. Mit mächtiger Stimme und ausladenden Armbewegungen wollte Chiara - von ihren zahlreichen Fans "The Voice" genannt - zum dritten Mal in der ESC-Geschichte die ganze Welt umarmen. Diese zeigte sich höchst undankbar und verwies Chiara auf Platz 22.

Dänemark beweist Bodenständigkeit

Urban Symphony für Estland im Finale des ESC 2009 © NDR Foto: Rolf Klatt

Geigen im Nebel: Urban Symphony landeten auf einem guten 6. Platz.

Bühne frei und Licht – aus. Die vier schwarzhaarigen Frauen von Urban Symphony aus Estland brauchten die düsterstmögliche Kulisse für ihr wunderbar dunkles, von Streichern getriebenes "Rändajad". Im Nebel stehend rollte Sängerin Sandra Nurmsalu das "r" aufs Schönste - und wurde mit dem 6. Platz belohnt. 129 Punkte verteilten die europäischen Nachbarn.

Jegliche Melancholie wurde sofort weggewischt: Bodenständig in Jeans und Weste sprang Brinck aus Dänemark auf die Bretter und lieferte lupenreinen Pop, hinter ihm die klassische Rockband-Formation. Der dauerlächelnde Frontmann singt wie Ronan Keating - der hat auch den Song "Believe Again" mitgeschrieben - und bewegt sich wie Bruce Springsteen. Fehlt nur das Holzfällerhemd. Trotz sprühender Funken blieb der Song ungefährlich, aber auch eingängig. Das kam gut an - Brinck landete mit 74 Punkten auf Platz 13.

Oscar swingt - Dita bleibt verschnürt

Alex Swings Oscar Sings für Deutschland im Finale des ESC 2009 © NDR Foto: Rolf Klatt

Dita blieb brav und Oscar hatte "the time of my life" - gereicht hat es nicht: Platz 20

Mit der Startnummer 17 wurde es dann aber richtig spannend: Über den Auftritt von Alex Swings Oscar Sings! für Deutschland, vor allem aber über die Unterstützung der Burlesque-Tänzerin Dita von Teese, war gehörig hin und her spekuliert worden. Dita hatte es kurz vor Beginn der Veranstaltung noch mal geheimnisvoll gemacht: Ihre Antwort auf die "Zensur" sei "ein kleiner Kompromiss" – allerdings "auf ihre Art" ließ sie per Twitter wissen. Und tatsächlich: Der Busen blieb verschnürt. Zu züchtig? Zu zugeknöpft? Oscar war in absoluter Höchstform: Er präsentierte "Miss Kiss Kiss Bang" nahezu perfekt und mit einer Laune, die noch glänzender zu sein schien als seine hautenge Glitzerhose - und das will was heißen. Am Ende reichte es nicht. Erneut fand sich der deutsche Act am Ende des Feldes: Platz 20.

Besser sah es für den türkischen Beitrag aus, und das obwohl Sängerin Hadise bei ihrem Auftritt mit starken Schwierigkeiten zu kämpfen hatte. Trotz des regnerischen Wetters in Moskau litt sie offenbar noch immer unter ihrem schlimmen Heuschnupfen - die Stimme des türkisch-belgischen Energiebündels ließ jedenfalls stark zu wünschen übrig. Ansonsten performte sie ihr "Düm tek tek" für die Türkei gewohnt bauchfrei und voller Feuer. Dafür gab es am Ende 177 Punkte und den 4. Platz.

Weniger Feuer, dafür mehr Lolita-Charme versprühte die 17-jährige Kejsi Tola aus Albanien. Doch, sie gab das Beste für ihr Land: In einem rosa Tutu, von der Windmaschine ordentlich durchgepustet und umgarnt von einem mintgrünen Pailettenmännchen trällerte sie den eingängigen Ethno-Pop-Titel "Carry Me In Your Dreams" mit fester Stimme - am Ende reichte das für Platz 17.

Hoch gewettet - und hoch gewonnen

Und dann kam er, der Favorit des Abends. Der hoch gewettete Norweger weißrussischer Herkunft, Alexander Rybak. Der Mann mit der Geige, mit dem bübischen Lächeln, mit dem hohen Flirtfaktor, mit der Siegesgewissheit. Sein Folksong "Fairytale" war, wie schon in den Proben und beim Halbfinale, ohne Fehl und Tadel. Dazu barfuß tanzende Mädchen in fließenden Kleidern - ein ESC-Klassiker. Alexander sang und spielte, bis die Geigensaite riss – kein Problem, die Musik kam ja, anders als der Gesang, vom Band und ansonsten stimmte schließlich alles. Das sah man in Europa genau so. Mit dem Rekordergebnis von 387 Punkten holte Rybak den Grand Prix zum dritten Mal nach Oslo. Gratulation. Nach Norwegen ein kurzes Zwischenspiel: Die Moderatorin trug jetzt Schleife mit Kleid statt Kleid mit Schleife und bemühte sich, nicht so laut zu sein, wie ihre Kollegin aus den Semifinals. Vorbildlich.

Krisengirl vs. Balkangirl vs. Musicalgirl

Svetlana Loboda für die Ukraine im Finale des ESC 2009 © NDR Foto: Rolf Klatt

Zerzaust im Zahnrad: Svetlana Loboda aus der Ukraine.

Kurzes Durchatmen, dann fegte das Anti-Crisis-Girl Svetlana Loboda auf die Bretter - eine Mischung aus Madonna, M.I.A. und ukrainischer Pippi Langstrumpf auf intergalaktischen High-Heels. Als Rächerin gequälter Frauen wühlt sich Svetlana mit ihrem nicht uninteressanten Rockkracher "Be My Valentine" durch ihre so genannte "Höllenmaschine" - eine überladene Kulisse aus Industrieschrott - und gibt sich betont frauenbewegt und kämpferisch. Allerdings irritiert ihre offensichtliche Hingabe an männliche Tänzer im Gladiatorenoutfit. Gut, dass sie sich irgendwann ans Schlagzeug setzte - dennoch: nur Platz 12 für die Ukraine.

Anders als Svetlana, die dies zumindest vorgibt, hatte sich die folgende Dame den Feminismus wohl nicht gerade auf das knappe Leibchen geschrieben: Das Partymädel Elena besang "The Balkan Girls" - seltsamerweise ausgerechnet für das Nicht-Balkan-Land Rumänien. Das wollte offenbar keiner so recht hören - weder auf dem Balkan noch in Rest-Europa. 40 Punkte und Platz 19.

Dass Rumänien nicht besonders weit kommen würde, damit hatte man gerechnet. Dass dagegen Großbritannien so derart gut abschneiden würde, das war doch sehr überraschend. Jade Ewen trat mit "My Time" an, einer dramatischen Komposition von Musical-Titan Andrew Lloyd Webber. Der Meister höchstselbst saß denn auch in einem schwarzen Frack am Flügel. Und er sah zufrieden aus: Sein "Aschenputtel aus dem Londoner Eastend" ließ nichts anbrennen. Überzeugend, grazil, ausdrucksstark. Ein hochrespektabler 5. Platz mit 173 Punkten.

Schlusslichter am Schluss

Kurz vor der Zielgeraden wurde es noch mal etwas schräg: Es folgte ein Nachwuchs-Eminem mit schiefem Käppi, der die 40 schon länger überschritten hatte: Waldo’s People mit dem Dance-Rap-Song "Lose Control". Gut gemeint, Finnland. Aber das ging in die - zu tief sitzende - Hose. Letzter Platz, immerhin 22 Punkte.

Soraya für Spanien im Finale des ESC 2009 © NDR Foto: Rolf Klatt

Nur jeder fünfte Ton saß: Soraya musste sich mit dem vorletzten Platz begnügen.

Ausgerechnet die beiden Schlusslichter des Abends platzierten sich auch ganz am Ende. Als letzter ins Rennen ging Soraya für Spanien. Um es gleich vorweg zu sagen: Sie wurde Vorletzte. Und das, obwohl diesmal nicht mal der Träger des äußerst knappen Glitzerkostüms platzte wie beim Vorentscheid - so eine lustige Panne hätte vielleicht noch ein paar versprengte Punkte einsammeln können. Doch Soraya, als ehemalige Stewardess gleichförmige Abläufe gewohnt, ackerte sich einfach ganz normal durch ihren Dancesong. Da halfen auch die die 12 Punkte aus Andorra nichts.

Startsignal aus dem All

Dann hieß es: Ran an die Telefone - und das Startsignal fürs Voting kam selbstverständlich nicht von irgendwoher, sondern direkt aus dem All. Nachdem die Mannschaft der Weltraumstation ISS befohlen hatte: "Start voting!" trat der argentinische Zirkus Fuerza bruta auf - und bot eine eindrucksvolle Show in und um riesige an der Decke hängenden Wasserbassins, die immer tiefer gesenkt wurden - bis die Zuschauer die springenden und sich räkelnden Akteure quasi berühren konnten. Verrückte Idee, tolle Lichteffekte, perfekt umgesetzt.

Weniger aufwändig dagegen die drei zwischendurch gezeigten Einspieler der Moderatorin Irena Ponaroshka. Sie ließ ESC-Kandidaten den Song "Not Gonna Get Us" des Skandal-Duos t.A.T.u. auf traditionellen Instrumenten spielen. An anderer Stelle nahm sie Vorurteile gegenüber Russland und die Klischees ihres Heimatlandes aufs Korn: Hat Väterchen Frost das Land tatsächlich rund ums Jahr im Griff? Tragen Russen also immer Fellmützen? Essen sie fortwährend Kaviar? Außerdem bat Irena Menschen auf der Straße, das Lied "Kalinka Malink" zu singen - alle konnten das hervorragend. Kein Wunder, handelte es sich doch bei den vermeintlichen Passanten um verkleidete Sänger eines Chores.

Punktevergabe ohne Überraschungen

Die Punktevergabe - das Herzstück der Veranstaltung - lief wie am Schnürchen. Kaum Überraschungen, wenige Peinlichkeiten, keine politischen Stellungnahmen. Wenn man mal von dem Jury-Sprecher aus Slowenien absieht, der eine Schweigeminute ankündigte, weil sein Land bereits zum zweiten Mal im Halbfinale rausgeflogen war. Er hielt die Minute allerdings nicht durch. Die schwedische Jurorin übermittelte dagegen alle drei Erstplatzierten umso engagierter: in gesungener Form. Ganz am Ende gab es dann aber doch noch eine Überraschung: Bevor der Norweger Alexander Rybak noch mal seinen Siegtitel anstimmte, wurde ihm die Trophäe nicht nur von Vorjahressieger Dima Bilan überreicht: Ihm zur Seite stand Lys Assia, die erste Grand Prix Siegerin von 1956 aus der Schweiz. Mit der hatte tatsächlich niemand gerechnet.

Dieses Thema im Programm:

Das Erste | Eurovision Song Contest | 16.05.2009 | 21:00 Uhr