Kommentar

Stand: 22.04.20 13:24 Uhr

Spanische Online-Party: Die Krise als Stärke

Australiens ESC-Kandidatin Montaigne singt in eine Pfeffermühle.  Foto: Screenshot

Montaigne aus Australien verleiht ihrem Song mit einer Pfeffermühle mehr Würze.

Coronazeit heißt, Zeit kreativ zu werden. Das mussten auch die Organisatoren von Eurovision-Spain, die jedes Jahr die Preparty in Spanien veranstalten. Eine zweitägige Feier mit tausenden Menschen in Madrid hätte es werden sollen, doch innerhalb nicht einmal eines Monats wurde umdisponiert und die "PreParty ES at home" an Ostersamstag ins Leben gerufen. Und man muss den Organisatoren gratulieren - insgesamt 27 Künstler waren dabei, 21 von ihren hätten 2020 in Rotterdam antreten sollen. Alle Künstler konnten ein bis zu achtminütiges Video mit ein oder zwei Songs einreichen. Sie filmten sich meist selbst beim Singen und gaben Einblicke in ihre Wohnzimmer oder Tonstudios, mit allem was dazu gehört. Nicht alle haben zum Beispiel ein Mikrofon, so auch nicht die erste Sängerin Barei, die Spanien 2016 repräsentierte. Deshalb klingt auch ihre Performance von "Say Yay!" ein wenig nach Karaoke zu sich selbst, weil der Ton natürlich nicht gut gemischt sein kann. Ein Problem, das einige Künstler haben, die sich dazu entscheiden, zu Playback zu singen. Auch Montaigne aus Australien hat kein Mikrofon. Sie singt dafür mit Elan in eine Pfeffermühle.

Lesley Roy zeigt professionellen Auftritt

Die Irin Lesley Roy singt mit einer Gitarre ihren ESC-Song.  Foto: Screenshot

Lesley Roy aus Irland zeigt sich bei ihrem Clip für die spanische Preparty gut ausgerüstet.

Lesley Roy aus Irland beweist schon seit Wochen, wie sehr sie sich mit dem ESC identifiziert. Auf Instagram postet sie Gespräche mit einigen Teilnehmern von 2020 wie Ben Dolic, Vasil, VAL und Senhit. Sie gehört zu den Künstlern, die sich für eine Akustikperformance entschieden haben und hat für ihren Auftritt sogar Kopfhörer und ein richtiges Mikrofon parat. Im Hintergrund auf einem Bildschirm prankt das PreParty-Logo. Ihr "Story Of My Life" klingt nur zur Gitarre zwar etwas kraftlos, aber gut. Das Gegenteil folgt direkt darauf: Vasil aus Nordmazedonien sitzt nur vor einer weißen Wand. Seine Performance von "You" zum selbst gespielten Klavier ist mal viel zu laut, mal viel zu leise. Spaß hat er aber sichtlich in seiner Wohnung in Strumica. Das zeigt sich auch in dem Medley aus Beiträgen von Kaliopi, Tamara Todevska, Netta und Azúcar Moreno, das er anschließend performt.

Ben Dolic mit reduzierter aber cooler Performance

Deutschlands ESC-Kandidat Ben Dolic vor einer weißen Wand.  Foto: Screenshot

Ben Dolic performt "Violent Thing" souverän und locker.

Auch der deutsche Kandidat Ben Dolic hat sich für die weiße Wand im Hintergrund entschieden. Seine Performance wirkt aber ungleich cooler, was daran liegt, dass er sich traut, sich zu bewegen. Und nicht nur das violette Hemd sorgt für die benötigte Farbe in dem Auftritt. Wie gut er "Violent Thing" live performen kann, hat er schon mehrfach gezeigt - etwa in der Show "Unser Lied für Rotterdam". Und auch bei der Online-Preparty kommt der Vibe des Songs rüber. Direkt nach ihm ist Gjon’s Tears aus der Schweiz dran, mit dem sich Ben Dolic auch privat sehr gut versteht. Er hat allerdings das gleiche Video nach Spanien geschickt, das Fans auch schon beim "Eurovision Home Concert" von ihm sehen konnten.

Benny Cristo überrascht mit Corona-Song

Der Tscheche Benny Cristo liefert eine der überzeugendsten Performances. Er spielt währenddessen ein Video seines Gitarristen ein, der zur Zeit in der Slowakei ist. Benny Cristo beweist, dass akustisch nicht immer leise und langsam bedeuten muss und zeigt, dass "Kemama" - in den Wetten zum ESC 2020 nie hoch gelistet - tatsächlich auch nur zur Gitarre funktioniert. Sein zweiter Song, "Lockdown Love" ist extra zu der Coronakrise entstanden. In kleinen Einspielern sieht man, wie Benny Cristo über Videochat mit Leuten auf der ganzen Welt spricht, etwa mit Wiwiblogger und Songchecker William Lee Adams in London.

Auftritte in Couchlandschaft und mit Spielzeugtrommel

Die litauische Band The Roop performt "On Fire" in einem Studio.  Foto: Screenshot

Den schon berühmt gewordenen Tanz von "On Fire" zeigen The Roop aus Litauen im Sitzen.

Die Stärke dieses Abends liegt zweifellos in der Kreativität der Interpreten, die einige Einblicke liefern, die man sonst sicher nie gesehen hätte. Etwa, wie Samanta Tīna aus Lettland ihr "Still Breathing" in weißer Couchlandschaft und auf hochhackigen Schuhen tanzend performt und für ein mystisches Cover von "Euphoria" einfach das Licht im Wohnzimmer ausschaltet. Oder wie Vaidotas Valiukevičius von The Roop seinen bekannten Tanz einfach im Sitzen macht. Die Organisatoren sorgen außerdem für eine gute Abwechslung aus schnellen und langsamen, technisch sauberen und unsauberen sowie mit einer oder mehreren Kameras gefilmten Performances. Hurricane aus Serbien singen das sonst sehr überladene "Hasta la vista" gleich a cappella - nicht die schlechteste Idee. Und Natalia Gordienko covert "My Number One" und den Klassiker "Nel blu, dipinto di blu (Volare)" mit Spielzeuginstrumenten wie Schellenkranz, Akkordeon, Trommel und sehr viel Ironie. Auch wenn allen Songs ohne Bühne und richtige Produktion etwas fehlt: All das passt zu diesem Abend, an dem es vielleicht keine "Party" im engeren Sinn gibt, aber ein langes und vielfältiges Konzert, dem das Herzblut der Macher stets anzusehen ist. Nur dass der spanische Kandidat Blas Cantó zwar zwischendrin zu sehen ist, auf der spanischen Preparty aber selbst nicht singt, bleibt rätselhaft.

Nachtrag: Eine Woche nach dem Konzert hat Blas Cantó bekanntgegeben, unter Panikattacken zu leiden. Schon im Jahr 2015 sei er davon betroffen gewesen. Nun hätte er wieder gleiche Symptome gezeigt. Er habe sich außer Stande gesehen zu singen - bald werde es ihm aber sicherlich wieder besser gehen, so der Spanier.

Dieses Thema im Programm:

NDR Blue | ESC Update | 25.04.2020 | 19:05 Uhr