Kommentar

Stand: 14.12.17 11:46 Uhr

Auftritte beim ESC: Das Auge wählt mit

von Marcel Stober

Der Eurovision Song Contest ist eine Fernsehshow. Das klingt banal - scheint aber oft vergessen zu werden. Bei Vorentscheidungen wird häufig nach einem guten Gesamtpaket aus Künstler und Song gesucht. Meistens fehlt allerdings die Komponente, die beides zusammenbringt: die Choreografie, oder schlicht der Auftritt. Für den kommenden deutschen ESC-Vorentscheid will sich der NDR über die Bühnenperformance früher Gedanken machen als in den Vorjahren. Die Bühne des Vorentscheids soll annähernd das bieten, was auch die Bühne der Altice Arena beim ESC in Lissabon kann, bekräftigte ARD-Unterhaltungskoordinator Thomas Schreiber jüngst auf der ESC-Roadshow. Das ist richtig und wichtig. Denn oft punkteten Künstler beim Song Contest durch eine gute Choreografie – und oft kostete sie ein unpassender Auftritt am Ende viele Plätze.

Kostüme - Ein No-Go

Ein Astronaut steht hinter der singenden Lidia Isac aus Moldau auf der Bühne des ESC beim ersten Halbfinale © NDR Fotograf: Rolf Klatt

War 2016 der Titel "Falling Stars" von Lidia Isac aus Modau schon ein schlechtes Omen oder lag der vorletzte Platz gar an dem seltsamen Alufolien-Astronauten?

Manche Länder versuchen durch karnevalsähnliche Kostüme im Gedächtnis des Zuschauers zu bleiben. Eine Idee, die genau einmal funktionierte: bei Lordi 2006 in Athen. Sind die Verkleidungen der Künstler nicht so aufwendig, wirken sie sehr schnell albern oder erklären sich gar nicht erst. Warum etwa Kejsi Tola für Albanien beim ESC 2009 in Moskau zusammen mit einem grünen Pailletten-Mann bei "Carry Me In Your Dreams" auf der Bühne stand, wird für immer ihr Geheimnis bleiben. Mit Lidia Isac aus Moldau tanzte 2016 in Stockholm zum Song "Falling Stars" ein Astronaut in Alufolie, um dann gemeinsam im Semifinale Vorletzter zu werden. Und selbst wenn Kostüme ganz offensichtlich zum Inhalt des Songs passen, wie bei der britischen Flughafen-Crew von Scooch, die ihren Titel "Flying The Flag" 2007 in Helsinki als Stewardessen und Piloten zum Besten gab, sollte man vorher lieber noch einmal über den Song nachdenken.

Die eine besondere Idee

Måns Zelmerlöw auf der ESC-Bühne in Wien. © NDR Fotograf: Rolf Klatt

Die Strichmännchen bei Måns Zelmerlöws Auftritt 2015 in Wien sorgten für massive Aufmerksamkeit.

Damit sich die Zuschauer nach 26 Teilnehmern im Finale noch an einen Auftritt erinnern, braucht es etwas, das ihn einzigartig macht. Das kann gut ein markanter Punkt aus der Inszenierung sein. Schweden spielt seit Jahren weit vorne mit, weil die Verantwortlichen verstanden haben, Songs richtig auf die Bühne zu bringen: das Laufband von Robin Bengtsson, die Glasscheibe von Eric Saade, die Strichmännchen von Måns Zelmerlöw. Die Schweden liefern ein Detail, das hängen bleibt, gepaart mit einem grundsoliden Popsong - und ihnen fällt jedes Jahr etwas Neues ein.
Kopieren wird bestraft: Ein Jahr nach Zelmerlöws Sieg beim ESC 2015 in Wien erinnerte Islands Choreografie etwas zu sehr an die schwedischen Zeichentrickfiguren. Greta Salóme erreichte das Finale nicht. Manchmal ist natürlich auch ein intimer Auftritt wie bei Salvador Sobral genau richtig. Manchmal ist die Wirkung eines düsteren Songs eindringlicher, wenn die Sänger diese Stimmung über Mimik rüberbringen - etwa wie bei Lenas zweitem ESC-Finalauftritt mit "Taken By A Stranger". Doch wenn der Song nach vorne geht, dann muss das auch der Künstler tun. Nadav Guedjs Song "Golden Boy" wurde wegen des Tanzes in Wien 2015 zum absoluten Fan-Liebling und am Ende Neunter. Donatan & Cleo haben für Polen bei "My Słowianie - We Are Slavic" 2014 in Kopenhagen völlig zu recht tief ins Butterfass gegriffen. Eine selbstironische Performance, die hängen blieb.

Deutschland entwickelt sich

Jamie-Lee steht auf der Bühne der Globe-Arena. © NDR/Rolf Klatt Fotograf: Rolf Klatt

Die vermeintliche Verkleidung als Manga-Mädchen haben 2016 die Final-Zuschauer nicht verstanden.

Auch Deutschland zeigte in den letzten Jahren schon positive Ansätze. Ann Sophie etwa gewann beim Clubkonzert die Wildcard für den Vorentscheid, räumte bei ihrem Auftritt noch selbst ihren Mikrofon-Ständer zur Seite, um mehr Platz zum Tanzen zu haben. Eine total sympathische Geste, die auch in Wien vielleicht das eine erinnerbare Detail gewesen wäre. Ein Jahr später gestalteten Kulturstudierende der Universität Hildesheim den Zauberwald von Jamie-Lee - sicherlich eine gute Idee. Doch Jamie-Lees vermeintliche Verkleidung im Manga-Outfit haben 2016 im Stockholmer Finale wohl zu viele Zuschauer nicht verstanden. Zu wenige wussten, dass Sängerin diesen Stil auch privat trägt. Allerdings ist das Zurückgreifen auf externe Hilfe durchaus lobenswert. 2018 wird sogar schon der Vorentscheid von Fan-Experten bestückt. Und wenn dann noch der Auftritt gut geplant ist, und er diese eine Idee liefert, die hängen bleibt, fehlt neben einem frischen, sympathischen Künstler nur noch ein unverwechselbares Lied - und schon gibt es eine Top-Platzierung! Klingt doch eigentlich ganz einfach.

Dieses Thema im Programm:

Das Erste | Eurovision Song Contest | 12.05.2018 | 21:00 Uhr