Stand: 06.05.14 10:30 Uhr

Prognose für das erste Halbfinale

Aram Mp3 auf der Bühne bei den Proben zum 1. ESC-Halbfinale in Kopenhagen © eurovision.tv Foto: Sander Hesterman

Aram Mp3 eröffnet das Teilnehmerfeld mit einer von Pyrotechnik überladenen Bühnenshow.

Der erste Eindruck, den jeder Zuschauer haben wird, ob nun beim ersten Semi am Dienstag oder beim Grand Final am Samstag: Man wird den Bildern nicht ansehen, dass die B&W-Halle eigentlich inmitten eines Hafengeländes liegt, das mit dem Wort "Spielplatz für Autoschrauber und schöne Schrottfläche für alle anderen" nur ungenügend beschrieben ist. So wirkt sich die Illusionskunstder TV-Bilder immer aus: Alle Teilnehmer sollen schön und angemessen ins Bild gesetzt werden. Und hier meine Prognose für das erste Semifinale - auf Basis des Jury-Halbfinales Montagabend vor nicht ganz ausverkaufter Halle. Im Einzelnen: Aram Mp3 aus Armenien hat eine wirklich stark arrangierte Ballade zu bieten zum Auftakt - aber er versemmelt den Effekt, sich als Verzweifelter zu zeigen (“Not Alone”) durch viel zu krasse Pyroelemente. Feuerwerksvorführung vom Schlimmsten. Der deutsche Bäcker aus Riga kann den Saal, gegen alle Erwartungen, mit seinem flotten “Cake To Bake” charmieren. Beifall aus dem Publikum. Estlands Tanja bringt einen etwas öden Kreischpopsong - ihr "Amazing" möchte man nach 27 Sekunden aus dem Ohr pulen. Das klappt aber gut.

Feddersens Kommentar

Die große Probe in Bildern

Nervenflattern, Ausgelassenheit und Retrostyle

Sanna Nielsen erhält für ihr "Undo" Applaus im Pressezentrum, wie man hört. Sie singt es stark, aber kann den letzten Rest Nervosität nicht ganz ablegen. Leider noch nicht in Finalform, die Mitfavoritin. Islands Pollapönk sind die farbenfrohesten und zugleich albernsten ESC-Mitmacher des Jahres. Grelle Fingerfarbenkostüme, garniert von offenbar auch in Island momentan sehr modischen Vollbärten. Albanien hat so gar niemand auf dem Zettel, wenn es um das Finale geht: Hersi aber hat wirklich alles gegeben, selbst ihre Haare sind schönst frisiert, ihr Gesichtsausdruck stimmig. Und dann die russischen Tolmatchewy-Schwestern, die Notlösung des Landes. Sie waren echt spät zu diesem Jury-Halbfinale eingetroffen, erst 38 Minuten vor dem Auftakt, dafür im fertigen Make-up. Aber was soll scheinen, wenn sie "Shine" intonieren? Das ist buchstäblich Pop aus dem Regal von Waren mit abgelaufenem Haltbarkeitsdatum, schwerst Eighties. Nein, das ist nicht mein "Masterpiece Of Love". Außerdem: Kann man cremefarbene Outfits ernst nehmen?

Warum Gerätschaften auf der Bühne?

Als zweite im postsowjetischen Liederreigen nun Dilara Kazimova mit einer modernen Schnulze. Sie singt prima, ihre Haare fließen ihren Rücken hinunter, ein Bild in Rötlichkeit. Leider muss eine Artistin auf der Bühne Kunststücke vollbringen - das ist doch nicht nötig. Die Ukraine mit Rhönrad auf der Bühne - kaum zu fassen. Das Gerät lenkt leider von Maria Yaremchuk ab - immerhin ist ihre leicht triviale Hauptzeile (“Tick-Tock”) selbsterklärend genug. Keine Ahnung, warum Osteuropäer ihre Acts mit Schnickschnack überladen. Das ist kein Lied an sich, sondern ein Bewerbungsauftritt um eine Rolle in einem Musical. Belgiens Nachfahre in Sachen Heintje (“Mama”) oder des Monegassen Jean Jacques (“Maman”) gibt sein “Mother” in sehr guter Form - kein stimmlicher Aussetzer. Ist Axel Hirsoux der Paul Potts dieses ESC? Glaube ich nicht - im Pressezentrum wurden schadenfrohe Pseudotränen abgetupft. Cristina Scarlat aus Moldau hat frisurentechnisch die wolligsten Extensions zu bieten: Ihr “Wild Soul” changiert gelegentlich ins Schreien im Alt. Erster schwerer Windmaschineneinsatz.

Ralph Siegel sitzt am Klavier

Valentina Monetta, ach, was würde man es ihr gönnen, wenigstens beim dritten Mal ins Finale zu kommen. Aber von ihrem Lied abgesehen, das eher so plätschert als ergreift, ist doch auch die performative Ausstattung eher unspektakulär: Alles in pastösen Farben gehalten - immerhin ist ein Chor zu sehen, einer, der wenigstens nicht zugleich turnt. Highlight: Ralph Siegelsitzt selbst am Klavier. Über die sympathische Portugiesin Suzy muss nichts Böses gesagt werden. Doch ihr Lied hätte auch schon in den mittleren Siebzigern so gehört werden können. Mann oh Mann: Portugal hat uns so tolle Lieder geschenkt - warum nur seltenst beim ESC? Ein halbnackter Mann steht mit auf der Bühne, aber das rettet diesen Act auch nicht. The Common Linnets - drei Minuten gute Musik aus den Niederlanden, ein wenig Fleetwood Mac, eine Spur Connie Britton, etwas Ane Brun mit Sivert Höyem in “Lift Me”: Das ist mein schönstes Lied des Abends. Ohne viel Gebrummsel um Aufmerksamkeit bleibt ihr Singen cool und warm. Die Art, sich als Duo auf der Bühne zu platzieren ist völlig neu - sie stehen sich stetig gegenüber, die Mikrofone bringen sie näher zusammen, als dass sie sie trennen. Erfreulich!

Montenegro mit Ultra-Schmacht-Folk-Ballade

Der Montenegriner Sergej Ćetković belebt die schöne Tradition der balkanesischen Ultra-Schmacht-Folk-Ballade neu: Sein “Moj svijet” ist wie "Lane Moje"2004, nur variiert. Die Rollschuhläuferin, die unentwegt um ihn herumkurvt, macht es nicht besser als gut. Der Ungar András Kállay Saunders geht mit viel Vorschusslob in diesen ESC. Wer darauf hinweist, dass sein Lied von Kindesmissbrauch handelt, darf offenbar mit moralischen Pluspunkten rechnen. Mir allerdings ist das Ding zu überladen. Tänzer und Tänzerin spielen Gewalt nach, am Klavier ist auch was los ... Nein, das ist irgendwie nix. Meine persönlichen Lieblingslieder sind die aus den Niederlanden, aus Schweden, Albanien und Aserbaidschan.

Meine Prognose nun für den Weg ins Finale lautet: Weiterkommen werden Armenien, Lettland, Schweden, Albanien, Aserbaidschan, die Ukraine, Belgien, die Niederlande, Montenegro und Ungarn. Estland, Island, Russland, Moldau, San Marino und Portugal müssen nach Hause fahren.

Dieses Thema im Programm:

Das Erste | Eurovision Song Contest | 10.05.2014 | 21:00 Uhr