Stand: 25.02.15 11:00 Uhr

Rückblick: Der deutsche Weg zur Eurovision

Freddy Quinn, 1. Teilnehmer für Deutschland beim ersten Grand Prix d'Eurovision. (Agenturbild von 1952) © picture-alliance / KPA Archival Collection

Freddy Quinn war einer von zwei deutschen Startern beim ersten ESC 1956 in Lugano.

1956 gehörte die Bundesrepublik Deutschland zu den Gründungsländern des heute ESC genannten Grand Prix Eurovision de la Chanson. 1956 gingen alle sieben Länder mit je zwei Interpreten im Kursaal der schweizerischen Stadt Lugano an den Start: Walter Andreas Schwarz und Freddy Quinn traten für Deutschland an. Durch eine Vorentscheidung mussten sie nach allem, was man weiß, nicht. Programmzeitschriften wiesen eine Show zwar aus, aber Unterlagen zu dieser gibt es weder beim WDR noch bei anderen Sendern der ARD. Schwarz, der "Im Wartesaal zum großen Glück" vortrug, war laut Freddy Quinn nominiert worden - er galt in gebildeten Kreisen als akzeptabler Gedichtvortragender.

Freddy Quinn, der Österreicher in der ewigen Rolle des einsamen Seemanns, erzählte mir vor 15 Jahren, er sei von seiner Plattenfirma gefragt worden. Er stand an der Schwelle zum Ruhm. Freddy sollte unmittelbar nach dem Ausflug ins Tessin zu einem deutschen Star werden, wie es ihn größer nicht geben konnte. Ein Marktführer, eine Art Grönemeyer seiner Zeit, von niemandem angefochten als König des Schlagergewerbes. Wie sie beide, Schwarz wie Quinn, in Lugano abschnitten, ist nicht bekannt. Wertungen waren damals nicht offen. Hits wurden beide Lieder nicht. Zu Freddys "So geht das jede Nacht" darf gesagt werden, dass es das modernste, jugendlichste Lied war, gemessen an der in Europa anschwellenden Rock'n'Roll-Welle aus den USA. Wie man es aus der späteren ESC-Geschichte kennt, sind avantgardistische Stile nicht besonders erfolgreich gewesen.

ESC ohne das Fernsehen? Undenkbar!

Menschen, die heutzutage jung sind, müssen diese Zeiten wahnsinnig antiquiert vorkommen. Die Fünfziger? Die meisten ESC-Interessierte waren nicht einmal geboren, oft auch deren Eltern nicht. Bestimmte Gesetze der ESC-Kulturen waren jedoch auch damals schon gültig. Wie heutzutage hieß es, der ESC sei ein Komponisten- und Texterwettbewerb. Ist in der Tat wahr. Nur: Wenn es ein Liederwettbewerb ohne Interpreten gewesen wäre, hätte man das alles auch im Radio allein übertragen können. Mit dem jungen Medium namens Fernsehen war der ESC eine Show, die ohne Sängerinnen und Sänger, die sich eigens für dieses Ereignis auch ästhetisch präparieren, nicht denkbar gewesen wäre. Kurzum: Theoretisch feine Regeln sind das eine, die gelebte Praxis ist ein anderes.

Alice und Ellen Kessler posieren 1956 im Pariser Lido. © UPI

Die Kessler-Zwillinge mussten sich 1959 nicht durch einen Vorentscheid kämpfen, sie wurden direkt nominiert.

Bei deutschen Vorentscheidungen haben allermeist Juroren über die Tickets für den ESC-Einsatz entschieden, und oft lagen sie eher falsch, was den Publikumsgeschmack, was Hit-Tauglichkeit anbetrifft. Gelegentlich verzichtete der meist federführende Hessische Rundfunk auf Vorentscheidungen, so 1959, auch 1966 bis 1968. Oft waren Stars des Schlagers am Start, gelegentlich nach dem Zenit ihrer Karrieren. Margot Hielscher war zweifach Siegerin, Alice & Ellen Kessler wurden blind nominiert. 1960 gewann der Hamburger Wyn Hoop mit dem geschmackvollen "Bonne Nuit Ma Chérie". An seinem Lied war der Clou, dass er die Hymne des Jahres schlagen konnte, Heidi Brühls "Wir wollen niemals auseinander geh'n". Die Heldin aus dem "Immenhof"-Film hatte vor den Juroren nur begrenzt Chancen: Ihr Lied war nicht chansonesk genug. Damals kam es den ESC-Verantwortlichen sehr stark darauf an, Gute-Laune-Musik eher zu überhören. Wichtig war eine Anmutung von Chanson, Tiefsinn und Wichtigkeit.

Ohne die Plattenindustrie ging nichts

Und immer hatte die Plattenindustrie so gut wie alles mitzubestimmen. Die Tonträgerindustrie, durch die Vinylrillentechnik zu immer höheren Umsätzen fähig, schickte zu deutschen ESC-Vorentscheidungen nur noch selten ihre umsatzstärksten Stars. Die wichtigsten Nachwuchskräfte und auch die Etablierten wurden lieber bei den deutschen Schlagerfestspielen dem Publikum vorgestellt. Aber international sollten sie nicht ins Feuer geschickt werden. Ein Platz unter den Letzten war auch damals schon imageschädigend. Ein Ausnahmejahr war 1962 in Luxemburg, beim 7. Eurovision Song Contest, als Conny Froboess "Zwei kleine Italiener" sang, knapp vor Siw Malmkvist siegte und einen der kommerziellsten Hits der ESC-Geschichte überhaupt landete. Sie belegte mit diesem ersten Multikultischlager der ESC-Historie einen aus deutscher Sicht enttäuschenden sechsten Rang im Finale, Siegerin wurde Isabelle Aubret mit "Un premier amour". Die Froboess selbst sagte vor wenigen Jahren: "Ich wusste in Luxemburg, dass es im europäischen Vergleich ein durchschnittliches Lied war. Deutsches hatte damals keine internationale Klasse."

Die deutsche Unart, nur bis zur eigenen Landes- und Kulturgrenze zu gucken, war auch der Grund, weshalb einer wie Udo Jürgens, der in den frühen Sechzigern in München sein Glück suchte, von seinem Manager Hans R. Beierlein über den ORF zum ESC geschickt wurde. In Deutschland, so Beierlein, hätte er "gewöhnliche Humtata-Schlager, neckische Liedlein und beschämende Exportprodukte ohne internationale Abnehmer" singen müssen.

Für Deutschland starteten, ob mit oder ohne Vorentscheidung qualifiziert, Heidi Brühl, Margot Eskens, Nora Nova, Ulla Wiesner oder Inge Brück. Tragische, triste, melancholische Lieder oder solche, die eher wie Marschmusik denn wie leichte Popmusik klangen, etwa das Lied von der Brühl "Marcel - Das geht mir viel zu schnell ...".

Moderne Stile glatt überhört

Wencke Myhre, ohne Konkurrenz vom Hessischen Rundfunk 1968 nominiert, war ein Teenagerstar und belegte mit dem erfrischenden "Ein Hoch der Liebe" einen okayen sechsten Platz. Modernes aus der Entertainmentindustrie kam bei deutschen Vorentscheidungen nicht zum Zuge - der Hessische Rundfunk und sein Unterhaltungschef Hans-Otto Grünefeld bekamen von der Musikindustrie entweder keine Stars oder aber sie kannten sie nur schlecht, die neuen Figuren der Liedermacherszene, zu der auch Reinhard Mey zählte.

In Frankreich dominierte seit den frühen sechziger Jahren die sogenannte Yéyé-Musik (aus dem Englischen "Yeah! Yeah!" abgeleitet) - ein Motto jugendlicher, unerwachsener Stile - die frisch und beatnikhaft daherkamen. Protagonistinnen dieser Richtung waren France Gall, die 1965 mit dem schlichten Poplied "Poupée de circe, poupée de son" in Neapel gewann. Oder Francoise Hardy, die schon 1963 für Monaco mit "L'amour s'en va" den fünften Platz errang.

1969 war die deutsche Vorentscheidung noch ein eher hausbackenes Unternehmen. Die Amerikanerin Peggy March sang "Hey" und wurde doch nur Zweite, Siegerin Siw Malmkvists Titel "Primaballerina" siegte und schnitt auch beim ESC in Madrid nicht schlecht ab. Bei jener Vorentscheidung saßen ausschließlich Männer in der Jury - eher betagte Herren vom Textdichterverband oder Chefs der TV-Unterhaltungsabteilungen öffentlich-rechtlicher Sender. Frauen hatten im Urteil über die Lieder nix zu melden, dafür durfte eine von ihnen moderieren: Marie-Louise Steinbauer, in Norddeutschland berühmte Gastgeberin der "Aktuellen Schaubude" des NDR.

P.S. vom 27.2.2015
Meine Top 5 deutscher Vorentscheidungen und deutscher ESC-Titel der Jahre 1956 bis 1969 sind:

  1. Peggy March: "Hey" (1969, 2. Platz)
  2. Inge Brück: "Anouschka" (1967, interne Nominierung)
  3. Heidi Brühl: "Wir wollen niemals auseinander geh'n" (1960, 2. Platz)
  4. Wencke Myhre: "Ein Hoch der Liebe" (1968, interne Nominierung)
  5. Margot Eskens: "Die Zeiger der Uhr" (1966, interne Nominierung, 1. Platz).

Dieses Thema im Programm:

Das Erste | Eurovision Song Contest | 17.02.1957 | 20:15 Uhr