Stand: 27.04.15 10:00 Uhr

ESC-Rückblick: Das geniale Irland

Johnny Logan sitzt auf dem Boden und singt nach dem ESC-Sieg seinen Titel noch einmal. © picture-alliance / dpa Foto: epa Lehtikuva

Johnny Logans Karriere war ins Schleppen geraten - mit seinem zweiten ESC-Sieg 1987 schiebt er sie wieder kräftig an.

1987 fasste ein Ire den Entschluss, die lahmende Karriere etwas aufzufrischen. Das hatte doch schon mal geklappt. Damals, 1980 in Den Haag, als er mit "What’s Another Year" siegte - sieben Jahre darauf sollte er es abermals schaffen. In Brüssel, Austragungsort nach dem ersten belgischen Sieg durch Sandra Kim, war gegen ihn kein Kraut gewachsen: Johnny Logan.

Irland hatte im Übrigen immer schon überdurchschnittlich gut beim ESC abgeschnitten. Dana hatte für die grüne Insel erstmals 1970 gewonnen, zehn Jahre später war es Johnny Logan, der in seinem Land die ohnehin starke Popularität des Contests noch steigern konnte. 1992 trat Logan abermals an, ließ sein "Why Me?" aber von Linda Martin singen, die Zweite von 1984. Sie wollte unbedingt einmal die ESC-Königin sein. Logans Titel, ein klassischer Schmachtfetzen mit den üblichen Themen (Liebe, Sehnsucht, Dankbarkeit), machte es möglich.

Drei Siege in Folge

Eimear Quinn beim Grand Prix d'Eurovision 1996 © Eimear Quinn

Eimear Quinns Song "The Voice" ist ein Querschnitt der irischen Liedkunst.

Was keiner damals wissen konnte: Irland gewann nach 1992 in den beiden nächsten Jahren ebenso. Wie es heisst, soll das sehr stark werblich für dieses eher verregnete Land gewirkt haben, vor allem im Hinblick auf Urlaubsplanungen. Niamh Kavanagh (1993, diesmal nicht in Dublin, sondern in Millstreet) und Paul Harrington und Charlie McGettigan (zwei Männer am Klavier, das gab es noch nie beim ESC) hatten ihre Nasen vorn. 1996 schließlich Eimear Quinn in Oslo mit "The Voice". Letzteres eine Karikatur aller irischen Liedentwürfe: keltisch anmutender Klang, weder zu schnell noch zu langsam, starke, aber eher hauchende Vokalisen - das war der eurovisionäre Kompromiss.

Darüber hinaus war genau an diesem Klang gut zu studieren, wie sehr das Orchester bei einem Grand Prix Eurovision an Bedeutung eingebüßt hatte - lange vor der Abschaffung der liveinstrumentellen Begleitung. Die allermeisten Lieder kamen mit sogenannten Backing Tracks zur Performance. Sah man Gitarren, Geigen oder anderes Gerät auf der Bühne, wurden deren Töne in der Livedarbietung simuliert. In Wirklichkeit kamen sie vom Band. Es war der erste Schritt der Anerkennung von komplizierten Produktionsbedingungen, die es bei modernen Popstücken immer mehr gab. Von einem Orchester waren die kaum noch vom Blatt nachzuspielen. 1990, bei dem spanischen Duo Azucár Moreno, kam es gleich zum Auftakt des Finales zur Panne, weil beim Rhythmusplayback der Dirigent mit dem Orchester den Einsatz verpasste. 1990 war mit Jugoslawien ein Land Gastgeber, das es 1993 schon nicht mehr geben sollte: Resultat der politischen Erschütterungen in Ost- und Südeuropa.

Neue Länder beim ESC

Die norwegische Gruppe Secret Garden nach ihrem Sieg beim ESC 1995. © picture-alliance / dpa Foto: epa PA

Die Norweger Secret Garden gewannen 1995 mit einem Song, der typisch irisch klang.

Doch mit Island (seit 1986) und Malta (1991 erstmals seit den Siebzigern wieder dabei) kamen auch neue Länder in die ESC-Familie. 1993 wurden es dann durch die Osteuropaöffnung noch mehr. Zunächst drei postjugoslawische Länder, schließlich 1994 u.a. mit Russland, Litauen und Lettland erstmals auch Länder der früheren Sowjetunion. In Skandinavien, zumal durch den Sieg der Norweger von Secret Garden (wobei "Nocturne" 1995 auch ein Sieg Irlands hätte sein können - es klang jedenfalls so), war der ESC so populär wie nie.

Etliche Stars sind aus jener dritten Dekade des ESC geboren oder reanimiert worden, etwa der Italiener Toto Cutugno 1990 oder die Schwedin Carola, die 1991 gewann. Den meisten Ruhm erntete in dieser Zeit jedoch die irische Tanzformation Riverdance, die 1994 den Interval Act beim ESC gab und nach dieser Performance zu einer Weltkarriere kam.

Nicht zu vergessen Céline Dion. Die Frankokanadierin startete 1988 für die Schweiz. Ihr "Ne partez pas sans moi" war ein leidlich erfolgreiches ESC-Siegeslied. Als die Sängerin 1989 in Lausanne als Vorjahresgewinnerin auftreten durfte, wurde sie von amerikanischen Pop-Managern dort entdeckt. Wenig später war sie, mit einer Fülle von Hits und millionenfach verkauften Tonträgern, die bestbezahlte Pop-Diseuse ihrer Zeit. Der ESC - eine Show, die Mitnahmeeffekte ermöglicht.

Meine Top 10 von 1987 bis 1996

  1. Umberto Tozzi & Raf: Gente di mare (Italien 1987, 3. Platz)
  2. Amina: Le dernier qui a parlé (Frankreich 1991, 2. Platz)
  3. Joëlle Ursull: White & Black Blues (Frankreich 1990, 2. Platz)
  4. Friderika Bayer: Kinek mondjam el vétkeimet? (Ungarn 1994, 4. Platz)
  5. Niamh Kavanagh: In Your Eyes (Irland 1993, 1. Platz)
  6. Birthe Kjær: Vi maler byen rød (Dänemark 1989, 3. Platz)
  7. Ingeborg: Door de wind (Belgien 1989, 19. Platz)
  8. Anabela: A cidade (até ser dia) (Portugal 1993, 10. Platz)
  9. Mia Martini: Rapsodia (Italien 1992, 4. Platz)
  10. Tommy Nilsson: En dag (Schweden 1989, 4. Platz)

Dieses Thema im Programm:

Das Erste | Eurovision Song Contest | 09.05.1987 | 21:00 Uhr