Kommentar

Stand: 13.11.19 17:00 Uhr

Ungarns ESC-Rückzug: Es geht ein Land mit Relevanz

Für Ungarn steht Joci Pápai mit "Az én apám" auf der ESC-Bühne. © eurovision.tv Foto: Andres Putting

Joci Pápai ist bis auf Weiteres Ungarns letzter ESC-Kandidat.

Die Europäische Rundfunkunion hat die Liste mit den 41 Teilnehmerländern für Rotterdam veröffentlicht. Neben Montenegro wird auch Ungarn nicht am Eurovision Song Contest 2020 teilnehmen. Damit wiederholt sich Geschichte: Zuletzt konnte sich Ungarn in Moskau 2009 mit Zoli Ádok nicht für das ESC-Finale qualifizieren und nahm daraufhin 2010 in Oslo nicht teil - aus finanziellen Gründen. Nun, zehn Jahre später, ereilte Joci Pápai das gleiche Schicksal. Er überstand in Tel Aviv das Halbfinale nicht und für das Jahr darauf sagt Ungarn die Teilnahme ab. Dabei war Ungarn in den letzten Jahren insgesamt sehr erfolgreich. Zwischen 2011 und 2018 schaffte es das Land in jedem Jahr, sich für das Finale zu qualifizieren. Nur eine Platzierung unter den Top Drei hat Ungarn noch nicht erreicht. Dabei war man bei der ersten Teilnahme kurz davor.

Ungarn erfolgreich bei erster ESC-Teilnahme

Friderika Bayer aus Ungarn © NDR Foto: Patricia Batlle

Ungarns erfolgreichste ESC-Teilnehmerin, Friderika von 1994, tritt 2013 bei einem Fantreffen auf.

Ungarns Debüt beim ESC 1994 in Dublin sollte mit dem bis heute besten Ergebnis des Landes enden. Die zarte Ballade "Kinek mondjam el vétkeimet" ("Wem kann ich meine Sünden beichten") von Sängerin Friderika landete auf Platz vier. Die Sängerin blieb dem ESC verbunden: 19 Jahre später trat sie bei einem Treffen des Fanclubs OGAE in München auf. Schon im Jahr zuvor wollte Ungarn beim ESC dabei sein, scheiterte aber in der Vor-Qualifikation. In den 90ern war Ungarn nicht mehr so erfolgreich, nahm von 1999 bis 2004 nicht am Wettbewerb teil. Erst in Kiew 2005 meldete sich das Land zurück. Mit "Forogj Világ", einem Weltmusik-Popsong mit ausgeflipptem Stepptanz, erreichte die Gruppe Nox Rang 12.

Ungarns Songs überzeugten die ESC-Fans

Der Sänger von ByeAlex auf der Bühne beim ESC 2013. © NDR Foto: Rolf Klatt

Der Song "Kedvesem" von ByeAlex erhält 2013 zwölf Punkte aus Deutschland.

Am Anfang dieses Jahrzehnts gelang es Ungarn, Beiträge zum ESC zu schicken, die ganz besonders von den Fans geliebt wurden. Der Discoschlager "What About My Dreams" von Kati Wolf wurde 2011 in Düsseldorf zwar nur 22., ist aber bis heute ein großer Fan Favorite und wird auf vielen ESC-Partys gespielt. Wolf selbst tritt noch immer bei ESC-Events auf. Im Jahr 2012 startete das ungarische Fernsehen die Show "A Dal" - bis einschließlich 2019 ungarischer Vorentscheid und für seine hohe musikalische Qualität bekannt. 2013 gewann Sänger ByeAlex alias Alex Márta die Show. Der studierte Philosoph erreichte Platz 10 beim ESC. Sein "Kedvesem" ist ein lyrischer, träumerischer Song, der im Internet vielfach gecovert und parodiert wurde, unter anderem von der deutschen YouTuberin Coldmirror. Zum bisher einzigen Mal erhielt Ungarn 2013 zwölf Punkte aus Deutschland.

Gesellschaftspolitische Songs für den ESC

In den nun folgenden Jahren wurden die Songs aus Ungarn ernster und relevanter - sei es aus gesellschaftlicher oder musikalischer Sicht. 2014 sang András Kállay-Saunders im selbst geschriebenen Song "Running" über das Thema Kindesmissbrauch und wurde Fünfter. In Ungarn löste der Song nach Kállay-Saunders' Sieg bei "A Dal" eine Debatte über dieses Tabuthema aus. Ein Jahr später, 2015 in Wien, schickte das Land mit "Wars For Nothing" von Sängerin Boggie eine Friedenshymne. Nun sind Lieder über den Frieden beim ESC fast so alt wie der Wettbewerb selbst. Doch Ungarns Song war keine der vielgehörten Powerballaden dazu - im gleichen Jahr wurde Polina Gagarina aus Russland mit genau so einem Song Zweite. Boggie sang extrem ruhig, teilweise a cappella, mit eindrücklichem Text und Inszenierung. Ironie des ESC, dass direkt nach "Wars For Nothing" ein Song namens "Warrior" startete.

Rock und Roma in den vergangenen Jahren

Örs Siklósi auf der Bühne in Lissabon. © NDR Foto: Rolf Klatt

AWS werden 2018 zuerst in Lissabon und später in Wacken gefeiert.

2018 in Lissabon war "Viszlát nyár" von der Gruppe AWS ein musikalisches Erweckungserlebnis. Ein lauter, rockiger Metal-Song stand im ESC-Finale - selbst Lordi, die finnischen Sieger von 2006, wirkten neben AWS' Sound wie zahme Monster. Die Veranstalter des Wacken Open Air riefen dazu auf, für AWS abzustimmen. Ohne die acht Televoting-Punkte aus Deutschland hätten AWS das Finale tatsächlich verpasst. Im August 2018 trat die Band in Wacken auf. 2017 und 2019 vertrat Joci Pápai Ungarn beim ESC. Als erster ungarischer Teilnehmer aus der Volksgruppe der Roma wurde er ein Gesicht eines toleranten Landes, wenngleich die Roma dort noch immer diskriminiert werden. 2017 schaffte er einen tollen achten Platz. Dass Joci Pápai 2019 das Halbfinale nicht überstand, ist eine der größten Überraschungen von Tel Aviv. Er gewann die Show "A Dal" als Einziger zwei Mal. Die Show wird weitergehen, als Vorentscheid dient sie aber nicht mehr. Der Sieger soll durch den Sender gefördert werden und bei ungarischen Musikfestivals auftreten. Ein Großteil Europas hat dann nur leider nichts mehr davon.

Dieses Thema im Programm:

NDR Blue | ESC Update | 30.11.2019 | 19:05 Uhr