Kommentar

Stand: 10.02.20 09:30 Uhr

ESC-Act durch Jurys - der Weg an die ESC-Spitze?

ARD Unterhaltungskoordinator Thomas Schreiber lächelt in die Kamera. © NDR Foto: Claudia Timmann

ARD-Unterhaltungskoordinator Thomas Schreiber sagte schon in der Finalnacht 2019, die Art und Weise, einen Act zu finden, müsse überdacht werden.

"Zu sagen, wir machen weiter wie bislang, wäre sicherlich der falsche Weg." So äußerte sich ARD-Unterhaltungskoordinator Thomas Schreiber direkt nach dem ESC 2019 in Tel Aviv - und nun ist klar, was sich ändern wird. Deutschland wird für den ESC 2020 in Rotterdam keinen Vorentscheid austragen. Der ESC-Act wird intern nominiert, eine Experten- und die Eurovisionsjury stimmen über ihn ab. Der NDR und das Publikum wählen nicht. Das ist ein Risiko, und mit Sicherheit finden diesen Schritt viele ESC-Fans nicht gut. Dennoch bietet diese Experten-Auswahl Chancen. Und es scheint, dass interne Nominierungen in vielen Ländern immer populärer werden.

Interne Nominierung international im Aufschwung

Zuerst ein Blick auf die Fakten: Noch immer gibt es deutlich mehr Vorentscheide als interne Nominierungen, allerdings steigt die Zahl der Länder, die auf eine Vorentscheidsshow verzichten. 2019 wurden noch zwölf Acts direkt bestimmt, also komplett ohne Voting zu Interpret oder Titel. 2020 werden es voraussichtlich 16 sein. Besonders die Länder, die direkt im Finale gesetzt sind, nominieren intern. Gastgeber Niederlande macht das seit Jahren. Neben Deutschland kehren auch Großbritannien (UK), Spanien und Frankreich zur internen Nominierung zurück. Lediglich Italien fand Diodato durch das Sanremo-Festival, wobei auch diese Show kein reiner Vorentscheid ist. An den fünf Abenden von Sanremo nehmen auch Künstler teil, die nicht zum ESC fahren wollen. In der Vergangenheit wurde der Sieger lediglich gefragt, ob er Italien vertreten wolle - von 2020 an müssen die Künstler dies vorher schon festlegen.

Die erfolgreichsten Acts werden intern nominiert

Für die Schweiz steht Luca Hänni mit "She Got Me" auf der ESC-Bühne. © eurovision.tv Foto: Thomas Hanses

Luca Hänni wurde 2019 von der Schweiz intern ausgewählt und schaffte das beste Ergebnis seit 1993.

Dass mehr Länder auf einen Vorentscheid verzichten, hat natürlich praktische Gründe. Eine oder mehrere Vorentscheidsshows sind teuer, Erfolg beim ESC ist nicht garantiert. Das ist er zwar nie - es sieht aber so aus, als ob in letzter Zeit durch interne Nominierungen tatsächlich bessere Ergebnisse erzielt werden. Betrachtet man die ESC-Finalshows ab 2015, dann fällt auf: Vier von fünf Siegern wurden tatsächlich durch Vorentscheide ermittelt - nur der aktuelle, Duncan Laurence aus den Niederlanden, entspringt einer internen Wahl. Öffnet man aber den Blickwinkel, ergibt sich ein anderes Bild. Die jeweils bestplatzierten vier Acts der vergangenen fünf Jahre waren zum größeren Teil interne Nominierungen. Acht aus 20 kamen durch Vorentscheide, zwölf mussten sich intern durchsetzen. Besonders beachtlich, wenn man bedenkt, dass ja auch von 2015 bis 2019 noch immer wesentlich mehr Länder Vorentscheide nutzten. Das deutsche ESC-Modell für 2020 ist nahezu identisch mit dem Schweizer Weg, der 2019 bei Luca Hänni endete. Hänni erreichte mit Rang vier in Tel Aviv das beste Schweizer Ergebnis seit dem ESC 1993. Er bestätigte, dass er sich keinem Vorentscheid gestellt hätte. Auch die neuen deutschen ESC-Verantwortlichen sagen, dass zu viele gute Künstler in Deutschland eine eventuelle Niederlage im Vorentscheid scheuen.

Interne Nominierungen können überraschen

Österreich: Conchita Wurst © NDR Foto: Rolf Klatt

Conchita Wurst konnte den ESC 2014 nur gewinnen, weil sie intern nominiert wurde. 2012 noch unterlag sie im Vorentscheid.

Befürworter des internen Weges sagen häufig, intern könnten sich speziellere, mutige Titel eher durchsetzen als in Vorentscheiden. Schließlich müssten Songs massenkompatibel sein, um so eine Show zu gewinnen - und häufig siege der kleinste gemeinsame Nenner. Die Frage nach der Qualität eines Songs ist natürlich schwierig, häufig ist diese ja subjektiv. Bei manchen Vorentscheiden kann man sich aber fast schon sicher sein, was man bekommt. Salopp gesagt: Schweden schickt einen perfekt produzierten Popsong, Albanien eine Frau mit einer Ballade. Ausnahmen bestätigen die Regel. Dass in vielen Vorentscheiden auch mittelmäßige, vielleicht ungeeignete ESC-Titel dabei sind, liegt in der Natur der Sache. Auch für die Entscheider in den Ländern ist es wesentlich schwieriger, fünf, acht, 16 oder 28 potenziell richtig gute ESC-Songs für den Vorentscheid zu finden, als sich auf einen zu konzentrieren. Interne Nominierungen können ein Wagnis sein. Dazu gehört natürlich das Scheitern. Österreich etwa wählte mit Paenda 2019 eine interessante, sehr talentierte Künstlerin. Der Song "Limits" war in seiner Bedecktheit aber einfach kein ESC-Song. Im Jahr zuvor allerdings holte Cesár Sampson für viele überraschend in Lissabon Platz drei. Siegerin Conchita Wurst wurde 2014 intern nominiert, nachdem sie 2012 im Vorentscheid scheiterte. Bulgarien fährt, nachdem man 2016 den Vorentscheid abgeschafft hat, sogar regelmäßig gute Ergebnisse ein. Konnte man sich in all den Jahren zuvor nur einmal fürs Finale qualifizieren, hat es seit 2016 jedes Jahr geklappt.

Auch mit Vorentscheid häufig keine reine Publikumswahl

Die Gewinnern des rumänischen Vorentscheids, Ester Peony, hält ihre Arme in die Luft. © Facebook Eurovision Romania

Beim rumänischen Vorentscheid 2019 zählten alle Zuschauerstimmen nur zu 14 Prozent. Ester Peonys Sieg war umstritten.

Der wohl härteste Vorwurf bei einer Abschaffung des Vorentscheids ist: Es sei doch undemokratisch, wenn nur wenige den Song für ein Land wählen. Das mag stimmen, ist allerdings in vielen Ländern gar nicht so entscheidend. Auch beim Eurovision Song Contest wird nicht alles auf das Televoting gesetzt. Hier entscheidet eine Jury zu 50 Prozent mit. Selbst in Ländern mit Vorentscheid entscheidet häufig nicht das TV-Publikum alleine. Häufig gibt es ein Juryvotum, immer öfter ist die Jury sogar international besetzt. Beim schwedischen "Melodifestivalen" zählten 2019 acht Jurymitglieder aus acht Ländern genauso viel wie alle Zuschauer. Im rumänischen Vorentscheid zählten die Zuschauer nur zu 14 Prozent. Beim albanischen "Festivali i Këngës" wurde Arilena Ara für 2020 sogar ausschließlich durch Jurys ausgewählt, obwohl es drei TV-Shows gab.

Bereits zehn interne Nominierungen in Deutschland

In Deutschland wurde zuletzt 2011 Lena für den ESC in Düsseldorf intern nominiert, die Zuschauer bestimmten in drei TV-Shows lediglich den Song. Die letzte komplett interne Nominierung war Alex Swings Oscar Sings! für den ESC 2009 in Moskau. Seit 1956 hat Deutschland bislang nur zehn Mal auf eine interne Nominierung gesetzt. Dennoch kann man sich fragen, ob die Zuschauer - abseits der ESC-Fans - wirklich einen Vorentscheid erwarten. Seit 2016 ist die Einschaltquote rückläufig. Und nur wegen einer Vorentscheidswahl steht kaum ein Land Europas zwangsläufig hinter dem gewählten Künstler. Er muss mit seinem Auftreten und seinem Song überzeugen. Möglicherweise kann man den ESC mit anderen internationalen Wettbewerben vergleichen. Bei einer Fußball-Weltmeisterschaft gibt es vorher auch kein Telefonvoting über die Spieler - und so sportlich sollte man den ESC 2020 auch sehen. Es fehlt eine Show im Februar - aber vielleicht entsteht dadurch etwas Großes für den Mai.

Dieses Thema im Programm:

NDR Blue | ESC Update | 29.02.2020 | 19:05 Uhr