Stand: 26.05.19 22:19 Uhr

Marcel tov - Ekstase im Pressezentrum, Skandal um Weißrussland

Beim Eurovision Song Contest geht es um Können, den richtigen Moment und auch ein kleines bisschen Glück. Wir wünschen allen Acts des ESC in Tel Aviv natürlich viel Glück - oder auf hebräisch: masel tov. Und da ich Marcel heiße, und wir dieses Wortspiel auf gar keinen Fall liegen lassen konnten, heißt dieser Blog hier "Marcel tov". Auf nach Tel Aviv!

Sonntag, 19.05.2019

Stefan Spiegel, Mairena Schuster, Duncan Laurence, Alina Stiegler, Marcel Stober und Joshua Zonnekein (v.l.)  Foto: Claudia Timmann

Wir beduncan uns beim Niederländer für dieses schöne Teamfoto mit ihm.

14:15 Uhr. Und dann ist auch schon wieder alles vorbei. Zwölf wahnsinnig intensive Tage in Israel sind zu Ende. Wir haben Tel Aviv kennengelernt - in Taxis, in Hotels, an Stränden, auf Märkten, in Restaurants, im Meer, auf der Expo, in einem Heißluftballon. Wir haben die Künstler kennengelernt, haben mit Serhat gesungen, mit Lake Malawi Kopfstand gemacht und mit KEiiNO Liederraten gespielt. Wir haben backstage mit ihnen gelitten und im Pressezentrum mit ihnen gefeiert. Der ESC hat wieder einmal einen Kontinent für eine Woche näher zusammengebracht - und das in einer Stadt, die den Song Contest verdient hat. Erst heute lief im israelischen Taxiradio wieder "Dschinghis Khan". Der ESC 2020 in den Niederlanden wird anders, mit Sicherheit. Aber es wird eine Zeit, auf die ab jetzt hingefiebert werden darf. Masel tov!

Duncan Laurence auf der ESC-Bühne. © Ilia Yefimovich Foto: Ilia Yefimovich

Duncan freut sich über die ESC-Trophäe - und das ganze Pressezentrum freut sich mit ihm.

02:45 Uhr. Nach der ESC-Show wird mir ein großer Traum erfüllt. Ich darf - zumindest im Livestream bei eurovision.de - einmal die deutschen Televoting-Punkte verlesen. Zwölf Punkte aus dem Televoting gehen an Norwegen, zehn an die Schweiz, acht an Russland. Auf die weiteren Plätze kommen die Niederlande, Italien, Australien, Dänemark, Slowenien, Island und Schweden. Jetzt wird in Tel Aviv das Highlight-Video gedreht, zusammen mit den Kollegen in Hamburg die Seite überarbeitet und wenn noch Zeit ist, dann hat der Euroclub sicherlich auch noch auf. Es wird eine lange Nacht in Tel Aviv. Morgen steht allerdings um 13 Uhr (12 Uhr deutscher Zeit) noch das Frühstücksfernsehen mit Alina an!

02:00 Uhr. Die Niederlande gewinnen. Die Leute im Pressezentrum springen auf, jubeln, kreischen. Herzlichen Glückwunsch, Duncan Laurence! Verdient!

01:55 Uhr. Deutschland beendet den Eurovision Song Contest 2019 auf Rang 24. Ekstase im Pressezentrum bei den 291 Televoting-Punkten für Norwegen.

01:50 Uhr. Mit dem letzten Voting der Jurys überholt John Lundvik aus Schweden Tamara Todevska aus Nordmazedonien. Dennoch: Das ist ein enges Voting! Deutschland liegt auf Rang 21. Spanien ist Letzter. John Lundvik fängt im Interview im Green Room einfach an, sein Lied zu singen. Das muss nun auch nicht sein.

01:25 Uhr. Nordmazedonien führt in der Jurywertung und ist das erste Land, das eine dreistellige Punktezahl erreicht. Ich war vergangenes Jahr schon beim Votum für Cesár Sampson aus Österreich wahnsinnig überrascht - aber das wäre eine Sensation.

01:05 Uhr. Madonnas Auftritt beim ESC in Tel Aviv ist durch. Die Reaktion im Pressezentrum: verhalten. Und überhaupt ist diese Votingzeit doch sehr, sehr lang.

00:10 Uhr. Das Pressezentrum ist ihn Fahrt! Viele sehr gute Beiträge kommen heute doch zum Schluss. Bei Island wird mitgegrölt - soweit man Isländisch versteht, bei Frankreich gibt es Zwischenapplaus und das typische Klatschen bei "Soldi" aus Italien schallt hundertfach zurück. Nach dem Auftritt von Mahmood gibt es "Italia-Italia"-Sprechchöre. Am lautesten ist es aber bei der Performance des Spaniers Miki. Die Pressevertreter hüpfen auf den Gängen, schreien den Song mit und haben ganz offensichtlich auf so einen Partysong zum Abschluss gewartet.

Samstag, 18.05.2019

Schweden John Lundvik "Too Late For Love" ©     picture alliance/TT NEWS AGENCY Foto: Henrik Montgomery

Wenn John Lundvik lächelt, können auch die Vertreter im Pressezentrum nicht mehr an sich halten.

22:55 Uhr. Beim Schweden John Lundvik rastet das Pressezentrum zum ersten Mal richtig aus. Mitklatschen, Singen, Flaggen schwenken. Alle scheinen sich einig: Für Schweden wird es wieder einmal weit nach vorne gehen. Auch Serhat aus San Marino ist, wie schon im Halbfinale, ein Liebling der Pressevertreter - und er singt besser als noch gestern im Juryfinale. Dennoch ist er jetzt in den Wetten Letzter.

22:00 Uhr. Der Eurovision Song Contest 2019 beginnt. Wir sitzen im Pressezentrum zwischen Kollegen aus Frankreich und Island - vergangenes Jahr in Lissabon hatten wir lautstärketechnisch den Jackpot zwischen Israel und Zypern, den späteren Plätzen eins und zwei. Das Pressezentrum ist voll. Es gibt großen Applaus bei der Eurovisions-Hymne.

20:20 Uhr. Rund anderthalb Stunden vor dem Finale erreicht uns eine Knaller-Nachricht: Wie die EBU bestätigt, wird das Ergebnis der weißrussischen Jury nicht in die Finalwertung einberechnet werden. Der Grund: Alle fünf Juroren haben sich in einem Interview über ihr Abstimmverhalten während des ersten Halbfinales geäußert, was die EBU-Regeln klar verbieten. Statt des weißrussischen Juryergebnisses zählt nun im Finale am Abend eine statistisch ermittelte Punktevergabe - wohl vergleichbar wie auch regulär im Televoting von San Marino, bei dem zu wenig Menschen für ein Ergebnis mitmachen.

San Marinos Sänger Serhat im Pressezentrum von Tel Aviv.  Foto: Marcel Stober

Überraschung im Pressezentrum: Serhat aus San Marino kommt während des Family-Finales vorbei.

17:30 Uhr. Zeit, einen Blick auf die Wetten zu werfen. Australien auf Rang zwei und die Schweiz auf Rang drei haben mittlerweile die gleich hohe Siegchance, laut Buchmachern. Spannend wird es, ob Luca Hänni es noch schafft, Kate Miller-Heidke auf den letzten Metern vorm Finale zu überholen. Das Family-Finale wird immer absurder. Weil auch die Backstage-Schalten geprobt werden, die Künstler aber längst nicht mehr da sind, übernehmen Volunteers ihre Rolle, oder gleich die Moderatoren selbst. So läuft Host Assi Azar mit Mikrofon alleine durch den Green Room und spricht mit sich selbst. Am Tisch von Schweden wird eine der Volunteers als "Katerine from Greece" begrüßt. Und das hier ist die Gereralprobe der größten Fernsehshow der Welt.

16:05 Uhr. Das Family-Finale läuft soweit ohne Probleme. Radio-Bremen-Kollege Daniel Kähler hat sich bereit erklärt, mit mir zusammen die Plätze für eurovision.de zu verteidigen. Zu zweit ist das schonmal leichter. Die Delegation von San Marino läuft durch das Pressezentrum und verteilt "Say-Na-Na-Na"-Flüstertüten, die sehr gerne angenommen werden. Auch Serhat selbst kommt für ein Interview hierher.

Parkleitschilder in Tel Aviv am ESC-Finaltag mit der Aufschrift "Good Luck Kobi".  Foto: Marcel Stober

Selbst die Straßenschilder in Tel Aviv wünschen dem israelischen Kandidaten Kobi Marimi viel Glück.

14:50 Uhr. Mit dem Taxi geht es für mich jetzt schon Richtung Pressezentrum. Dort werde ich die nächsten zehn Stunden wohnen. Die Sicherheitskontrollen heute am Finaletag sind etwas schärfer als sonst. Mit einem freundlichen "Shalom, do you carry weapon?" werde ich am Eingang zur Expo begrüßt. Zweimal wird mein Rucksack durchsucht, einmal durchleuchtet - dann geht es ins Pressezentrum gerade rechtzeitig zum sogennanten Family-Finale, der letzten Generalprobe am Nachmittag, die ich hier an den Bildschirmen verfolge. Gleichzeitig versuche ich, Plätze für das Team freizuhalten, das erst in ein paar Stunden zur Halle kommen wird. Das machen alle - die Franzosen neben uns haben eine riesige Flagge ausgebreitet, die Dänen zwei Tischreihen vor mir, viele kleine Flaggen in Blumentöpfe gestellt. Ich habe immerhin meinen Cardigan in voller Breite über den Tisch geworfen. Noch ist es nicht voll hier, doch das wird sich sehr bald ändern.

Timebelle (Schweiz), Sunstroke Project (Moldau) und Imri Ziv (Israel, alle 2017) performen zusammen im Euroclub in Tel Aviv 2019.  Foto: Marcel Stober

Timebelle, das Sunstroke Project und Imri Ziv mit einer Hommage an ihren 2017er-ESC-Jahrgang im Euroclub in Tel Aviv.

04:20 Uhr. Alina und ich machen uns während der Interval Acts auf den Weg in den Euroclub, der heute in einer kleineren Location stattfindet als sonst. Paenda aus Österreich tritt auf, außer "Limits" hat sie noch zwei weitere, schnellere Songs dabei, die zeigen, was viele denken: "Limits" war vielleicht einfach die falsche Wahl für den ESC. Die Fans im Euroclub singen aber zur Freude von Paenda auch bei der Ballade mit. Danach wird es ein Klassentreffen aus Kiew 2017. Das Sunstroke Project aus Moldau - mitsamt den durch YouTube weltbekannt gewordenen "Epic Sax Guy" Sergey Stepanov, Timebelle aus der Schweiz und Imri Ziv aus Israel treten auf - nacheinander und dann noch gemeinsam! Das Sunstroke Project und Timebelle haben sogar einen Song zusammen aufgenommen. Zusammen mit Imri Ziv sorgen sie für ein kleines Highlight: Sie singen ein Medley aus einigen 2017er-ESC-Songs, auch ein paar Zeilen aus Levinas "Perfect Life" tauchen darin auf. Ein schönes Konzert und eine perfekte Einstimmung für den Finaltag, der jetzt begonnen hat!

Die australische Sängerin Kate Miller-Heidke © eurovision.tv Foto: Andres Putting

So sollte es eigentlich aussehen, doch irgendetwas stimmt im Juryfinale nicht mit den Haaren von Kate Miller-Heidke.

00:35 Uhr. Es ist der Tag des großen Finales von Tel Aviv, noch sitze ich aber mit Alina im Pressezentrum und sehe die Juryshow des Finales, in der das komplette Finale (bis auf Interval Act Madonna) schon einmal geprobt wird. Die Hälfte der Punkte, nämlich die der Jurys, werden heute vergeben. Umso ärgerlicher, dass bei Norwegens KEiiNO die Kameras spinnen. Für etwa 15 Sekunden stimmt nichts. Wir sehen Schwarzbild, Kameraleute im Bild, Hallentotalen statt der normal chroreografierten Kamerafahrten. Der norwegische Sender NRK legt bei der EBU daraufhin formale Beschwerde ein, doch diese wird abgelehnt. KEiiNO darf überraschenderweise nicht noch einmal starten. Auch nicht alles gut läuft bei Kate Miller-Heidke aus Australien. Eine ihrer Stränen verfängt sich in ihrer opulenten Krone und die ganze Zeit über hat sie eine sehr lustige Frisur, die ich aber leider auf den Monitoren im Pressezentrum nicht fotografieren darf. Ein Highlight, wie erwartet, wird der "Switch Song" im Interval Act, bei dem ESC-Größen Nummern anderer ESC-Stars covern. Vor allem, wie Eleni Foureira "Dancing lasha tumbai" singt, wird wahrscheinlich in die ESC-Geschichtsbücher eingehen.

Freitag, 17.05.2019

18:10 Uhr. Wir verbringen den Nachmittag am Strand - es ist allerdings erstaunlich bewölkt und windig, fast schon kalt für Tel Aviver Verhältnisse. Dafür sehen wir auf dem Rückweg zu unserer Wohnung gleich zwei alte ESC-Größen! Niemand geringeres als Måns Zelmerlöw geht an uns vorbei in ein Café und Jacques Houdek, der Komponist von Rokos "The Dream" steht im schwarzen T-Shirt am Strand. In der Wohnung geht das große Feilschen los, denn das Team macht wieder "Wir wissen, wer gewinnt". Unser Chef schwenkt von der Schweiz auf Australien um, das heißt, ich kann statt zu Malta, wie eigentlich geplant, zur Schweiz halten. Go, Loucü!

Serhat und die  Delegation aus San Marino im Greenroom beim ersten Halbfinale. © eurovision.tv Foto: Thomas Hanses

Die Delegation aus San Marino rund um Serhat hat uns eine große Flagge für eine Schalte ins ARD-Morgenmagazin ausgeliehen.

12:20 Uhr. Ja, der Wecker klingelt spät, aber viel Schlaf gab es trotzdem nicht. Ich schaue aufs Handy und lese gleich eine Menge Nachrichten, was alles noch online gehen soll. Sofort geht's ans Werk: Die Wettprognosen müssen aktualisiert, der Botschaftsempfang der S!sters aufbereitet werden, ein Video aus dem Morgenmagazin kommt ebenfalls auf die Seite. Heute ist wirklich klassische Schichtarbeit. Der Teil des Teams, der heute Morgen die Schalten gemacht hat, schläft entweder jetzt oder ist am Strand, ich hab es noch vor mir. Für die Schalte ins ARD-Morgenmagazin haben wir uns eine große San-Marino-Flagge von der san-marinesischen Delegation ausgeliehen, die wir langsam mal wieder zurückbringen sollten. Nach dem Strand-Dreh mit Serhat sind wir sehr freundschaftlich verbunden. Irgendwann wird sich das ganze Team heute am Tel Aviver Mittelmeer treffen und am Abend geht es ins Pressezentrum zum Juryfinale schauen. Aber das ist noch lang hin.

Für Nordmazedonien steht Tamara Todevska mit "Proud"  auf der ESC-Bühne. © eurovision.tv Foto: Andres Putting

Von der "White Night" habe ich nichts gesehen. Stattdessen: Fünf Mal Tamara Todevska aus Nordmazedonien.

05:15 Uhr. Heute ist "White Night" in Tel Aviv. Das heißt, die ganze Stadt feiert ausgelassen am Strand. Ich habe das Gefühl, unabhängig von weißen Nächten, passiert das hier öfter. Von der Party am Strand kriege ich nichts mit - von der Party in der Halle allerdings schon. Ich habe ein Ticket bekommen für das zweite Halbfinale an der Expo und sehe fast alle Siegesfavoriten dieses Jahres live. Nordmazedonien ist für mich die große Überraschung, an eine Finalqualifikation von Tamara Todevska habe ich nicht geglaubt, aber es freut mich. Nach der Show laufe ich schnell Richtung Pressezentrum, um mit Alina noch die Live-Nachberichte für eurovision.de zu machen. Hiernach trennt sich das Team. Viele gehen ins Bett, weil sie morgen früh raus müssen und Alina bei insgesamt vier Live-Schalten ins Erste unterstützen. Ich nicht. Ich sitze noch Stunden später am Laptop im Apartment und kümmere mich um die Startreihenfolge des Finales, die die EBU in der Nacht gegen 02:30 Uhr veröffentlicht hat. So schnell wie möglich schicke ich über unseren Whats-App-Newsletter die Nachricht rum, hole mir eine große Flasche Eistee und schreibe leicht angemüdet meine Analyse zu den Startplätzen. Mittlerweile zwitschern die Vögel schon wieder. Es wird heller in Tel Aviv.

Donnerstag, 16.05.2019

Zwei Portionen Schakschuka auf dem Markt in Tel Aviv.  Foto: Marcel Stober

Unsere Schakschuka-Portionen am Markt von Tel Aviv.

17:15 Uhr. Nach dem Interview mit Tamta geht es für uns auf den Markt, Mittagessen. Auf dem Weg dorthin treffen wir einen NDR Kollegen, der uns schon sagte, dass wir Glück hätten und der Markt nicht so voll sei. Wenn das stimmt, möchte ich ihn aber auch nicht voll erleben. Wir zwängen uns durch die eine engere Hauptgasse - rechts und links von uns Obst, Gemüse, Süßes, Falafel, Souvenirs, T-Shirts und Gewürze mit so verschiedenen Gerüchen, dass ich nicht weiß, wie ich sie beschreiben soll. Zum Essen gibt es Schakschuka - wohl das Nationalgericht Israels. Es besteht zum großen Teil aus Tomaten und Eiern und wir essen es direkt aus der Pfanne.

Marcel Stober steht neben Tamta, der zypriotischen ESC-Teilnehmerin. © NDR

Tamta lässt sich gerne fotografieren. Auch mit mir! Farblich passen wir auch ganz fantastisch zusammen.

15:30 Uhr. Tamta und ihr Team sind wahnsinnig sympathisch - und ihren deutschsprachigen Social-Media-Manager kennen wir noch von vergangenem Jahr. In Lissabon war er in gleicher Funktion bei der Griechin Yianna Terzi dabei. Von ihm bekommen wir ein großes Lob für unsere Biografie von Tamta, das wir demütig-bescheiden annehmen. Stefan unterhält sich lange mit dem Team über den Weg, wie genau Zypern an Eleni Foureira und Tamta als Kandidatinnen kam. Die Sängerin selbst lässt sich dabei von unserer Fotografin Claudia ablichten, und weil die Bilder so gut werden, machen die beiden gleich noch eine Session. Wir erfahren, dass Tamta gestern Abend nicht nur beim Wiwijam aufgetreten ist, wo wir sie gesehen haben, sondern vorher auch noch im Euroclub, wo auch Conchita Wurst gesungen hat. In ihrem Hotel habe es am Mittwoch eine große Überraschungsparty für die Delegation gegeben, mit der der Finaleinzug gefeiert wurde.

13 Uhr. Wir hören, dass das israelische Radio meldet, der Vertrag mit Madonna sei unterschrieben. Sie singe am Samstagabend im ESC-Finale "Like A Prayer" und ein neues Lied. Noch sind das aber alles Gerüchte. Das israelische Radio ist schon seit einer Woche im ESC-Modus. Ständig hören wir auf Hebräisch etwas von "Eurovizion", häufig im Taxi alte und neue ESC-Songs. Der Heimkandidat Kobi Marimi wird da genauso gespielt, wie die Isländer Hatari.

11:50 Uhr. Ich höre aus dem fernen Deutschland, dass es offenbar dort nur ein großes Thema gibt: Was ist eigentlich mit Madonna und ihrem Auftritt beim Finale? Mich schreiben unabhängig von einander zwei ehemalige Journalismus-Mitstudentinnen an, die jetzt bei einem Privatsender untergekommen sind, ob ich etwas über sie wisse. Auch hier ist Madonna immer wieder der Running Gag. Als wir Mikis Ukulele-Session mit "We have a little surprise for you" ankündigen, fragt dieser gleich ganz gespannt: "Madonna??" Was ich über sie weiß: Madonna ist in Tel Aviv, wohl seit gestern, und so ziemlich jeder hier weiß auch, in welchem Hotel. Auch wir haben dort schon einige Speeddates gedreht. Gestern soll sie unter Ausschluss der Öffentlichkeit an der Expo geprobt haben. Jon Ola Sand, der Chef des ESC, sagte aber auf einer Pressekonferenz, dass es noch keinen unterschriebenen Vertrag gebe - und ohne den keinen Auftritt. Die ganze Madonna-Sache ist reichlich kurios. Ich hoffe nur, dass sie nicht beim Finale allen Kandidaten des ESC die Show stiehlt, so wie Justin Timberlake in Stockholm 2016. Aber offenbar schafft sie das schon zuvor, ohne dass sie jemand gesehen hat.

Tamta bei einem Auftritt beim Wiwijam in Tel Aviv ohne Perücke.  Foto: Marcel Stober

Sie ist es wirklich: Zum emotionalen Höhepunkt des Wiwijams nimmt Tamta unter Applaus ihre Perücke ab.

03:50 Uhr. Die Party heute war fantastisch. Seit etwa Mitternacht ist das Team beim Wiwijam - einer Party im Theatre Club in Tel Avivs Altstadt Jaffa, die die Wiwibloggs, die größte ESC-Nachrichtenseite, organisieren. Leider verpassen wir um die Zeit schon etwa die Auftritte von Bilal Hassani und Miki, aber viele Highlights sollten noch kommen. Immer wieder gibt es Livemusik - der DJ wird nur wenig zwischendurch gebraucht. John Lundvik aus Schweden kommt direkt nach dem Jurysemifinale zum Wiwijam, gleiches gilt für KEiiNO aus Norwegen, die die Fans im Publikum unfassbar laut abfeiern. Victor Crone aus Estland tritt mit sichtbar großem Selbstvertrauen auf. Was eine Finalqualifikation für Sicherheit gibt. Auch Darude und Sebastian Rejman aus Finnland, die schon im Halbfinale eins rausgeflogen sind, und danach, wie ich höre, den Tränen nah waren, dürfen das Publikum wieder mit gleich drei Songs beglücken. Ich dachte, KEiiNO wären heute Abend absoluter Fanliebling, habe aber nicht mit dem Finale von Tamta aus Zypern gerechnet. Sechs Nummern spielt sie. Tamta und ihre vier Tänzer haben eine aufwändige Choreo einstudiert. Die Sängerin beginnt mit "Replay", emotionaler Höhepunkt ist aber ihr Cover von "Creep" von Radiohead. Sie nimmt dabei - sicher zur Verwunderung einiger im Publikum - ihre Haare vom Kopf und die blonde Frisur, die sie auch beim ESC trägt, entpuppt sich als Perücke. Einer im Publikum fragt mich: "Wie gibt man Standing Ovations, wenn man schon steht?" Tamta konnte zeigen, was für eine große Künstlerin sie ist - und in nur zehn Stunden treffen wir sie schon zum Interview.

Mittwoch, 15.05.2019

Alina Stiegler sitzt neben Mahmood, dem italienischen ESC-Teilnehmer. © NDR

Eine knappe Stunde mehr unfreiwillige Vorbereitungszeit hatte Alina vor dem Interview mit Mahmood aus Italien.

20:10 Uhr. Das Interview mit Mahmood ist durch. Das hätte es aber auch schon seit einer Stunde sein sollen. Alina klärte mit dem italienischen Head of Press auf Instagram den Termin um 19 Uhr in einer Interviewbox an der Expo. Das Problem: Die Proben des zweiten Semifinales sind durch die vielen Unterbrechungen immer noch nicht zu Ende. Wir sehen Mahmood auf einem Bildschirm, wie er "Soldi" singt und Interviews gibt. Nur leider nicht für uns. Wir bauen uns in dem Interviewraum mit unseren Kameras schon einmal auf, damit ja kein anderes Presseteam noch vor uns an Mahmood kommt. Während wir warten singe ich aus Langeweile (offiziell, um das Mikrofon zu testen) ein paar Klassiker der ESC-Geschichte in die Kamera. Das Team im Hotel, zu denen die Bilder live gesendet werden, ist erfreut. Als Stefan mit der Ukulele zu Mahmood kommt, sagt der Italiener: "You are a creepy guy", meint das aber freundlich als Kompliment. Sicher.

Für Malta steht Michela mit "Chameleon" auf der ESC-Bühne. © eurovision.tv Foto: Andres Putting

Richtig kreativ ist die Bühnenshow von Michela aus Malta. "Chameleon" bringt den Zuschauer in eine kleine farbenprächtige ESC-Welt.

18:15 Uhr. Breaking News: Wie wir hören ist Madonna heute in Tel Aviv gelandet! Hier auf der Expo ist sie allerdings noch nicht. Wir sehen die Presseprobe des zweiten Halbfinales in der Halle. Und es wird auch ohne Madonna eine großartige Show. Das zweite Semi ist viel stärker besetzt als das erste, es gibt wirklich mehrere Highlights in Folge. Die acht verschiedenen Ichs des Russen Sergey Lazarev, das knallig-bunte "Chameleon" aus Malta, der Kroate Roko mit den Engelsflügeln aus der Hölle und als man denkt, man hat alles gesehen, kommt auch noch der Top-Favorit Duncan Laurence aus den Niederlanden. Eine Frechheit bleibt für mich aber der Auftritt von Anna Odobescu aus Moldau. Nicht nur, dass die Performance mit der Sandmalerin komplett abgekupfert ist, nein. Das was die Sandmalerin auf er Bühne macht, ist ziemlich offensichtlich nicht das, was im Hintergrund auf dem Bildschirm läuft, was den gesamten Auftritt noch abstruser macht. Dafür dass morgen Abend die Liveshow ist, passieren aber noch einige Fehler. Der gravierendste sicherlich: Bei der Armenierin Srbuk und dem Song "Walking Out" gibt es die berüchtigte ESC-typische Klatschfalle, was bedeutet, das Publikum denkt, ein Song sei vorbei und applaudiert, er steigert sich aber noch weiter. Die Regie allerdings blendet nach der Klatschfalle schon mal für ein paar Sekunden die nachfolgende Postcard von Irland ein, Srbuk singt aber noch weiter und brennt ein Pyrofeuerwerk ab, das man ungerne verpasst hätte. Jetzt essen wir schnell noch etwas vor dem Interview mit dem Italiener Mahmood. Der Ort unserer Wahl (und viel Wahl haben wir auf dem Expo-Gelände nicht) ist der Food-Court, der allerdings aus gerade einmal zwei kleinen Bussen besteht, aus denen Essen verkauft wird. Nicht selten wartet man 20, 30 Minuten auf seine Falafel, Fish & Chips oder auch nur um ein Eis zu bezahlen - und das obwohl nie wirklich viele Leute anstehen. Während wir essen, grüßen uns die Tschechen von Lake Malawi, die an uns vorbeikommen und wünschen uns typisch tschechisch "Bon appétit". Nett!

11:30 Uhr. Eine Woche sind wir jetzt in Tel Aviv. Auch ich finde an diesem Vormittag endlich einmal Zeit, an den Strand zu gehen - und zum ersten Mal das Tel Aviver Mittelmeer zu spüren. Ja, natürlich ist es kalt, aber bei der Wärme in der Stadt und dem auch um diese Uhrzeit schon sehr heißen Sand eine sehr schöne Abwechslung. Ein Großteil des Teams kommt mit zum Strand, außerdem ein ehemaliger Mitstudent von mir, der auch zum Event in Tel Aviv ist. Der ESC bringt Menschen eben immer wieder zusammen.

00:45 Uhr. Ein Riesen-Jubel im Pressezentrum, als Serhat aus San Marino ins Finale einzieht. Selbst die traditionell lauten Pressevertreter aus Griechenland oder Zypern machten nicht so einen Lärm. Sehr schade, wie ich finde: Tulia aus Polen sind raus. Die Show ist zu Ende, im Pressezentrum beginnen unsere Livestreams. Ich stehe mit Alina für eurovision.de vor der Kamera, Stefan macht im Backstage Interviews mit den Kandidaten. Die Stimmung bei vielen ist gelöst. An einigen Tischen umarmen sich Menschen. Was für ein spannendes Ergebnis.

Dienstag, 14.05.2019

Journalisten im Pressezentrum des ESC in Tel Aviv sehen den Ungarn Joci Pápai.  Foto: Marcel Stober

Fehlt nur noch das Popcorn: Wenn es wenig gute Plätze im Pressezentrum gibt, muss man sie sich selbst machen und wie im Kino den ESC schauen.

23:25 Uhr. Journalisten im Pressezentrum sind oft auch nur Fans ohne Ticket. Egal ob Zypern, Island, Griechenland, Polen - laut mitgejubelt, geklatscht, gesungen wird immer. Bei Polen formieren sich nicht weniger als 16 Journalisten mit großen und kleinen Flaggen, um Tulia von hier aus zu unterstützen. An unserem Platz können wir nur schlecht hören. Der Ton aus den Lautsprechern kommt hier kaum an, also machen wir es wie viele der Pressevertreter und bauen uns vor der einzigen Großbildleinwand auf. Mitten in der Performance von D mol fällt aber auch den Organisatoren auf, dass etwas nicht stimmt - plötzlich gibt es Ton überall und zu Beginn ist es so laut, dass wir uns überhaupt nicht mehr verstehen.

20:05 Uhr. Aufruhr bei uns am Tisch im Pressezentrum. Die Belgier verschenken irgendwo im Gebäude Thermobecher mit dem Aufdruck von Eliots Song "Wake Up" darauf. Sofort lassen alle um mich herum alles stehen und liegen und suchen die Belgier. Die große Ernüchterung folgt: Die Becher waren alle schon weg, dafür haben wir jetzt sehr viele CDs von Eliot.

Die S!sters Carlotta Truman und Laurita mit Marcel Stober in Tel Aviv.  Foto: Claudia Timmann

Geballte Sisterhood: Die S!sters Carlotta und Laurita - und ich zusammen im Park.

19:15 Uhr. Die S!sters geben sich ganz entspannt und locker. Rund 30 Fans kommen zu dem verlosten Meet & Greet, in dem es mit einem Ballon bis zu 90 Meter hoch über Tel Aviv hinausgeht. Einige von ihnen haben sich kleine Deutschland-Flaggen auf die Wangen gemalt. Sechs Leute können zeitgleich hoch - Carlotta und Laurita fahren zwei Mal. Das eigentliche Treffen mit den Fans findet viel eher auf dem Boden statt. Man kommt ins Gespräch über Proben, die Connection zwischen den beiden, die S!sters geben Autogramme und machen Fotos. Am Rande höre ich das Gerücht, dass Madonna angeblich bald in Tel Aviv ankomme und dass ausgerechnet der exaltierte Star-Komponist Philipp Kirkorov aus der russischen Delegation sich weigere, sein Zimmer für die Sängerin und ihre Entourage zu räumen. Das etwa anderthalbstündige Treffen mit den Fans genießen die S!sters sehr. Von uns lassen sie sich auch interviewen - Laurita stimmt spontan mit Mediengestalterin Christin, die ein Sailor-Moon-Shirt trägt, den Titelsong der gleichnamigen Serie an. Carlotta und ich sind eher Generation "Lenßen & Partner". Zum Stand geht es für uns jetzt nicht mehr. Dafür gleich in die Halle, wo unser Chef im Pressezentrum einen Tisch für uns freigehalten hat. Nur noch wenige Stunden bis Semi eins!

News

S!sters in Tel Aviv: Mit den Fans geht es hoch hinaus

13:25 Uhr. Es ist nicht immer ganz einfach, in Tel Aviv ein Taxi zu bekommen - auch in der Nacht von der Halle weg. Viele von uns haben Apps, um sie zu rufen - aber etwa im Vergleich zu Lissabon vergangenes Jahr dauert es länger und ist komplizierter. Ein weiteres Problem ist das Roaming: Wer kein Datenpaket hat, ist auf WLAN angewiesen, und wer, so wie ich, eins hat, bei dem kann es gegen Ende des Tages auch plötzlich vorbei sein mit Internet. Auch vor jedem Anruf wird immer im Kopf durchgegangen: Wo ist derjenige gerade, hat er Internet, kann er übers Netz oder über IP telefonieren - oder wer ist bei ihm, der das kann? Die Nacht gestern endete im Euroclub - sehr schön, doch leider sehr kurz. Um 03:50 Uhr schließt er, erst etwa eine Stunde vorher kamen wir an, weil wir noch Videos für die Seite schneiden mussten - etwa Alinas und Stefans Halbfinalprognose. Heute fliege ich mit den S!sters in einem Ballon über Tel Aviv - für ein ganz besonderes Meet & Greet mit den Fans. Die meisten anderen können sich endlich einen halben Tag Pause gönnen und an den Strand gehen, bevor heute Abend das erste Halbfinale startet.

Dana International vertritt 2011 Israel beim ESC mit "Ding Dong" © NDR Foto: Andrej Isakovic

Dana International war dem ESC immer verbunden. 1998 gewann sie ihn - 2011 trat sie erneut an und 2019 in ihrer Heimat Israel ist sie natürlich wieder auf der Bühne.

00:10 Uhr. Das Jury-Semifinale ist fast vorbei. Was leider bei der schönen Show nicht so ganz passt: Dana International, die während der Votingpause auftritt und einen Bruno-Mars-Song singt, zu dem eine Kiss-Cam im Publikum eingeblendet wird. Es hätte viele, viele gute ESC-Songs gegeben, zu denen man hätte küssen können. Wenigstens "Sebi" von den zwei Turteltauben Zala und Gašper aus Slowenien. Das Duo ist mein Favorit in Semi eins. Ein Journalist kommt herum und fragt Leute im Pressezentrum nach ihren Top fünf. Ich musste allerdings überlegen - dieses Halbfinale ist wesentlich ausgeglichener als das zweite, finde ich. Wer hier weiterkommt ist noch längst nicht entschieden.

Montag, 13.05.2019

Das Pressezentrum in Tel Aviv während der Juryshow des ersten Halbfinales.  Foto: Marcel Stober

Im ganzen Pressezentrum gibt es ein paar Bildschirme, aber nur eine richtige Großbildleinwand. Auf die gucken natürlich alle am liebsten.

22:50 Uhr. Mit der ich weiß schon nicht mehr wie vielten Taxifahrt heute geht es wieder zurück zur Expo Tel Aviv. Hier wird es heute Abend zum ersten Mal ernst. Die 17 Teilnehmer von Halbfinale eins machen ihre Juryshow - also die Show, in der sich 50 Prozent der Stimmen entscheiden. Unser Team sieht die Show geschlossen im Pressezentrum. Viel los ist heute Abend gar nicht - aber die Pressevertreter, die hier sind, machen schon ordentlich Stimmung. Es wird ordentlich mitgeklatscht bei Tamta, Zena, eigentlich bei allen. An vielen Tischen sind Laptops aufgeklappt, andernorts werden Stühle zusammengestellt. Auch wir haben unsere Stühle direkt vor der einzigen Großbildleinwand des Pressezentrums aufgebaut und haben besten Blick!

Die S!sters bei ihrem Auftritt beim Eurovision Village in Tel Aviv.  Foto: Claudia Timmann

Die S!sters sind nur drei Minuten beim Eurovision Village - haben sich den Applaus aber verdient.

20:15 Uhr. Das Dress-Rehearsal, also die Generalprobe zur Juryshow, beginnt erst mit 15-minütiger Verspätung und wird dann gleich zu Beginn noch mal für 15 Minuten unterbrochen. Zeit genug, die Halle mal auf sich wirken zu lassen. Immer ein tolles Gefühl, eine ESC-Halle zum ersten Mal zu betreten - verglichen mit Lissabon ist es in Tel Aviv aber deutlich kleiner. Auch wenn die Zuschauerränge bis unter die Hallendecke gehen - hier an der Expo passen längst nicht so viele rein. Noch sitzt nicht jede Moderation und jede Umbaupause - aber beim Halbfinale der Jurys heute Abend wird das sicherlich besser werden. Was gar nicht geht: Bei den Proben von Weißrussland und Serbien fängt plötzlich ein lautes Geräusch an, alle im Publikum zu irritieren. Es klingt wie eine große Klimaanlage, die den Raum durchpustet - ein Lärm, bei dem man eigentlich nicht proben kann. Besonders schön finde ich die Inszenierung von Joci Pápai aus Ungarn - die Farben und Lichter sind sehr stimmungsvoll. Auch Kate Miller-Heidke und Hatari, die wir heute im Taxi im israelischen Radio hören, sind aber natürlich Hingucker. Ich schaue viel zusammen mit den Kollegen von ESC kompakt und mit Tim Frühling, der für den Hessischen Rundfunk die ARD-Radiowellen beliefert, muss nach den 17 Songs aber sofort gehen. Das Videoteam filmt noch den Auftritt der S!sters im Eurovision Village. Das Village ist richtig schön, groß, und direkt am Wasser gelegen. Die beiden S!sters machen ihre Sache richtig gut, das Village ist ganz gut gefüllt für den Vorabend eines ESC-Abends. Das Video wird bald fertig geschnitten, jetzt treffen wir uns mit unserem Chef in der Nähe des Euroclubs in einem Fischrestaurant, wo er für uns reserviert hat.

Der Niederländer Duncan Laurence bei einem Showcase in Tel Aviv.  Foto: Marcel Stober

30 Minuten lang zeigt Duncan Laurence, was er kann. Und das ist einiges: Hoch, tief, gefühlvoll - diese Stimme kann am Ende beim ESC richtig weit oben landen.

14:55 Uhr. Der Taxifahrer ist sichtlich irritiert, als er Videoproducerin Mairena, Alina und mich in einem ganz und gar nicht touristischen Teil Tel Avivs nahe der Autobahn herauslässt. Doch die Addresse stimmt: Genau hierher hat uns - und auch ein paar andere Pressevertreter - die niederländische Delegation hin eingeladen. Duncan Laurence gibt ein Showcase, eine Art Geheimkonzert und spielt ein paar seiner Songs für die Gäste. Viele Kamerateams haben sich aufgebaut. Etwa eine halbe Stunde lang singt der Niederländer. Seine melancholischen Popsongs berühren auch in diesem kleineren Rahmen. Er freut sich, sagt Duncan, dass er neben den ganzen Interviews, die er gibt, endlich das machen kann, was er liebt: Musik. Er fühle sich hier richtig wohl - der ESC gebe ihm die Möglichkeit viele tolle Künstler kennenzulernen und eine richtig gute Zeit mit ihnen zu haben. Mit "Arcade" endet das kleine Konzert am Mittag. Mairena und ich fahren zur Halle, in der um 16 Uhr eine Probe für das erste Halbfinale stattfindet. Als wir in das Taxi einsteigen, läuft im Radio die englische Version von Nicoles "Ein bisschen Frieden". Videobeweis siehe unten! Wir bitten den Fahrer, lauter zu machen.

Ein israelisches Taxi in Tel Aviv von innen.

Taxifahrt in Tel Aviv mit Nicole im Radio

ESC Update -

Während Alina draußen am Taxi vorbeigeht, erleben Videoproducerin Mairena und Blogger Marcel darin eine Überraschung: Im Taxi-Radio singt Nicole "Ein bisschen Frieden" auf Englisch.

0 bei 0 Bewertungen

Mit von 5 Sternen

bewerten

Vielen Dank.

schließen

Sie haben bereits abgestimmt.

schließen

13 Uhr. An sich ist heute gar kein so voll geplanter Tag, doch alle wichtigen Sachen passieren fast zur gleichen Zeit. Am Mittag sind wir mit der Dänin Leonora und dem Spanier Miki nahezu zur gleichen Zeit zum Interview verabredet. Beide zeigen sich sehr sympatisch und der Dreh mit ihnen ist schnell und schön. Leonora erkennt mich sogar wieder. Wir hatten uns schon bei Eurovision in Concert in Amsterdam kurz getroffen und gesprochen. Wir drehen im 18. Stock des deutschen Hotels mit einer großartigen Aussicht aufs Mittelmeer. Jetzt müssen wir uns aber wieder beeilen, denn das nächste Highlight beginnt schon in einer halben Stunde - am anderen Ende der Stadt. Und Tel Aviv zeigt sich zum Beginn der ESC-Woche auch von den Temperaturen deutlich wärmer als noch bis gestern. Eigentlich so, wie wir es erwartet hatten.

Sonntag, 12.05.2019

Die Journalisten beim Roten Teppich in Tel Aviv.  Foto: Marcel Stober

Der Andrang am roten Teppich ist groß - die Platzkapazitäten nicht. Deshalb müssen auch wir kurzzeitig umdisponieren und ich komme auch zum Veranstaltungsort.

20:10 Uhr. Manchmal kommt es eben doch ganz anders als gedacht. Eigentlich hätte ich den Orange Carpet am Habima Square in Tel Aviv nie zu Gesicht bekommen, aber nun fahre ich mit meiner Kollegin Mairena dorthin, um noch ein technisches Gerät zu bringen, das das Videosignal einer Kamera ins Hotel bringt. Unser Team vor Ort musste sich aufteilen, weil es an einem der wohl kürzesten Teppiche kaum Platz zum Stehen am Rand gibt. Stefan wartet nun ganz vorne auf die Kandidaten, Alina ganz hinten. Es dauert, bis wir reinkommen, es dauert noch länger bis wir wieder raus dürfen. Erst heißt es, wir müssten auf ein Auto warten, das vorher fahren muss, dann fahren mehrere, wir dürfen immer noch nicht gehen. Warum weiß niemand. Warum wir dann doch dürfen, genauso wenig. Es ist chaotisch am Teppich. Wir holen uns eine Pizza an der Straße um die Ecke und fahren zurück zum Hotel. Dort nehmen wir die Videos von vor Ort in Empfang und verarbeiten sie weiter für die Webseite. Zwei Stunden waren wir jetzt dafür unterwegs. Im Hotel ist die Pizza kalt.

Zala Kralj & Gašper Šantl zusammen mit Alina Stiegler im Speeddate.  Foto: Claudia Timmann

So viel Liebe! Alinas Versuch in der trauten Zweisamkeit von Zala Kralj & Gašper Šantl ein Interview zu führen.

14:40 Uhr. Wir treffen die Slowenen Zala Kralj & Gašper Šantl am Strand von Tel Aviv zum Interview und es bestätigt sich: Sie sind nicht nur so verliebt wie Alfred und Amaia, die Spanier von vergangenem Jahr, nein, sie sind schlimmer. Die gesamte Zeit vor und neben der Kamera schmachten sich die beiden dermaßen an, dass man sich fast fragt, ob es nicht zu überzogen ist, um echt zu sein. Nach dem Interview entsteht noch ein sehr schöner Dialog mit einem etwa 60-jährigen Israeli, der sich mit einer aus der slowenischen Delegation unterhält: "Where are you from?" - "Slovenia." - "Romania?" - "Slovenia." - "Slovenia or Slovakia?" - "Slovenia!" - "From Zagreb?" Herrlich. Nachdem uns das Taxi gefunden hat, geht es ab zum Hotel der Griechen für ein Treffen mit Katerine Duska. Sie singt ihr "Better Love" in einer Version von Céline Dion und signiert für Alina, Stefan und mich auch noch eine CD von sich. Als wir von dort wegfahren, um Kate Miller-Heidke aus Australien zu treffen, läuft im Radio des Taxifahrers der Song "Socrates" von Elpida, Griechenlands Song des ersten ESC in Israel 1979 in Jerusalem. Klingt ausgedacht, ist aber tatsächlich so.

Team Technikolor rund um Maltas Sängerin Michela.  Foto: Claudia Timmann

Wir heißen Michela aus Malta herzlich im Team Technikolor willkommen!

09:35 Uhr. Es ist früh. Sehr früh - für uns und für Michela aus Malta. Wir treffen uns mit ihr in der Lobby ihres Hotels. Einige von uns tragen T-Shirts mit der Aufschrift "Wir sind Technikolor" - eine Anspielung an Stefans Songcheck-Strafe, in der er den Song "Chameleon" auf Deutsch performen musste. In der Delegation ist man ganz angetan von unseren Shirts und unserem Video - Michela selbst scheint noch etwas müde. Gestern habe sie über Stunden mehr als 20 Interviews geben müssen. Nach uns könne sich sich ein bisschen ausruhen, heißt es aus der Delegation. Mit Stefans "Chameleon" haben wir sie aber ein bisschen zum Lachen gebracht.

Hatari aus Island auf der Nordic Party.  Foto: Claudia Timmann

Überraschend viel Farbe, wenig Leder bei Hatari aus Island auf der Nordic Party. So casual wie hier im Interview treten sie in der Nacht auch auf.

03:20 Uhr. Der Euroclub ist wesentlich größer als im vergangenen Jahr in Lissabon - sehr gut, viele Fans und Presseakkreditierte haben hier drin Platz! Vielleicht ist er auch ein bisschen zu groß, allerdings ist heute ja erst der erste Abend gewesen. Es ist noch nicht ganz voll hier drin. Um kurz nach Mitternacht beginnen die Performances. Die Moderatorin kündigt an, der erste Act sei "from Sweden" und alle freuen sich auf John Lundvik. Etwas ernüchtert die Reaktion, als es dann doch mit dem in Schweden geborenen Victor Crone losgeht, der für Estland startet. Norwegen, Island und Schweden bekommen den größten Applaus des Publikums. Vor allem Hatari überraschen mit bunten, schillernden Outfits. Bei dieser Band ist man nie sicher, was sie ernst meint und was nicht. Der DJ spielt den Abend über fast ausschließlich skandinavische (und estnische) ESC-Songs und Stücke aus den Vorentscheiden. Als Stargäste treten Kristia Siegfrids (Malmö 2013) und Charlotte Perrelli (Siegerin aus Jerusalem 1999 und Finalteilnehmerin Belgrad 2008) auf. Siegfrids sang damals "Marry Me", mittlerweile sei sie allerdings geschieden und wieder auf der Suche. Als wir gehen wollen und schon fast den Club verlassen haben, müssen wir doch noch zurücklaufen. Der DJ spielt "Fuego". Wir können nicht anders.

Samstag, 11.05.2019

Alina Stiegler und Serhat aus San Marino am Strand von Tel Aviv.  Foto: Claudia Timmann

Es knistert zwischen Alina und Serhat. Die beiden drehen ihr Speeddate im Sonnenuntergang am Strand von Tel Aviv.

22:30 Uhr. Was könnte romantischer sein, als "Say Na Na Na" im Sonnenuntergang vorgesungen zu bekommen? Für Alina sicherlich nichts mehr. Denn diese Atmosphäre ist ganz besonders schön für ein Speeddate mit Serhat aus San Marino. Und natürlich singt er für uns seinen Wettbewerbssong. Es entstehen eine Reihe an Bildern mit Serhat, Alina, Stefan und dem Team, die wunderbar auch Werbung für Pauschalreisen oder Cover für Groschenromane sein könnten. Serhat genießt die ESC-Zeit sichtlich, nimmt jeden Fotowunsch der Fans am Strand sehr gerne mit. Serhat war auf einer deutschen Schule in Istanbul, und kann sich deshalb perfekt mit uns auf Deutsch unterhalten. Es ist ein kleiner Wettlauf gegen die Zeit, alles, was wir mit ihm geplant haben, vor Sonnenuntergang durchzubekommen - aber es hat funktioniert, und es hat sich gelohnt! Alina, Stefan und unsere Fotografin Claudia gehen jetzt schon mal auf die Nordische Party, die im Euroclub stattfindet. Der Rest des Teams, mit mir, kommt in der Nacht noch nach.

Émilie Satt und Jean-Karl Lucas von Madame Monsieur in Tel Aviv.  Foto: Marcel Stober

Alina interviewt Bilal, währenddessen sage ich Bonjour zu Madame Monsieur.

17:30 Uhr. Okay, dass Sabbat ist, merkt man doch an Details. Nein, es sind nicht über Nacht alle automatischen Drehtüren in den Hotels dieses Landes kaputt gegangen. Sie laufen aus religiösen Gründen heute nicht. Eine Regel des Sabbat besagt, es ist verboten, Feuer zu machen. Streng auf die Neuzeit übertragen heißt das, auch Technik zu gebrauchen, ist nicht erlaubt. Alina, Mediengestalter Josh und ich machen uns auf den knapp einstündigen Weg zum Hotel der Franzosen, das außerhalb von Tel Aviv liegt. Der Feind in Israel ist übrigens nicht die Sonne - die Temperaturen draußen sind wirklich angenehm - sondern die Klimaanlage. Überall sind sie und verbreiten Eiseskälte: in den Taxis, im Hotel, in Restaurants. Man braucht langärmelige Kleidung für drinnen. Bilal Hassani hat nicht viel Zeit, wie passend, dass wir ein Speeddate mit ihm vorhaben. Madame Monsieur, Frankreichs Kandidaten aus Lissabon 2018, sitzen im Hintergrund und geben einem anderen Kamerateam ein Interview. Als Komponisten von Bilals "Roi" sind sie in Tel Aviv dabei. Wieder zurück in unserem eigenen Hotel gehen wir zum ersten Mal überhaupt an den Strand - allerdings auch aus beruflichen Gründen, und nur, um kurz eine Liveschalte mit Alina zu proben. Team zwei, das John Lundvik und Tulia interviewte kommt auch wieder zurück. Jetzt wird gebrainstormt, was wir nachher mit Serhat machen.

11:15 Uhr. Der heutige Tag beginnt etwas entspannter. Im Gegensatz zu gestern gibt es sogar warmes Wasser zum Duschen in unserer Wohnung! Wir fahren zum Hotel und werden das Team heute aufsplitten, weil wir zum ersten Mal Interviews zur gleichen Zeit haben. Während Stefan Spiegel zu Speeddates (und hoffentlich auch Ukulele-Sessions) mit John Lundvik aus Schweden und Tulia aus Polen fährt, begleite ich Alina Stiegler mit zum Franzosen Bilal Hassani. Stefan, Alina und unsere Fotografin Claudia sind heute mit dem Elektro-Roller hier hergefahren, die man überall in der Stadt ausleihen kann. Jan Feddersen ist sofort Feuer und Flamme, für die 600 Meter zum Hotel der Schweden, einen Roller auszutesten. Parallel finden die Proben fürs zweite Halbfinale in der Halle statt, die wir leider verpassen. In Tel Aviv ist jetzt Sabbat. Busse fahren nicht, aber sonst sieht das tägliche Leben hier genauso aus wie sonst auch. Heute Abend treffen wir Serhat aus San Marino und ein weiteres Highlight folgt in der Nacht: die beim ESC schon legendäre Nordische Party mit allen skandinavischen Künstlern und Victor Crone, der für Estland startet, aber auch gebürtiger Schwede ist.

Freitag, 10.05.2019

Für Deutschland stehen S!ster mit "Sister" auf der ESC-Bühne. © eurovision.tv Foto: Thomas Hanses

Die S!sters probieren sich aus: Bei vier Durchläufen verändern sie jedes Mal etwas an der Choreografie.

19:55 Uhr. Michael Rice' Auftritt ist unspektakulär. Der Brite beginnt in Schwarz-Weiß, später kommen sowohl Farbe als auch Background-Sänger dazu. Doch eigentlich warten wir ganz gespannt nur auf das 41. und letzte Land, das seine erste Probe absolviert. Um 19.20 Uhr Ortszeit betreten die S!sters die große Bühne im Pavillon 2 der Expo Tel Aviv, ein paar hundert Meter weiter im Pressezentrum können wir die Probe über den Bildschirm verfolgen. In Durchgang eins sitzen Carlotta und Laurita zuerst auf Stühlen. Beide blicken beim Singen ausdrucksstark in die Kamera. Zu Beginn des Refrains gehen sie auf zwei Bühnenarmen gemeinsam nach vorne, bleiben den Rest des Songs über dort stehen und schauen sich beim Singen in die Augen. Sie stehen ganz nah am natürlich noch leeren Zuschauerraum. Den Song singen sie richtig gut. In Durchgang zwei stehen sie schon zu Beginn und schauen nach dem ersten Chorus weiter ins Publikum. Oft sieht man im Hintergrund große Aufnahmen der Gesichter der beiden S!sters beim Singen. Probe drei endet mit Pyro-Regen vor Bildern von Frauen auf der Großbildleinwand, am Ende werden aus zwei männlichen zwei weibliche Gender-Zeichen, die sich ganz zum Schluss in ein Peace-Zeichen verwandeln. In der vierten und letzten Probe des Tages gehen Carlotta und Laurita erst zu Beginn der zweiten Strophe Richtung Bildmitte los. In vier Durchgängen haben wir also vier verschiedene Choreo-Varianten gesehen - offenbar ist hier noch Work in Progress. Wir sind gespannt auf die zweite Probe am Sonntagmittag. Der Probentag ist jetzt vorbei, das Pressezentrum wird bald schließen und wir machen uns auf den Rückweg ins Hotel.

Für Spanien steht Miki mit "La venda" auf der ESC-Bühne. © eurovision.tv Foto: Andres Putting

Ein kunterbunter wilder Haufen: Miki aus Spanien und seine Partycrew.

18:35 Uhr. Endlich ist der Moment gekommen, an dem wir den Tagungssort sehen. Die Expo Tel Aviv ist sehr grün, es gibt Rasenflächen und die Gebäude sind bunt angemalt. Die Akkreditierung und der Sicherheitscheck gehen sehr schnell. Die erste Probe von Kobi Marimi aus Israel haben wir verpasst, dafür kommen wir rechtzeitung, um Bilal Hassani aus Frankreich auf einem Bildschirm hier performen zu sehen. Sein Auftritt wird gut ankommen, keine Frage - auch Irving Wolther, den wir hier treffen, schreibt von Beifallsstürmen im Pressezentrum. Für mich ist Bilal eine Spur zu drüber. Außerdem hat er immer noch Probleme mit den Tönen. Etwas entsetzt bin ich von der Probe des Spaniers Miki. Ihn selbst habe ich schon bei Eurovision in Concert in Amsterdam kennengelernt, sein Song "La venda" gehört zu meinen Lieblingsliedern. Die Performance im Puppenhaus habe ich allerdings nicht verstanden, warum dann noch eine leuchtende Riesenmarionette auf die Bühne läuft: keine Ahnung. Hier passt, finde ich, leider sehr viel nicht zusammen. Der Italiener Mahmood liefert "Soldi" solide ab. Er hat drei Backgroundtänzer auf der Bühne, die vorrangig für das charakteristische Klatschen zuständig sind - im Pressezentrum klatschen die Journalisten eifrig mit. Heute ist es zum ersten Mal richtig voll hier, sagt Benjamin Hertlein vom Blog ESC kompakt. Sonst ist das Pressezentrum aber leider etwas enttäuschend. Gute Plätze, an denen man die wenigen kleinen Bildschirme sehen kann, sind rar.

Die Tschechen von Lake Malawi zusammen mit Stefan Spiegel.  Foto: Claudia Timmann

Gleich läuft die Kamera! Letzte Vorbereitungen zwischen Lake Malawi und Stefan Spiegel vor der Ukulele-Session.

15:20 Uhr. Im Gegensatz zu gestern, haben wir heute sogar kurz Gelegenheit, Mittagessen zu gehen. Danach geht es direkt ins Hotel der Tschechen. Lake Malawi nimmt sich sehr viel Zeit für uns. Die Jungs sind cool drauf - wir drehen mit ihnen auf der Dachterrasse neben dem hoteleigenen Pool 30 Stockwerke über Tel Aviv. In dieser Höhe beeindruckt uns Sänger Albert Černý mit einem Kopfstand am Rande der Terrasse. Seine Bandkollegen nehmen Stefans Mini-Klavier gleich an sich und spielen selbst bei ihrer Ukulele-Version von "Friend Of A Friend". Albert und Stefan fachsimpeln etwas über Tonarten, am Ende singt die Band auch noch den Refrain des deutschen Songs "Sister". Außerdem nimmt Albert noch eine süße kurze Nachricht für die Tochter unseres Chefs auf, die ein großer Fan der Band geworden ist. Unser Speeddate-Interview habe ihnen richtig Spaß gemacht, sagt er uns zum Abschluss - weil wir eben auch mal andere Fragen stellen. Gestern hätte die Band drei Stunden Interviews gegeben und die Frage, warum die Gruppe überhaupt Lake Malawi heiße, irgendwann nur noch mit "Next question" kommentiert. Wir verabreden uns auf ein Wiedersehen am Orange Carpet am Sonntag, wenn der ESC in Tel Aviv offiziell eröffnet wird. Jetzt - nach etwa 48 Stunden Tel Aviv - schaffen wir es endlich zum ersten Mal, zum Pressezentrum an die Halle zu fahren. Pünktlich zu den ersten Proben der Big Five.

12:15 Uhr. Es ist schon beeindruckend, wie viel Charisma ein Künstler haben kann. Bei Duncan Laurence aus den Niederlanden sind wir uns alle einig. Wir treffen ihn in einer Tapas-Bar, die niederländische Delegation hat hier einige Interview für ihn organisiert. Ein wunderschöner Ort am alten Bahnhof Tel Avivs. Passend zum Interviewbeginn hören wir natürlich Presslufthammer aus der Ferne. Traumhaft. In seinem Speeddate erzählt Duncan von seiner Angst vor dem offenen Meer. Wenn man an sein Video zu "Arcade" zurückdenkt, in dem er nackt tauchen geht, eine sehr interessante Antwort. Zur Ukulele-Session bringt Stefan heute noch sein Synthie-Keyboard mit. Das klingt schon sehr lustig - auch Duncan kann bei seinem eigentlich traurigen Song kaum ernst bleiben.

Donnerstag, 09.05.2019

Die S!sters aus Deutschland mit dem aserbaidschanischen ESC-Kandidaten Chingiz.  Foto: Claudia Timmann

Chingiz und die S!sters lernen sich auf dem Balkon im deutschen Hotel besser kennen.

23:45 Uhr. Das letzte Interview des Tages machen wir mit Chingiz - und auch die S!sters aus Deutschland schauen dafür vorbei und machen das Speeddate mit Chingiz ganz launig einfach selbst. Zusammen covern sie außerdem den Song "Truth" des Aserbaidschaners. Mittlerweile wird es Abend. Unser Teamchef hat als einziger von uns eine Einladung zur australischen Party in der Botschaft bekommen. Die nächsten Stunden über schickt er uns Selfies mit VIPs wie John Lundvik aus Schweden oder Tulia aus Polen. Wir arbeiten im Hotel weiter, schneiden Clips für die Homepage. Gemeinsam gehen wir später eine Viertelstunde entfernt in einem besseren Imbiss essen - danach gibt es auch noch eine Kugel Crème-Brûlée-Eis. Fancy Tel Aviv. Der Fußweg heim wird tierisch. Viele Katzen begegnen uns auf den Straßen. Fledermäuse fliegen auf einer Straße über unsere Köpfe hinweg. Wieder im Apartment angekommen, ist unser Chef schon da. Er hat uns Kate-Miller-Heidke-Kronen zum Selberbasteln mitgebracht. Auf der Dachterrasse klingt zu ESC-Musik der Abend aus.

Der Schweizer ESC-Kandidat Luca Hänni und Songcheck-Moderatorin Alina Stiegler.  Foto: Claudia Timmann

Spaß mit Stiegler: DSDS-Sieger Luca Hänni, der für die Schweiz einer der Siegfavoriten des ESC 2019 ist.

16:40 Uhr. Man sollte meinen, jetzt, da die nächsten drei Interviews alle am gleichen Ort stattfinden, wird es weniger stressig. Oh nein. Paenda aus Österreich, Luca Hänni aus der Schweiz und Chingiz aus Aserbaidschan kommen alle ins Hotel der deutschen Delegation, in dem wir auch arbeiten und Videos schneiden. Und es geht Schlag auf Schlag. Jede Delegation bringt noch eigene Social-Media-Leute mit, neben den Interviews entstehen noch jede Menge Boomerangs und Clips für Instagram. Stefan verspielt sich erst bei der Ukulele-Session zu "Limits" - was Sängerin Paenda mit liebevoller Strenge berichtigt. Luca Hänni kann heute leider nicht singen. Schon vor seinem Abflug nach Tel Aviv hat er sich krank gefühlt, sagt der Schweizer. Er schont seine Stimme, trägt häufig einen Schal um den Hals. Dafür gibt er die wohl schönste Speeddate-Antwort heute: Auf Alinas Frage, welcher Schweizer Käse er gerne sein würde, antwortet er ohne lange nachzudenken: "Emmentaler". Das lassen wir so stehen. Sowohl er als auch Paenda kommen nach den Speeddates noch bei mir für den ARD Hörfunk vors Mikrofon. Da die Radiokollegen aber noch nicht hier sind, haben wir noch keine Mikros und müssen diese Interviews aus Mangel an Alternativen auch mit der Kamera filmen.

Conan Osíris und sein Tänzer João Reis Moreira vor dem Mittelmeer.  Foto: Claudia Timmann

Stets gut angezogen und immer bereit zu posieren: Conan Osíris und sein Tänzer João Reis Moreira stehen gemeinsam für Portugal auf der ESC-Bühne.

14:30 Uhr. Das erste Interview mit Conan Osíris aus Portugal findet nicht in Tel Aviv, sondern in einem Vorort statt. Nach rund 30 Minuten Fahrt kommen wir am Hotel an und treffen auf den Sänger und seinen Tänzer João Reis Moreira, der heute auch noch Geburtstag hat. Die beiden sind sehr locker, lassen sich in allen möglichen Posen fotografieren - Alina macht ein Speeddate mit ihnen und Stefan nimmt eine ganz besondere Ukulele-Version vom portugiesischen Song "Telemóveis" auf. Leider brauchen wir zurück nach Tel Aviv anderthalb Stunden. Wegen des Unabhängigkeitstages sind Straßen gesperrt, es gibt Verkehrsstaus und es findet sich erst nach einiger Zeit überhaupt ein Taxifahrer, der uns mitnimmt. Beim Warten treffen wir außerdem noch die belgische Delegation mit Eliot, die auch in diesem Hotel wohnen. Sie haben aber einen Bus, der sie mitnimmt. Zu unserem Interview mit KEiiNO aus Norwegen kommen wir leider zu spät - etwas gehetzt aber herzlich können wir trotzdem mit ihnen drehen. Zusätzlich zu Speeddate und Ukulele-Version können wir mit ihnen noch ein Spiel spielen. Die drei Bandmitglieder singen ältere deutsche ESC-Songs, die sie über Kopfhörer hören, und Alina und Stefan mussten erraten, welche es sind. Das wird ein schönes Video! Heute Nachmittag treffen wir noch die Kandidaten aus Österreich, der Schweiz und Aserbaidschan.

Eine Milchverpackung aus Israel mit ESC-Werbung darauf.

Mit der Milch aufgesogen wird in Israel ESC-Wissen. Hier informiert die Milchverpackung über die vier bisherigen israelischen Sieger.

08:45 Uhr. Die erste Nacht war kurz. Gegen 2:20 Uhr ist endlich auch Stefan Spiegel, der einen anderen Flug genommen hatte als wir, angekommen und hat seine Ukulele mitgebracht. Nach drei Stunden Schlaf geht es heute mit fünf geplanten Interviews sofort richtig los. Ich schlafe in dem Raum des Apartments, der mit stärkeren Wänden und einer Stahltür ausgestattet ist. Falls ein Alarm losgeht, sollen wir darin sicherer sein, als anderswo in der Wohnung. In Israel ist so ein Raum, gerade in neueren Apartments, ganz normal. Positiver Nebeneffekt: Die - gerade am Unabhängigkeitstag - lauten Straßen der Tel Aviver Nacht, höre ich durch die Fenster überhaupt nicht. Zum Frühstück gibt es eilig eingekaufte Cornflakes mit Milch - und selbst die hat in Israel mittlerweile einen ESC-Bezug! Ein kurzer Text über die bisherigen israelischen Sieger ist darauf abgedruckt.

Mittwoch, 08.05.2019

Israelis feiern in den Straßen von Tel Aviv den Unabhängigkeitstag.

Vor allem junge Israelis machen am Unabhängigkeitstag Israels die Nacht zum Tag.

23:50 Uhr. Tel Aviv in der Dunkelheit hat Flair. Besonders heute - an Jom haAtzma’ut, dem israelischen Unabhängigkeitstag. Feiertage beginnen hier mit dem Sonnenuntergang, also kommen wir pünktlich zur wohl zweitgrößten Party - nach dem ESC. Wir beziehen unserer Apartment, in dem unsere Online-WG die nächsten zwölf Tage lang leben wird. Simone, unsere Kollegin, ist glücklicherweise sehr bewandert in Israel, kennt sich aus, spricht Hebräisch und hat für den Abend ein Restaurant ausgesucht, in dem wir auf Jan Feddersen und Irving Wolther stoßen. Ich bestelle etwas von der Karte, das ich so halb verstehe, und bekomme die israelische Variation von Köttbullar serviert, die aber nicht schlecht schmeckt. Auf dem Rückweg nach Hause kommen wir kaum voran. Viele - vor allem junge - Israelis feiern mit Flaggen auf den Bürgersteigen vor Bars und Clubs. Ein schöner, fröhlicher Vorgeschmack auf die folgenden Tage.

Andi Knoll und Peter Urban am Flughafen Tel Aviv.

Andi Knoll und Peter Urban - die ESC-Kommentatoren aus Österreich und Deutschland - im fachkundigen Gespräch am Flughafen Tel Aviv.

18 Uhr (israelische Zeit). Das waren doch mal spannende Flüge! Immer, wenn wir am Boden sind, schreibe ich mit diversen Presseverantwortlichen der Länder, um Interviewtermine und -orte für die nächsten Tage klar zu machen. In der Luft haben wir ein interessantes Gespräch mit Andi Knoll, dem ESC-Kommentator des österreichischen Fernsehens, der mit uns von Wien nach Tel Aviv geflogen ist. Er gibt zu, dass er unsere Songchecks sehr gerne nutzt, um sich auf seine Kommentatoren-Aufgabe vorzubereiten. Recherchen zu allen Teilnehmern - und dann auch noch auf Deutsch. Gern geschehen, Herr Knoll. In Tel Aviv gelandet, werden wir mit einem Bus zu einem speziellen Terminal gebracht, in dem offenbar alle ESC-Teilnehmer begrüßt werden. Die S!sters geben ihr erstes Interview auf dieser Reise. Wir sitzen relativ lange hier, werden vom Zoll befragt, können dann aber schließlich mit dem Bus in die Stadt aufbrechen, in der es langsam dunkel geworden ist.

Das Team von eurovision.de und die deutsche ESC-Delegation am Flughafen Wien.  Foto: Claudia Timmann

Das Abenteuer beginnt! Das Team von eurovision.de und die deutsche Delegation rund um die S!sters am Flughafen in Wien.

08:30 Uhr (deutsche Zeit). Das Team von eurovision.de trifft sich in Hamburg. Im Gepäck: viele Erwartungen, Vorstellungen und Gedanken über den ESC 2019 in Tel Aviv, die Stadt und Israel im Allgemeinen. Und ja, auch Übergepäck. Eine Menge Technik muss in den Fileger geschafft werden - schließlich sollen unsere Videos und Geschichten gut aussehen. Wir fliegen über Wien nach Tel Aviv. Mit dabei ist auch die deutsche Delegation rund um die S!sters Laurita und Carlotta. Den beiden wünschen wir natürlich viel Glück. Oder wie es auf Hebräisch heißt: Masel tov. Und da ich Marcel heiße, und wir dieses Wortspiel nicht liegen lassen konnten, heißt dieser Blog hier "Marcel tov". Wie wird jetzt aber der ESC in Tel Aviv sein? Ich war noch nie in Israel, doch nach allem, was ich über das Flair und das Lebensgefühl in Tel Aviv gehört habe, scheint es kaum eine Stadt im ESC-Kosmos zu geben, die diesen Wettbewerb mehr verdient hat. Nadav Guedj sang in Wien 2015 nicht umsonst: "And before I leave, let me show you Tel Aviv!"

Dieses Thema im Programm:

NDR Blue | ESC Update | 25.05.2019 | 19:05 Uhr